Traumgedichte

Morgen beginnt der Mai. Osterglocken leuchten aus dem Nebel, es duftet nach Frühling. Eine magische Zeit: eine Vollmondnacht. Ein Zustand des Schwebens, wo man nicht weiß, ob man träumen oder dichten soll.

Für mich hängen Träume und Gedichte eng zusammen. Gedichte sind ein Versuch, etwas Unbegreifliches in Worte zu fassen. Stimmungen, Farben, Gefühle werden aus dem Unterbewussten geholt und so vielschichtig umschrieben, dass man sich immer wieder neu in ihnen verliert. Welten tauchen auf und vergehen.

Manche Gedichte begleiten mich schon seit Jahrzehnten. Immer wieder entdecke ich neue Nuancen in ihnen. Als ich mein Schlafzimmer einrichtete, habe ich einige Gedichte ausgewählt, die mit Träumen zu tun haben, mit anderen Welten und dem Schaurig-Schönen der Schöpfung. Eines Nachts habe ich sie an meine Wand geschrieben, in silberner Schrift, in welligen Linien.

Vielleicht träumt ihr heute Nacht auch von anderen Welten und fernen Zeiten. Vielleicht inspiriert euch die Vollmondnacht, ein schöne Melodie, ein geliebter Mensch. Vielleicht mögt ihr auch meine Lieblingsgedichte lesen und mit mir in meine Traumwelt abtauchen.

Clemens Brentano: Sprich aus der Ferne!

Sprich aus der Ferne,
Heimliche Welt,
Die sich so gerne
Zu mir gesellt!

Wenn das Abendrot niedergesunken,
Keine freudige Farbe mehr spricht,
Und die Kränze still leuchtender Funken
Die Nacht um die schattigte Stirne flicht:

Wehet der Sterne
Heiliger Sinn
Leis durch die Ferne
Bis zu mir hin.

Wenn des Mondes still lindernde Tränen
Lösen der Nächte verborgenes Weh;
Dann wehet Friede. In goldenen Kähnen
Schiffen die Geister im himmlischen See.

Glänzender Lieder
Klingender Lauf
Ringelt sich nieder,
Wallet hinauf.

Wenn der Mitternacht heiliges Grauen
Bang durch die dunklen Wälder hinschleicht
Und die Büsche gar wundersam schauen,
Alles sich finster, tiefsinnig bezeugt:

Wandelt im Dunkeln
Freundliches Spiel,
Still Lichter funkeln,
Schimmerndes Ziel.

Alles ist freundlich wohlwollend verbunden,
Bietet sich tröstend und trauernd die Hand,
Sind durch die Nächte die Lichter gewunden,
Alles ist ewig im Innern verwandt.

Sprich aus der Ferne,
Heimliche Welt,
Die sich so gerne
Zu mir gesellt!

Eduard Mörike: Die Geister am Mummelsee

Vom Berge was kommt dort um Mitternacht spät
mit Fackeln so prächtig herunter?
Ob das wohl zum Tanze, zum Feste noch geht?
Mir klingen die Lieder so munter.
O nein!
So sage, was mag es wohl sein?

Das, was du da siehest, ist Totengeleit,
und was du da hörest, sind Klagen.
Dem König, dem Zauberer, gilt es zu Leid,
sie bringen ihn wieder getragen.
O weh!
So sind es die Geister vom See!

Sie schweben herunter ins Mummelseetal –
sie haben den See schon betreten –
sie rühren und netzen den Fuß nicht einmal –
sie schwirren in leisen Gebeten –
O schau,
am Sarge die glänzende Frau!

Jetzt öffnet der See das grünspiegelnde Tor;
gib acht, nun tauchen sie nieder!
Es schwankt eine lebende Treppe hervor,
und – drunten schon summen die Lieder.
Hörst du?
Sie singen ihn unten zur Ruh.

Die Wasser, wie lieblich sie brennen und glühn!
Sie spielen in grünendem Feuer;
es geisten die Nebel am Ufer dahin,
zum Meere verzieht sich der Weiher –
Nur still!
Ob dort sich nichts rühren will?

Es zuckt in der Mitten – o Himmel! ach hilf!
Nun kommen sie wieder, sie kommen!
Es orgelt im Rohr und es klirret im Schilf;
nur hurtig, die Flucht nur genommen!
Davon!
Sie wittern, sie haschen mich schon!

William Wordswort: The Surface of Past Time
(The Prelude, Book Fourth, Zeile 256-276)

As one who hangs down-bending from the side
Of a slow-moving boat, upon the breast
Of a still water, solacing himself
With such discoveries as his eye can make
Beneath him in the bottom of the deep,
Sees many beauteous sights – weeds, fishes, flowers,
Grots, pebbles, roots of trees, and fancies more,
Yet often is perplexed, and cannot part
The shadow from the substance, rocks and sky,
Mountains and clouds, reflected in the depth
Of the clear flood, from things which there abide
In their true dwelling; now is crossed by gleam
Of his own image, by a sunbeam now,
And wavering motions sent he knows not whence,
Impediments that make his task more sweet;
Such pleasant office have we long pursued
Incumbent o’er the surface of past time
With like success …

Gerard Manley Hopkins: As Kingfishers Catch Fire

As kingfishers catch fire, dragonflies draw flame;
As tumbled over rim in roundy wells
Stones ring; like each tucked string tells, each hung bell’s
Bow swung finds tongue to fling out broad its name;
Each mortal thing does one thing and the same:
Deals out that being indoors each one dwells;
Selves — goes itself; myself it speaks and spells,
Crying Whát I dó is me: for that I came.
I say móre: the just man justices;
Keeps grace: thát keeps all his goings graces;
Acts in God’s eye what in God’s eye he is —
Chríst. For Christ plays in ten thousand places,
Lovely in limbs, and lovely in eyes not his
To the Father through the features of men’s faces.

Das folgende dänische Gedicht habe ich hier ins Deutsche übersetzt:

B. S. Ingemann: I sne står urt og busk i skjul

I sne står urt og busk i skjul,
det er så koldt derude,
dog synger der en lille fugl
på kvist ved frosne rude.

Giv tid! giv tid! – den nynner glad
og ryster de småvinger,
giv tid! og hver en kvist får blad,
giv tid! – hver blomst udspringer.

Giv tid! og livets træ bli’r grønt,
må frosten det end kue,
giv tid! og hvad du drømte skønt,
du skal i sandhed skue.

Giv tid! og åndens vinterblund
skal fly for herlig sommer,
giv tid! og bi på herrens stund,
– hans skønhedsrige kommer.

Gustaf Munch-Petersen: Det underste land

o stor lykke
stor lykke har de faaet,

som er født i det underste land –
overalt kan i se dem
vandrende
elskende
grædende –
overalt gaar de,
men i deres hænder bærer de smaa ting
fra det underste land –

o større end alle lande
herligere
er det underste –
opad vrider jorden sig
i en spids –
og nedad
udad synker det tunge
levende blod
ind i det underste land –

smalle forsigtige fødder
og tynde lemmer
og ren er luften
over de aabne opadstigende veje –
i lukkede aarer
brænder længselen hos dem,
der er født oppe under himlen –

men o
i skulde gaa til det underste land –!
o i skulde se folket fra det underste land,
hvor blodet flyder frit mellem alle –
mænd –
kvinder –
børn –
hvor glæden og fortvivlelsen og elskoven
tunge og fuldmodne
straaler i alle farver mod jorden –
o jorden er hemmelighedsfuld som en pande
i det underste land –

overalt kan i se dem
vandrende
elskende
grædende –
deres ansigter er lukkede,
og paa indersiden af deres sjæle sidder jord
fra det underste land –

Habt ihr ein Lieblingsgedicht (oder -lied), das euch zum Träumen bringt?

Liebe Grüße von der Insel, Carmen Wedeland

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