Eine Saison im „Sommerhaus“

Anfang Juni begann auf Møn der Sommer. Die Sonne schien Tag und Nacht, es wurde warm, die ersten Touristen rollten heran. Ja, die Sonne schien wirklich Tag und Nacht – in den „Weißen Nächten“ von Juni bis August geht sie nur knapp unter, ein Streifen Licht zieht sich auch nach Mitternacht über den nördlichen Horizont. Und ja, es wurde wirklich warm – erst 20 Grad, später 27, nicht so schwül wie letztes Jahr, sondern genau richtig, um mittags am Strand zu liegen und abends mit einem Glas Wein auf der Wiese zu sitzen. Ich erwähne das nur, weil ich öfter besorgte Anfragen bekomme, ob ich so hoch im Norden nicht erfriere und ob ich nicht gern etwas von den Temperaturen im Süden abhätte. Nej tak – behaltet eure Hitzewellen für euch – nur ein wenig Schnee für den Winter dürft ihr gern schicken!

Anfang Juli begannen dann die dänischen Sommerferien. Sechs Wochen (weitgehend) schönes Wetter, sechs Wochen Ausnahmezustand! Mein Eindruck ist: Alle Dänen machen gleichzeitig Urlaub, natürlich abgesehen von denen, die in Hotels und Sehenswürdigkeiten schuften. Die meisten Dänen verbringen zumindest einen Teil dieses Urlaubs in ihrem Sommerhaus. Idyllisch gelegen, oft liebevoll ausgestattet und gerne auf einem Inselchen – es geht darum, der Stadt zu entfliehen (jeder fünfte Däne wohnt im Ballungsraum Kopenhagen).

Der Weiler, in dem ich wohne, besteht aus zwei oder drei ganzjährig bewohnten Häusern und dreimal so vielen Sommerhäusern. Viele sind mit Reetdach gedeckt, am Zaun blühen die Rosen, und Kinder verkaufen Eis oder Saft an vorbeifahrende Touristen. Die Familie grillt im Garten oder wühlt in den Beeten, und es gibt immer etwas instandzusetzen. Sehr liebevoll haben das zum Beispiel die Nachbarn gemacht, zu deren Sommerhauseinweihung im Juli das ganze Dorf eingeladen wurde – schöne Fotos (und netten dänischen Text) gibt es auf ihrem Sommerhausblog.

Da ich mich ja fleißig in Dänemark integriere, habe auch ich die letzten Wochen in meiner Sommerresidenz verbracht. Idyllisch mit Blick auf Feld und Wald, hübsch dekoriert mit Blumenbildern und angenehm pflegeleicht – das Einzelzimmer auf dem Bakkegaard, in dem meine Geschichte auf Møn begann. Knappe acht Quadratmeter mit lauschiger Dachschräge boten Platz für ein Bett, einen Schreibtisch, ein Fenster mit Ausblick, einen schmalen Schrank, ein Waschbecken und allerhand Krimskramsbehälter. Ich habe noch immer viel zu viel Zeug! Davon abgesehen, war das Wohnen aber entspannt: Staubsaugen lohnte kaum, alles war immer griffbereit, vom Bett aus konnte ich die Kaffeemaschine und den Computer anschalten. Und morgens wurde ich vom Duft frisch gebackenen Brotes begrüßt – da kommt man nochmal lieber zum Küchendienst 🙂

Seit gestern wohne ich nun wieder in meiner Luxuswohnung einen Gebäudeflügel weiter (38 Quadratmeter, den Sommer über an Touristen vermietet). Statt glücklicher Gäste befasse ich mich ab jetzt hauptsächlich mit rätselhaften Romanfiguren, vom Bett zur Kaffeemaschine sind es über zehn Schritte, und sechs Meter Schreibtisch wollen ausgiebig abgestaubt werden. Es wird stiller werden auf Møn, im tiefen Winter wundert man sich, wenn einmal am Tag ein Auto am Haus vorbeifährt.

Im Frühjahr putzt sich die Insel dann langsam für die neue Saison heraus – ich freue mich schon!

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