Labyrinth des Lebens

Mögt ihr Labyrinthe?
Ich habe Labyrinthe schon als Kind geliebt.

Dabei habe ich null Orientierungssinn und noch weniger Ortsgedächtnis. Das fiel mir zum ersten Mal auf, als ich in der vierten Klasse einen Aufsatz über meinen Schulweg schreiben sollte und vor meinem inneren Auge nichts als Nebel erschien. Wo fuhr der Bus jeden Morgen lang? Keine Ahnung, ich habe Orts-Legasthenie! Manche finden Orte, an denen sie noch nie waren; ich habe auch nach Jahren der Sesshaftigkeit immer einen Stadtplan/eine Landkarte in der Tasche. Møn macht es mir leicht: Auf einer mittelgroßen Insel kann man nur ein paar Kilometer verkehrt fahren, bis man ins Meer fällt.

Labyrinthe betrachte ich also am allerliebsten aus sicherer Entfernung. Oder eine Zeichnung davon. Labyrinthe aus liegenden Steinen oder kniehohen Pflanzen gehen auch. Ich schummel auch nur ganz manchmal und gehe querbeet.

Manchmal hilft aber alles nichts, denn Labyrinthe können auch mitten im Leben auftauchen. Unvermittelt, vielleicht unüberwindbar. Dann muss es der Nahkampf sein.

So wie letzte Woche, als meine Freundin und Mitstreiterin Demetria Cornfield zu Besuch war. Dank trüben Februarwetters hatten wir keine Schwierigkeiten, uns viele Stunden in das Schreiben von Gruselgeschichten zu versenken. Aber am Sonntagnachmittag war Spazierengehen angesagt.

Unser Plan:
Beim Schloss Liselund die Treppe zum Strand runter, dann nach Süden die Kreidefelsen entlangwandern bis zur Treppe bei Jydelejet, dort rauf und oben an der Steilküste durch den Wald zurück. Kein Problem. Kann sogar ich ohne Karte finden.

Das Ergebnis:
Zwei Stunden durch herabgestürzte Bäume klettern, über tosenden Wellen hängen, sich jeden Meter erkämpfen und schließlich doch an Schlammlawinen scheitern. Tüfteln, ausprobieren, eigene Grenzen überwinden, neue Richtungen einschlagen. Geradeaus über den glitschigen Stamm oder rechts durch das rutschige Geröll? Unter den Zweigen durchkrabbeln oder sich oben hindurchhangeln? Trotz beginnenden Muskelkaters kamen wir keine zweihundert Meter weit. Mit nassen Schuhen und blauen Flecken saßen wir irgendwann wieder im Auto.

Wir fanden, es war der beste Tag seit Langem 🙂

Der Weg ist das Ziel – je verschlungener, desto schöner!

Als ich 2013 nach Møn kam, dachte ich, ich hätte einen klaren Plan. Ein Jahr Auszeit, den besten Roman aller Zeiten schreiben, dann von den Millionen leben. Bei Misserfolg: Zurück in den alten Beruf. 1 oder 0. Sehr straight. Und völliger Quatsch.

Dass der Roman ein Eigenleben entwickelte und sich nicht so geradeaus schreiben ließ, habe ich ja schon mal erzählt. Und selbst wenn ich ihn nach einem Jahr hätte veröffentlichen können, was dann? Bei Erfolg hätten die Leser mehr gewollt – doch in jenem ersten Jahr hatte ich null Ideen, worüber ich sonst schreiben könnte. Und ich hatte auch keine Ideen, wo ich in meinem alten Beruf wieder anknüpfen sollte oder was ich mit meinem Leben noch wollte.

Es kam ja auch anders. Statt eines fertigen Romans habe ich jetzt einen halbfertigen. Dazu aber eine Handvoll fertige Kurzgeschichten, Dutzende Ideen für weitere, Ideen für mehrere weitere Bände zum Roman, Ideen für einen ganz anderen Roman, einen Blog und Kontakte zu verschiedenen anderen Schriftstellerinnen am Anfang ihrer Autorenkarriere.

Material für viele Jahre, und es wächst organisch. In ein paar Wochen erscheint meine erste Kurzgeschichte in einer Anthologie, im Lauf des Jahres vielleicht die nächste: Vor Kurzem habe ich erfahren, dass ich bei der Storyolympiade, einem Literaturwettbewerb für Nachwuchsschriftsteller, eine Runde weitergekommen bin. Das Thema war „Labyrinthe“ 🙂

Da ich auch für Fantasytexte gern recherchiere, machte ich letzten Herbst einen Ausflug auf die Nachbarinsel Seeland. Dort liegt der Kalvehave Labyrintpark, den zwei Chor-Mitsänger von mir vor zehn Jahren auf der grünen Wiese angelegt haben. Im Dienste der Literatur traute ich mich ins große Efeulabyrinth, nicht zum ersten Mal, und fand mal wieder den Weg ins Zentrum nicht. Nach über einer Stunde hatte ich aber immerhin alle Stationen der labyrinthinternen Schnitzeljagd entdeckt, ein kaum erhoffter Triumph. Ich brannte darauf, mir am Eingang meine Urkunde abzuholen … und fand nicht mehr aus dem Labyrinth hinaus. Ich stand vor der äußersten Hecke, es dämmerte, und irgendwann gab ich den letzten Anschein von Würde auf und robbte unter dem Zaun durch. Zum Glück sind es keine Buchsbaumhecken, sondern Bretter, an denen Efeu hochrankt, Lücke bis zum Boden etwa 30 cm …

Die Hauptfigur in der Kurzgeschichte, die kurz darauf für die Storyolympiade entstand, scheitert zur Strafe noch übler, bevor sie ihr Ziel erreicht 😉

Meine Schreiberei ist bunter und vielfältiger geworden, seit ich den geraden Pfad verlassen habe und den Irrungen und Wirrungen meiner Fantasie folge. Und auch mein „echtes Leben“ verzweigt sich auf überraschende Weisen. Da keine Bestseller-Millionen in Sicht sind, bin ich seit einigen Monaten wieder auf Kundensuche als freie Texterin, Redakteurin, Übersetzerin … das war zumindest der Plan.

De facto habe ich noch nicht zielstrebig gesucht, sondern z. B. als Rezeptionistin gejobbt und entdeckt, dass es mir Spaß macht, auch mal den Schreibtisch zu verlassen. Und nun haben mich meine Mitsänger, die Labyrinthbesitzer, gefragt, ob ich im Sommer im Labyrinthpark mitarbeiten will! 80 Prozent deutsche Gäste in der Vorsaison freuen sich über eine mehrsprachige Begrüßung. Vielleicht mögt ihr auch mal durch die Efeuhecken tauchen? Die haben da auch Leute mit Orientierungssinn, die verloren gegangene Besucher wieder rausholen 😉

Darüber hinaus sind in den letzten Wochen zwei neue Kunden mit interessanten Schreibjobs aufgetaucht, auf die ich nicht hingearbeitet habe und über die ich mich sehr freue!

Also – rein ins Labyrinth des Lebens, auch wenn man keinen Plan hat. Geht es nicht viel mehr um die kleinen Entdeckungen auf dem Weg? Die immer neue Vorfreude, wenn man einen unerwarteten Durchgang auftut? Die Bereitschaft, jede Wendung als Bereicherung wahrzunehmen? Auch wenn sie durch eine Senke führt oder zurück zum Ausgangspunkt, diesmal vielleicht mit neuer Perspektive?

Ist euer Lebens-Labyrinth auch so gewunden?

Update: Meine Labyrinth-Geschichte zählt zu den Siegern der Storyolympiade. Mehr dazu in diesem Beitrag 🙂

Meine erste Geschichte erscheint!

Vor einer Woche habe ich auf diesem Blog geschrieben, dass sich zurzeit ständig insektenartige Aliens in meine Kurzgeschichten hereinwanzen. Egal, ob das Thema des Literaturwettbewerbs „Parasitengeflüster“ lautet oder „Mütter“ oder „Phantastische Sportler“: Meinen Hauptpersonen wachsen immer Fühler und Mundwerkzeuge und sechs bis acht Beine.

Mütter Anthologie Hg Anja Bagus Edition Roter Drache 2016Ab 18. März könnt ihr nun eine dieser Kurzgeschichten lesen!
Wenn ihr dieses schöne Buch kauft:

Mütter
Eine überraschende Anthologie
Hg. Anja Bagus
Edition Roter Drache
zu bestellen z. B. hier im Verlags-Shop
für schlappe 12,95 €
ISBN 978-3-946425-04-5

Ein Buch mit 31 sehr unterschiedlichen Geschichten, von bekannteren und unbekannteren Autoren. Eine davon ist von meiner Wenigkeit und heißt „Die Stars der Krabbelgruppe“.

Meine erste Phantastik-Veröffentlichung in einem Verlag 🙂

Die Sammlung erscheint pünktlich zur Leipziger Buchmesse, gerade habe ich das PDF zur Freigabe bekommen. Ich habe letztes Jahr bei einer Reihe Ausschreibungen für Anthologien mitgemacht, und das hier ist nicht nur meine erste Zusage, sondern auch die schnellste Bearbeitungszeit, die ich bisher erlebt habe.

Die Entstehungszeit für meine Kurzgeschichte reicht allerdings einige Jahre zurück. Genaugenommen bis in meine Kindheit, in der ich mit angenehmem Schauer den „BLV Naturführer Insekten“ studierte und Anregungen sammelte, die zu der Ideen-Invasion führten, von der ich letzte Woche schrieb.

Was bitte haben Insekten mit dem Thema „Mütter“ zu tun?

Ich finde da viele Berührungspunkte. Selbst habe ich zwar keine Kinder, aber fünf wunderbare Nichten und Neffen, mit denen ich in den letzten Jahren viele Wochen verbringen durfte. Wochen voll kostbarer Momente, die ich nie vergessen werde. Zum Beispiel dieses Gespräch:

Meine süße kleine Nichte erzählt von ihrem Tag im Kindergarten.

Süße kleine Nichte (beiläufig): Ich hab eine Schnecke geesst. Das war ganz schön glibberig.
Tante Carmen (entsetzt): Wie, du hast eine Schnecke gegessen?!
Süße kleine Nichte (laut): DAS SOLL MAN NICHT!!!
(nachdenklich): Dann hab ich Sand geesst. Das war nicht glibberig.

Dieses Bild ist in mir gereift und in anderer Form in den Anfang der Geschichte eingeflossen.

Meine Babysitterdienste haben mich auch dazu gebracht, ausführlich über ein schönes Wort nachzudenken:
Krabbelgruppe.
Krabbelige Kinder und krabbelige … Insekten.

Es juckte mich in den Fingern, und nachdem ich einige Tage mit drei süßen Nichten und Neffen von null bis drei Jahren verbracht hatte, schrieb ich die erste Version einer Kurzgeschichte über eine Krabbelgruppe, in der Menschenkinder und Mini-Insekten friedlich zusammen erzogen werden.

Mini-Insekten, weil sie jung sind, natürlich. Und höchstens einen Meter groß, im Gegensatz zu ihren 1,80 großen Müttern.

Das war 2010. Die Geschichte ruhte dann einige Jahre, bis ich im Herbst 2015 von der Ausschreibung erfuhr. Leider passte mein Entwurf nicht ganz zum Thema, ich musste also umarbeiten. Dies tat ich auch pünktlich zwei Tage vor Ablauf der Verlängerungsfrist, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion, wie sie für mein kreatives, chaotisches, insektengeplagtes Alter Ego leider typisch sind.

Menschenkinder und Mini-Insekten, die friedlich zusammen erzogen werden.
Spoiler Alert: Es läuft nicht so friedlich, wie es den Anschein hat.

Aber lest selbst – ab 18. März in der Anthologie „Mütter“ 🙂

 

Update, 10.08.16:
Gerade habe ich die Bestätigung bekommen: Meine Geschichte ist „abgefahren“. Mehr dazu in dieser Rezension von Scratchcat vom UnArtMagazin.

Ideen-Invasion

In den letzten Wochen habe ich zwei seltsame Storys geschrieben. Beide mit insektenartigen Aliens im Mittelpunkt. Die volle Montur mit Mundwerkzeugen, Fassettenaugen, Fangarmen und zu vielen Beinen. Beide Geschichten waren für Ausschreibungen. Die eine hatte das Thema „Mütter“, die andere „Phantastische Sportler“.

Insektenartige Aliens, bei den Vorgaben? Ich weiß auch nicht, wo diese Ideen herkommen.

Ich habe noch mehr solche Kurzgeschichten in der Pipeline. Ein Dutzend wimmelt nur so von Schaben, Spinnen und Schmetterlingen. Eine Handvoll beherbergt gruselige Gewächse. Und dann gibt es noch abseitige spirituelle Themen, Klamauk und Spielereien.

Woher kommen die Ideen?

Bei manchen habe ich wirklich keine Ahnung. Ich schwör’s, das Zeug stammt nicht von mir. Es ist, als würde mein Klon die Regie übernehmen und nachts ohne mein Zutun in die Tasten hauen. Kein Wunder, dass tatsächlich die meisten meiner Texte rund um Mitternacht entstehen, wenn mein echtes Ich schon den Schlaf der Gerechten schläft. Carmen Wedeland ist schließlich ein Pseudonym, das sich eine vernunftgesteuerte Person zugelegt hat, die in Wirklichkeit Spinnenweben von den Wänden saugt und den Innenhof von Unkraut befreit.

Eine nicht zu leugnende Inspirationsquelle ist der „BLV Naturführer Insekten“ von 1978, den ich als Kind geschenkt bekam und ausführlich studierte. Am liebsten waren mir die Schmetterlingsfotos, aber irgendwann stößt man zwangsläufig auf den Eintrag zur Fortpflanzung der Grabwespen. Das hat meinen Glauben an einen gütigen Gott nicht unerheblich erschüttert. (Googelt es selber, wenn ihr schlecht schlafen wollt.)

Wahrscheinlich wurde ich damals infiziert, die Ideen reiften gut 30 Jahre in mir heran, und nun müssen sie alle auf einmal schlüpfen.

Dabei wollte ich ja eigentlich einen Roman schreiben, der auf einer Kreidefelsen-Insel spielt. Meeresmythen, Glaskunst … Grotten. Ihr ahnt es vielleicht: Die Insel ist schon längst überrannt – in diesem Fall von Krebsen, einer handlichen Variante der Gliederfüßer, verwandt mit den Spinnen. Skurril, schön und schauderhaft.

Ähnlich wie meine Hauptfiguren entwickeln auch meine Handlungsstränge regelmäßig ein Eigenleben. Und nachdem mir 30 Jahre lang ums Verrecken keine Idee kam, worüber ich mal eine schöne Fantasy-Geschichte schreiben könnte, sprudeln die Ideen jetzt in den unpassendsten Momenten. Ich habe es mir schon zur Angewohnheit gemacht, immer ein großes Notizbuch dabeizuhaben, um alles sofort aufzuschreiben.

Nicht dass ich all die Geistesblitze jemals verwerten könnte, aber wenigstens plagen sie mich etwas weniger, wenn sie vorläufig auf Papier gebannt sind. Bei Konzertbesuchen oder beim Küchendienst ist das halbwegs praktikabel. Unter der Dusche, wo die allermeisten Ideen zuschlagen, habe ich mein Notizbuch allerdings nicht dabei. Da muss ich die herumwuselnden Spinnen (also, in meinem Kopf!) aushalten, bis ich das Shampoo abgespült und den Schreibtisch erreicht habe.

Zum Glück bin ich mit diesem Problem nicht allein. Im National Novel Writing Month haben geplagte Autoren für die Ideen-Invasion einen schönen Begriff geprägt: das Plot Bunny. Also das „Handlungskarnickel“, das klingt auf Deutsch nur nicht so wendig, wie es in Wirklichkeit ist. Das Plot Bunny ist eine Geschichtenidee, die plötzlich aus einem Loch kriecht, in die du dich verliebst, die du fütterst und in dein Haus lässt – und schon hüpft es auf und ab, geht dir auf die Nerven, vermehrt sich unkontrolliert und übernimmt die Herrschaft über dein Leben. Ausführliche Beschreibungen vieler gefährlicher Unterarten gibt es hier im inoffiziellen NaNoWriMo-Wiki, und im November kann man die Viecher sogar in speziellen Verliesen Spieleparadiesen verwahren lassen, um sich endlich auf ein einziges Romanprojekt zu konzentrieren.

Heute Nacht habe ich vielleicht Ruhe, weil ich die Story mit den sportelnden Spinnentieren soeben abgeschlossen habe.

Aber wer weiß, was Carmen morgen Nacht wieder treibt? Zuletzt faselte sie etwas von abgeschnittenen Fingern und einem Friedhof im Frühling. Klingt nach einer Geschichte aus der Gruselige-Gewächse-Kategorie, aber es würde mich nicht wundern, wenn sich das eine oder andere Insekt einschliche.

In diesem Sinne: Es ist Mitternacht. Wovon träumt ihr so?

Update: Meine erste Kurzgeschichte erscheint am 18. März. Mehr dazu im folgenden Blogeintrag 🙂
Update 2: Dieses Jahr erscheinen mindestens vier meiner Kurzgeschichten. Mehr dazu im Beitrag Sportliche Erfolge.

Elfchen zur Weihnachtszeit

Weihnachten – Wintersonnenwende – jul: Eine Zeit, in der zauberhafte Dinge geschehen. In Dänemark bevölkern die „Nissen“, kleine Wichtel, das Haus. Und mein Blog wird von „Elfchen“ übernommen.

Ein Elfchen ist eine nette kleine Schreibübung: ein Gedicht, das aus elf Wörtern besteht. Das „klassische“ Elfchen verteilt diese elf Wörter so:

  • Zeile 1: ein Wort, das Thema deines Gedichts
  • Zeile 2: zwei Wörter, die das Thema beschreiben
  • Zeile 3: drei Wörter, die das Thema weiter vertiefen
  • Zeile 4: vier Wörter, die deine Gedanken dazu wiedergeben
  • Zeile 5: ein Wort als Fazit

Eine schöne Form für Stimmungsbilder! Hier ein paar Versuche von mir:

Møn Ulvshale und Nyord Winter 2015
wintermeer
glänzend grau
wellen unterm sonnenlicht
brücke in das ewige
staunen

 

Møn Bakkegaard Adventskranz 2015
Kerze
Zieht Licht
Aus dem Dunkel
Zauber der verborgenen Welt
Mysterium

 

Island Gletschersee JökulsarlonAls Souvenir aus Island:

gletscher
gleitet meerwärts
in sonne gelöst
in kälte gebunden das
mammut

 

AlpenwinterwolkenAngereichert mit Alliterationen:

wolken,
windes wanderer:
wabernde, wie wunschgespinste,
wehet weither wehmut, weiße
wunderländer

 

Keramik von Heidi Bruun PedersenVorwärts und rückwärts lesbar:

ei
erst, dann
huhn? so? oder
so: huhn, dann erst
ei?

 
Oder die festlich-befreite Form – mit der ich euch allen schöne Feiertage wünsche, wo und wie ihr sie auch begehen mögt:

dichte nacht
bedeckt das feld
bedrängend
beklemmend
herab sinkt die stille

wolf
umkreist die herde
am boden
zitternd
duckt sich das lamm

stille
harren
schweigend die schäfer
starr das lamm
abwartend der wolf

aufschießend, strahlend
erleuchtet, erhellt
den offenen himmel
freudvolle nacht
ein stern

lobt jubelt und singt
umrundet die welt
befreit und bewegt, löst angst und leid
verbindet und heilt, hoffnung macht
neues leben

schäfer
eilen zum licht
beschwingt
vom glauben getragen
verlassen die herden

lamm
befreit, allein
vertraut ohne zagen
himmel auf erden
dem gesang

mit ihm
lauscht dem lied
voll fried
paradieses klang
bruder wolf

Insel der Kunst

Møn scheint Künstler magisch anzuziehen, so wie manche anderen ganz speziellen Orte auf der Welt. Ist es das Licht, der weite Himmel, das offene Meer? Sind es die steinzeitlichen Gräber oder die Stockrosen vor den Fachwerkhäusern, die  sanften Hügel im Westen oder die schroffen Kreidefelsen im Osten? Oder doch nur die Möglichkeit, einen aufgegebenen Bauernhof günstig zu kaufen und zum Wohnhaus mit Werkstatt umzubauen?

Unter den rund 10.000 Inselbewohnern gibt es jedenfalls erstaunlich viele Maler und Fotografen, Glas-, Keramik-, Metall- und Steingestalter, Textil- und Holzkünstler (von den Schriftstellern und Musikern, Film- und Theaterleuten ganz zu schweigen). Die Pension Bakkegaard Gæstgiveri Møns Klint, in der ich wohne, ist gleichzeitig eine Galerie, zu der über ein Dutzend Künstler beigetragen haben, und meine Vermieter malen im Winter, während ich schreibe. Wer kreativ sein will, ist hier gut aufgehoben 🙂

Am zweiten Adventswochenende wurde mir noch einmal bewusst, in welcher kreativen Ecke ich gelandet bin: Da fand bei uns wieder die „Østmønske Julerute“ statt. Künstler und Kunsthandwerker im Osten von Møn öffneten ihre Ateliers und Werkstätten für Besucher. Ich nutze die Gelegenheit immer gern, um ein bisschen hinter die Kulissen zu schauen!

Man kann schöne und erstaunliche Dinge sehen und nach Weihnachtsgeschenken Ausschau halten. Man kommt in liebevoll hergerichtete alte Gebäude hinein und kann es sich bei Kaffee, Kuchen und Glühwein gemütlich machen. Und vor allem kann man sich mit den Künstlern unterhalten und sehen, wie und wo sie ihre Werke herstellen.

Ich liebe diese Gespräche und habe daraus viel Inspiration für mein Buch gezogen. Wenn sowohl die Glaskünstlerin als auch die Strickkünstlerin sagen, dass sie im Dialog mit der Materie arbeiten – dass Kunst nicht komplett planbar sei, dass das Schönste sei, wenn man im Zusammenspiel mit dem Glas bzw. der Wolle etwas ganz Neues schafft, das einen selbst überrascht – dann muss ich wohl auch meinen Romanfiguren freie Hand lassen und mich allenfalls als Co-Autorin an meinem eigenen Buch verstehen!

Kommt doch mal auf Møn vorbei – auch im Sommer kann man viele der Ateliers besuchen, und die schöne Natur gibt’s obendrauf 🙂

30 Tage für meinen Roman

Ich habe gewonnen!

National Novel Writing Month Winner 2015

Ich habe die Herausforderung des National Novel Writing Month angenommen und diesen November 50.000 Roman-Wörter geschrieben. Das entspricht etwa 170 Buch-Normseiten.

Wow, Carmen hat in 30 Tagen einen Roman geschrieben?
Nuuuun … nein.
Ein richtiger Roman hat eher so 100.000 bis 150.000 Wörter, ein Fantasy-Epos gerne auch mehr. Mit 50.000 Wörtern hat man allenfalls ein Kinderbuch oder eine Novelle fertig.

In diesem Wettbewerb geht es darum, 30 Tage an seinem Roman zu schreiben. Nicht unbedingt, ihn abzuschließen – und vor allem nicht so, dass er druckreif wäre. Das ist für Normalsterbliche kaum möglich. Es geht darum, einen Entwurf von mindestens 50.000 Wörtern zu produzieren, und zwar so schnell wie möglich.

Den inneren Kritiker abschalten, nicht mehr grübeln, nicht mehr aufschieben, nicht weitere Details recherchieren und Plot-Alternativen prüfen. Optimiert wird später, wenn der erste Entwurf fertig ist, wenn man weiß, worauf alles hinausläuft, was funktionieren wird und wo noch Lücken gähnen. Jetzt hieß die Aufgabe: Sich einfach auf den Hosenboden setzen und schreiben! Im Durchschnitt 1.667 Wörter am Tag. Dafür brauchte ich am ersten Tag vier Stunden, in der letzten Woche teils nur 40 Minuten.

Was ist daran so schwer?
Im Nachhinein frage ich mich das auch. Ich hatte alle Voraussetzungen, um schnell weiterzukommen – eine detaillierte Fantasy-Welt, spannende Figuren, drei Meter Handlungsplan … Doch noch mehr hatte ich Ausreden: Alles nicht gut genug, keine Zeit wegen Sommerjob, keine Zeit wegen Besuch … irgendetwas fällt einem immer ein und schon ist wieder eine Woche herum und man hat vergessen, worum es in dem Buch eigentlich gehen sollte. Die große Romanverhinderungsstimme flüstert Tag und Nacht:

  • Lieber noch ein bisschen warten, bis ich wirklich die Zeit habe, mich ausgiebig in die Geschichte zu vertiefen.
  • Wenn ich erstmal schreibe, dann soll es auch wirklich gut werden, schließlich habe ich schon so lange daran herumgeplant, der nächste Schritt muss ein druckreifer Text sein.
  • Und sowieso wartet die Welt nicht auf dieses Buch und ich bin allein hier vor diesem Bildschirm und alles ist furchtbar, also lieber schnell auf Facebook oder raus und sich ablenken.

Der National Novel Writing Month hat all das geändert. Wenn man auf der Website einen Account anlegt, bekommt man jede Menge nützliche Tools, die genau diese Probleme angehen:

  • Ein unbarmherziges Balkendiagramm zeigt den täglichen Fortschritt und was passiert, wenn man nur einen oder zwei Tage sein Soll nicht erfüllt.
  • Wenn man aber wieder etwas geschafft hat, gibt es Belohnungen: dafür, dass man überhaupt anfängt; für die ersten 1667 Wörter; dann wieder für 5000, 10.000 …; wenn man zehn Tage am Stück geschrieben hat, wenn man an einem Schreibtreffen teilgenommen hat oder beim Schreiben zuviel Kaffee trinkt 🙂
  • Ermutigende E-Mails, „Pep Talks“ und der Austausch im Forum hämmern einem ein, dass man einfach drauflosschreiben soll, überarbeitet wird später. Am hilfreichsten fand ich die „Word Wars“ – Wettschreiben gegen die Zeit: Man verabredet mit anderen im Forum, dass man beispielsweise von 20 bis 20.30 Uhr schreiben wird, und postet anschließend, wie viele Wörter man geschafft hat. Es gibt nichts zu gewinnen und niemand schimpft, wenn man nicht in die Pötte kommt – aber dieses ganz einfache Mittel hat bei mir bewirkt, dass ich die 30 Minuten konzentriert sitzen blieb, nur auf mein Dokument sah und in die Tasten haute. Und im Schnitt ca. 1000 Wörter produzierte, an denen ich sonst vielleicht zwei Stunden herumgetüftelt hätte. Das Beste daran: In dieser halben Stunde übernahmen oft meine Figuren völlig die Regie. Meine Hauptfigur fand einen unterirdischen Gang, den ich selber noch nicht kannte und super spannend finde. Mein Antagonist hat mir mit der Weinflasche eins übergezogen und mir endgültig klargemacht, dass ich auch aus seiner Perspektive schreiben muss. Und und und. Manches davon muss ich am Ende vielleicht wieder streichen – aber ich glaube, dass ich allein durch das Ausschalten meines grübelnden Gehirns mehr Kreativität freisetzen konnte als sonst.
  • Für diese Wettschreiben ist eigentlich zu jeder Tages- und Nachtzeit jemand im Forum zu haben. Auch für jede Frage, jede Sorge und jede Anekdote, die man mit anderen Schreibern teilen möchte. Weltweit haben Hunderttausende Autoren am „NaNo“ teilgenommen, allein im kleinen Dänemark waren es über 2000. In finsteren Momenten, wo man am Sinn des Ganzen zweifelt, ist es schön zu wissen, dass andere ähnlich spinnerte Projekte verfolgen und vielleicht genau das Problem gerade bewältigt haben, vor dem man momentan steht.

Man könnte natürlich schummeln – seinen Fortschritt muss man selber eintragen und niemand prüft am Ende, ob die 50.000 Wörter wirklich dein eigener, selbst geschriebener, lesbarer Roman sind. Aber damit betrügt man ja nur sich selbst!

National Novel Writing Month Winner

Ich finde, ich habe wirklich gewonnen:

  • Nach mehreren Monaten voller kreativer Vermeidungsstrategien fiebere ich jetzt danach, das Ding zu Ende zu schreiben und die letzten Lücken zu füllen.
  • Ich habe erkannt, dass Schreiben schnell gehen kann und dass man dafür nicht unbedingt eine jahrelange Auszeit braucht. (Ganz nebenbei bemerkt, habe ich im November wieder angefangen, als freie Texterin zu arbeiten, und gleich einen größeren Auftrag gestemmt, so dass die meisten Romanworte erst abends ab neun entstanden!)

Nano 2015 Ein Drittel Plot geschafft

Also: Genug Pause gemacht – jetzt heißt es: Weiterschreiben! Denn trotz der 50.000 Wörter – und weiteren 20.000, die ich vor November schon hatte – bin ich grad mal im Mittelteil meines Drei-Meter-Handlungsplans angekommen …

Nano Now What Months

 

Und wenn die Geschichte zu Ende geschrieben ist?
Dann geht die Arbeit erst richtig los: Denn nach dem Schreiben ist vor dem Überarbeiten!

Vielleicht seid ihr 2016 auch dabei? Vor dem nächsten „NaNo“ im November gibt es im April und Juli jeweils ein „Camp NaNo„, wo man sich selbst einfachere Ziele setzen kann, z. B. ein paar Kurzgeschichten mit zusammen 10.000 Wörtern zu schreiben. Macht Spaß, bringt viel und kostet nix! Ich will es auf jeden Fall wieder probieren.

Update, 26.10.16: Der nächste NaNo naht und ich mache wieder mit.

Was Schriftsteller von Schneidermeistern lernen können

Ich stehe hier stolz wie Oskar in meinem ersten selbst gefertigen Kleidungsstück. Sieht aus wie eine Daunenweste, ist aber aus Recyclingmaterial: Reste von IKEA-Bettüberwürfen, -Kissenhüllen und den dazugehörigen Stoffsäckchen wollten zu neuem Leben erweckt werden. Nebenbei passt das Outfit perfekt zu meinem Sofa, genau wie meine Laptophülle und meine Wärmeflaschentasche.

Die Weste war mein Projekt für einen Nähkurs, den ich gerade abgeschlossen habe. Hier auf Møn gibt es eine sehr gute Schneidermeisterin, Charlotte Wiegand, die in ihrem Kursuscenter Emilielunden Anfänger und Fortgeschrittene unterrichtet. Mein Kurs bestand aus einer unerfahrenen Mittvierzigerin – mir – und einem munteren Trupp älterer Damen, die in meinen Augen unglaublich professionelle Dinge fabrizierten und mir blutiger Anfängerin erstmal zeigen mussten, wie man die Stoffschere richtig hält. Egal, ich lerne und es macht Spaß!

Natürlich wollte ich mich mit dieser kreativen Betätigung vor allem auch vom Romanschreiben ablenken, aber wie schon bei meinem Sommerjob als Rezeptionistin, musste ich feststellen, dass man auch beim Nähen vieles lernt, das einem beim Schreiben zugute kommen kann.

Geduld für gründliche Vorarbeit

Überlegen, was du nähen willst, warum dir das Teil gefallen würde, ob es einen besonderen Stoff braucht oder durch einen ausgefallenen Kragen besticht. Passende Stoffe und Fäden beschaffen, vielleicht auch noch Futter, Schrägband und Reißverschlüsse. Deine eigenen Maße nehmen, am besten mit sachkundiger Hilfe. Ausgangs-Schnittmuster an deine tatsächlichen Maße anpassen. Zusammenkleben, anprobieren, justieren, dann erst im Stoff ausschneiden und nochmal zusammenstecken, anprobieren, justieren! Das alles dauert Stunden und du hast noch keinen einzigen Stich genäht!

Beim Schreiben gut überlegen, was deine Botschaft sein soll, was das Spannende an der Geschichte ist und in welcher Form sie sich darstellen lässt. Dann Material sammeln, recherchieren, ordnen, Schauplatz und Charaktere anlegen. Dann Handlung planen, überlegen, ob sie alle Inhalte wiedergibt, probieren, ob er für den unbeteiligten Leser verständlich wäre, Löcher ausbessern! Das alles dauert Wochen und du hast noch kein einziges Wort geschrieben!

Der gute Zuschnitt ist wichtig

Jeder Zentimeter zuviel oder zuwenig kann sich rächen, weil nachher das Kleidungsstück an den unmöglichsten Stellen zwickt oder Falten wirft. Egal wie toll der Stoff und wie mühsam das Nähen, du wirst es ganz hinten im Kleiderschrank verstecken.

Überleg dir genauso gut, wie viele Figuren du in dein Buch zwängst, wie viel Weltenbeschreibung du unterbringst und wie du den Spannungsbogen aufbaust. Es wäre doch schade, wenn der Leser überfordert ist oder sich langweilt – und dein Buch ganz hinten im Regal versteckt.

Noch mehr Geduld für saubere Ausführung

Wieder auftrennen, wenn eine Naht nicht ordentlich sitzt. Alles von vorn, wenn du ein Stück Stoff aus Versehen falschrum angenäht hast. Eine Woche warten, bis der Faden nachgeliefert wird, der dir ausgegangen ist. Wirklich sorgfältig an Details arbeiten, wie Schrägband und Reißverschluss. Von der Ferne sieht man das nicht alles, aber wenn du das Kleidungsstück am Leib trägst, wirst du dich ewig ärgern, wenn mittendrin Fäden rausstehen, Muster schief laufen oder du vergessen hast, einen Aufhänger einzunähen, bevor du den Kragen befestigt hast.

In diesem Sinne: Texte gut formulieren, schöner Sprachrhythmus, keine Klischees oder Sachen, die nicht in die Zeit oder Welt passen. Stimmige Überschriften, nachvollziehbare Entwicklungen, keine Tippfehler. Der begeisterte Leser wird vielleicht nach sieben Kapiteln die eine oder andere Scharte gnädig übersehen. Aber es wird dich selbst stören, wenn du es mit einmal mehr Zurücktreten und Drüberschauen leicht hättest optimieren können.

Habt ihr ein Hobby, das euch beim Schreiben oder bei eurer Arbeit weitergeholfen hat?

Vier Dinge, die Dänemark und China gemeinsam haben

Nun lebe ich bald zwei Jahre in Dänemark, auf meiner idyllischen Insel Møn. Ebenso lange habe ich in China gewohnt, in der aufregenden Hauptstadt Peking. Zwei Länder und Kulturen, die auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein könnten. Hier nur ein paar augenfällige Gegensätze:

  • Dänemark hat eins der winzigsten Wahrzeichen der Welt – die kleine Meerjungfrau in Kopenhagen, übersichtliche 125 cm hoch. Das größte chinesische Wahrzeichen ist vom Weltraum sichtbar: Die 20.000 km lange chinesische Mauer.
  • Dänemark hat nicht einmal sechs Millionen Einwohner, China über 1,3 Milliarden. Oder etwas plakativer: Allein in Shanghai wohnen dreimal so viele Menschen wie im ganzen Königreich.
  • Dänen legen Wert auf hygge – das traute Beisammensein mit Familie und Freunden, zum Beispiel beim Urlaub im eigenen Sommerhaus. Chinesen lieben renao – den Trubel in der Masse, zum Beispiel bei der Gruppenbusreise zu überlaufenen Sehenswürdigkeiten oder beim Karaokeabend im belebten Szeneviertel.

Und vieles, vieles mehr …

Dennoch, nach längerem Beobachten stelle ich fest: Es gibt überraschende Verbindungen zwischen diesen weit voneinander entfernten Kulturen.

Wohlfühl-Besprechungen
Wo viele Deutsche nach systematischer Diskussion eine Liste mit Ergebnissen und To Do’s anstrebt, tasten sich Dänen und Chinesen eher behutsam voran: Wie könnte die Stimmung in der Runde wohl sein? Nach zwanzig Minuten losem Gespräch vertagt man sich auf nächstes Mal, wo die Gedanken noch einmal unverbindlich aufgegriffen werden, bis sich fünf Minuten vor Abgabetermin/Veranstaltungsbeginn/Losfahren eine Aktion herauskristallisiert. Ausländerinnen, die das nervös macht, sollten meditieren lernen oder sich vorher einen kleinen Baijiu/Gammeldansk genehmigen. (Allerdings … die schwammigsten Besprechungen meines Lebens habe ich in Deutschland erlebt, die effizientesten in Dänemark.)

Peinsame Pünktlichkeit
Gebt zu, ihr wart von den vagen Besprechungen eingelullt – und dachtet, bei einer privaten Verabredung seien fünf Minuten Spielraum drin! Vergesst es. Haargenau zur abgesprochenen Zeit steht der Däne mit laufendem Motor an der Straße und erwartet dich. Die Chinesin toppt das noch, sie steht da schon längst in deinem Wohnzimmer – um nicht unhöflich zu sein, ist sie eine Viertelstunde vor der verabredeten Zeit erschienen.

Namen für die Familie
Dänisch und Chinesisch offenbaren in manchen Ausdrücken eine Weltsicht, die deutschen Muttersprachlern fremd ist. Zum Beispiel ist Opa nicht gleich Opa. Geht es um den Vater der Mutter oder des Vaters? Ist für diese Kulturen etwas völlig Unterschiedliches, kann man doch nicht gleich nennen! Der Vater der Mutter heißt auf Dänisch morfar, auf Chinesisch waigong; der Vater des Vaters heißt dagegen farfar bzw. yeye.

Familiennamen und Vornamen
Verglichen mit Deutschland, trifft man in China und in Dänemark auf erstaunlich wenige Nachnamen. Jeder fünfte Chinese heißt Wang, Li oder Zhang. Mindestens jeder siebte Däne heißt Jensen, Nielsen oder Hansen. (Nur etwa jeder zwanzigste Deutsche heißt Meier, Schmidt, Müller oder eine Variante davon). – Wie vermeidet man nun, dass Millionen Einwohner komplett gleich heißen? Sowohl Chinesen als auch Dänen sind auf kreative Lösungen gekommen: Bei den Chinesen kann man Vornamen frei erfinden, glücksbringende Kombinationen und seltene Schriftzeichen bringen Pluspunkte. Die Dänen kombinieren lieber zwei bis drei gebräuchliche Vornamen mit einer Handvoll Zwischen- und Familiennamen. Hej, Alberte Pernille Skov Krarup Madsen, wie läuft’s denn so?

Ich bin froh, dass ich diese beiden Länder und ihre Kulturen kennen lernen durfte. Mit der Zeit werden mir sicher noch weitere Gemeinsamkeiten auffallen. Dinge, in denen sich Chinesen und Dänen überraschend einig sind. Und Dinge, die nur Deutschland überraschend merkwürdig handhabt 🙂

 

Mixed-Media-Malworkshop

Letzten Samstag habe ich neue Kreativtechniken ausprobiert – mit erstaunlichem Ergebnis.

Mixed-Media-Malworkshop 00

Wo kommt dieser Dschungel aus Farben und Formen nur her?

Ich war beim Mixed-Media-Malworkshop der Künstlerin Lise Meijer, die mit gemustertem Papier, viel Farbe, Fantasie und Liebe traumhafte Welten schafft. Im Februar habe ich unter ihrer Anleitung schon ein kreatives Vision Board erstellt, das mir immer noch hilft, meine Träume zu visualisieren und über den Augenblick hinauszusehen.

Diesmal waren wir sechs experimentierfreudige Frauen, die sich in einem Raum voller Mal- und Bastelutensilien trafen. Und zu meiner Freude durften wir nicht sofort zu Papier und Pinsel greifen. Denn es ging nicht nur um handwerkliche Techniken und schon gar nicht darum, möglichst viel zu produzieren. Es ging (wie beim Vision Board) auch darum, offen zu werden für den kreativen Prozess – und etwas zu schaffen, das über uns selbst hinausging.

Das ist mir wohl gelungen – denn ich hätte nie gedacht, dass all dieses Rosalila, die Tupfen, Schmetterlinge und Stoffblumen in mir stecken 🙂

Um das zu erreichen, mussten wir erstmal den Alltag weit hinter uns lassen. Mit Musik und Tanz machten wir uns locker (und warm). Dann leitete uns Lise an, den Zugang zu dem zu finden, was uns wichtig war: Aus Zeitschriften rissen wir Bilder, die uns ansprachen, und notierten darauf Wörter, die uns bedeutsam erschienen. Ohne lange nachzudenken, sollten wir außerdem einen Text über einen Menschen schreiben, den wir bewundern – und ihn anschließend unter einer anderen Fragestellung lesen (die ich erst verrate, wenn ihr es ausprobiert habt). Aus diesem Text sollten wir zentrale Begriffe herausfischen. Dann bekamen wir jede zwei kleine Leinwände; auf der ersten sollten wir gemusterte Papierfetzen spontan verteilen, so dass sie als Basis für ein Bild dienen konnten.

Dann zeigte uns Lise weitere Techniken, mit denen sie ihre Bilder aufbaut. Ich habe sie vor allem auf der zweiten Leinwand ausprobiert.

Schließlich bekamen wir freie Bahn, mit einem der Hintergründe weiterzuarbeiten. Ist es noch zu erkennen? Ich habe den zweiten genommen. Und bearbeitet. Und bearbeitet. Mit allen Techniken, die wir gesehen hatten, und mit jeder Menge Material, das mich ansprach.

Wäre ich nicht so völlig vertieft gewesen, hätte ich vielleicht zwischendurch gestoppt 🙂 Gerade nach Schritt zwei, als die verlaufenden Farben und die weißen Punkte so ein schönes Muster ergaben. Aber es war noch so leer, mir fehlte da irgendwie die Action! Und es ging ja darum, zu spielen, offen zu sein, über sich hinauszugehen. Im Dialog mit dem Material – die Blümchen sprangen mich an und gehörten unbedingt auf die entstehende Waldlichtung. Und im Gedanken an die Begriffe, die uns an diesem Tag wichtig erschienen. Ganz unterschiedliche Bilder sind dabei herausgekommen, jedes auf seine ganz andere Art sehr schön.

Eine Erscheinung ist es bei mir geworden … und genauso, wie ich über das Ergebnis staune, bin ich auch sehr glücklich damit. Denn es steckt tatsächlich sehr vieles darin, was ich auch in meinen Romanfragmenten und Kurzgeschichten ausdrücken möchte. Ich bin also auf dem richtigen Weg – und will versuchen, diese Techniken auch auf das Schreiben zu übertragen. Auch wenn dann mehr Rosalila, Schmetterlinge und Blumen in meinen Texten erscheinen 🙂

Habt ihr beim Kreativsein auch schon Erstaunliches erlebt?

Die Schönheit des Augenblicks

Ich glaube, jetzt ist wieder eine große Dosis Fotos fällig.

Es gäbe so viel Kritisches zu sagen, so viel Wichtiges zu schreiben, so viel Dringendes zu tun. Doch heute bin ich müde, vielleicht weil die Nächte länger werden und der Sommer vorbei ist. In den letzten Tagen gab es viele gute Begegnungen, und ich habe einiges geschafft, worauf ich stolz bin. Anderes habe ich vernachlässigt, was ich bedaure. Und immer wieder heißt es Abschied nehmen, von lieben Menschen, von Orten und Dingen, die einmal wichtig waren, vom Traum einer heilen Welt.

Alles ist flüchtig.

Wir haben nur den Augenblick, in dem wir gerade sind.

Und dieser Augenblick ist oft wunderschön – wenn wir dafür empfänglich bleiben, uns nicht mit Sorgen und Grübeln und Bedauern zuschütten, so dass uns selbst der vollkommenste Moment entgleitet.

Ich bin dankbar für die vielen wundervollen Augenblicke, die ich dieses Jahr wieder auf meiner Trauminsel und anderswo erleben durfte. Neben lieben Menschen und kreativen Spielereien ist es besonders die Natur, die mich immer wieder glücklich macht, der lichte Buchenwald im Frühling, tiefblauer Himmel über den Kreidefelsen, das Gesumme in der Böschung, der sonnengroße Mond gestern Nacht über der Straße.

Eine Auswahl dieser Naturmomente möchte ich heute mit euch teilen:
50 Fotos von der Insel Møn, Januar bis September 2015.

P. S. Ja, diesmal alles hochkant. 120 Møn-Bilder im Querformat findet ihr im Beitrag „Nur schnell ein paar Fotos“ vom Januar 2015.

Update: Inzwischen gibt es noch mehr Momentaufnahmen aus Møn.
Update 2: Nochmal hundert bunte Inselbilder.
Update 3: Wieder 99 Naturaufnahmen.
Update 4 bis x:
75 Frühsommerfotos
93 Dänemark-Bilder
22 Winter-Visionen