Vom Flohmarktfund zur feinen Tasche: Nähprojekt für Upcycling-Fans

Diese Tasche mit nordischem Touch macht sich gerade auf den Weg zu meiner Freundin Sabine.

Sabine liebt Flohmärkte. Sie war Anfang April bei mir zu Besuch und wir durchstreiften wieder mal ihre Lieblings-Trödelläden hier auf der Insel Møn. Zwischen jeder Menge Gläser und Töpfe, Besteck und Textilien fand Sabine eine alte Stickerei.

Ob ich ihr daraus eine Tasche nähen könne?

Klar, sagte ich, Nähen macht Spaß, die Tasche kannst du am Ende deines Urlaubs mit nach Hause nehmen.

Es hat dann doch zwei Wochen länger gedauert, denn mich packte das Nähfieber und ich wollte die Tasche möglichst gut gestalten. Über 20 Stunden Arbeit dürften drinstecken. Aber Spaß hat es wirklich gemacht!

Sabine wünschte sich eine Tasche in der ganzen Größe der Stickerei, etwa 70 x 40 cm. Ein farblich passender Stoffrest ergab die Rückseite, ich verpasste ihm noch eine kleine Reißverschlusstasche. Beide Teile verstärkte ich mit Bügelvlies, damit sie etwas mehr Stand hatten, und versäuberte sie mit Zickzackstich, damit sie nicht ausfransten. Ein orangefarbener Stoffrest wurde zu Paspelband, mit dem ich beide Teile einfasste.

Die Seitenteile machte ich aus den Beinen einer kaputten Jeans.  Auch den Reißverschluss konnte ich auf der Oberseite mit Jeansstreifen einfassen, Gesäßtaschen und Gürtelschlaufen bekamen ebenfalls neue Aufgaben. Nur die Innentasche und die Tragegurte nähte ich aus einem Neukauf: beschichteter Stoff vom Baumarkt, abwischbar und wasserdicht.

Das Grunddesign, das Sabine und ich uns ausgedacht hatten, war einfach, doch manche Details erwiesen sich als kniffelig. Zum Beispiel durch mehrere Lagen Stoff zu nähen, darunter Jeans und beschichtete Baumwolle. Manchmal musste ich die Nadel mit dem Handrad führen, Stecknadeln wurden durch Clips ersetzt. Das lag natürlich auch daran, dass ich diverse Innentaschen einbaute und alles möglichst haltbar verarbeitete. So wurden es unendlich viele Arbeitsschritte viele Abende voller Nähspaß.

Für die kniffligen Fragen griff ich auf zwei sehr gute Bücher zurück:

„Nähen – das Standardwerk“ vom Kreativverlag TOPP mit einer Fülle von Techniken zum Nachschlagen, und „Taschenlieblinge selber nähen“ vom Nähblog pattydoo, mit schönen Ideen und Links zu hilfreichen Online-Videos. (Achtung, das war jetzt Werbung. Unbezahlt und unabgesprochen. Ich kann beide Bücher einfach nur empfehlen!)

Leider habe ich vergessen, das Innenleben zu fotografieren, bevor ich die Tasche abschickte. Doch die Außenseite bekam ein Fotoshooting am Strand von Ulvshale, ein paar Kilometer nördlich von dem Laden, wo Sabine die Stickerei fand:

Ich glaube, trotz Wind und Wellen kann ich Stimmen hören. Es sind die Fischer auf der Tasche. Sie rufen: „Kauf mehr Stickereien! Nähe mehr Taschen!“

Seid ihr auch schon im Upcycling-Fieber? 🙂

P. S. Der Trödelladen mit den schönen Sachen liegt auf der dänischen Insel Møn, in der Udbygade 40, Stege, zwischen dem Insel-Hauptort und dem Strand von Ulvshale.  Auch sonst gibt es hier jede Menge Flohmärkte, Secondhand-Läden und Scheunen voller spannender Sachen. Man kann ja nicht immer nur am Strand sein!

Englische Gedichte übersetzt: George Herbert, Love III

Heute ist Gründonnerstag. Aus diesem Anlass möchte ich wieder ein Gedicht vorstellen, das ich übersetzt habe: LOVE III.

Es stammt von George Herbert (1593 – 1633), einem englischen Theologen, der zu den berühmten metaphysical poets zählt.

Herberts Gedichte behandeln religiöse Themen auf sehr persönliche und oft rätselhafte Weise. Ich habe versucht, mich einem dieser Rätsel anzunähern.

Hier das Werk im Original:

LOVE III

LOVE bade me welcome: yet my soul drew back,
Guiltie of dust and sin.
But quick-ey’d Love, observing me grow slack
From my first entrance in,
Drew nearer to me, sweetly questioning
If I lack’d anything.

A guest, I answer’d, worthy to be here:
Love said, You shall be he.
I, the unkind, ungratefull? Ah, my deare,
I cannot look on thee.
Love took my hand and smiling did reply,
Who made the eyes but I?

Truth Lord; but I have marr’d them: let my shame
Go where it doth deserve.
And know you not, sayes Love, who bore the blame?
My deare, then I will serve.
You must sit down, sayes Love, and taste my meat.
So I did sit and eat.

George Herbert, aus: The Sacred Temple (1633)

Das ist meine Übersetzung:

LIEBE III

„Sei mir willkommen“, grüßte Liebe mich,
Der ich als Sünder kam.
Als hastig meine Seele von ihr wich,
Gequält von Schuld und Scham,
Da folgte Liebe voller Sorge mir:
„Sag, woran fehlt es dir?“

„Es fehlt ein Gast, der deiner würdig wär.“
Sie sprach: „Du darfst nicht gehn,
Sei du mein Gast.“ – „Ich bin zu böse, Herr,
Dich auch nur anzusehn.“
Doch Liebe lächelte: „Weißt du, mein Gast,
Durch wen du Augen hast?“

„Herr, ich verdarb, was ich von dir bekam.
Bestrafe mich gerecht.“
„Weißt du, wer starb und alles auf sich nahm?“
„Dann dien ich als dein Knecht.“
„Ich lade dich zum Hochzeitsmahle ein.“
So nahm ich Brot und Wein.

George Herbert.
Übersetzt von Carmen Wedeland, Karfreitag bis Ostermontag 1993.

Weitere Übertragungen, teils mit etwas anderer Interpretation, gibt es zum Beispiel hier beim Blog Theaterliebe.

Aus dem Dänischen habe ich folgende Gedichte/Liedtexte übersetzt:
Grundtvig, Skyerne gråner – Grau sind die Wolken. Passend zum Herbst, Luciafest und zu Weihnachten.
Ingemann, I sne står urt og busk i skjul – Der Schnee bedecket Busch und Baum. Passend zum Winter und zum Frühling.

Liebe Grüße von der Insel und gute Osterfeiertage euch allen, Carmen Wedeland

Dankbar für 20 Dinge

Heute bin ich für 20 Dinge dankbar. Das bin ich jeden Tag, weil ich es so beschlossen habe.

Jeden Abend vor dem Einschlafen mache ich mir bewusst, was wieder für gute Dinge passiert sind. Denn ich denke, Glücklich-Sein kann man üben.

Sich freuen und dankbar sein.
Den Tag an sich vorbeiziehen lassen.
Zur Ruhe kommen und gut schlafen.

Es funktioniert immer wieder. Entweder fallen mir 20 Dinge ein und ich bin glücklich. Oder ich schlafe ein, bevor ich bei Nr. 20 angelangt bin.

Wahrscheinlich wird euch die folgende Liste auch zu einem dieser beiden Ergebnisse bringen 🙂

 

Heute bin ich, in frei assoziierter Reihenfolge, dankbar:

1. Für den Geruch nach Frühling bei meinen Spaziergang durch die Hügel.

2. Für die Hühner der Nachbarn, die im Skiurlaub sind. Also die Nachbarn fahren Ski, nicht die Hühner. Die Hühner haben fleißig Eier gelegt und mich von ihrer Stange freundlich angegluckert, als ich ihr Häuschen für die Nacht schloss.

3. Dafür, dass mir Menschen ihre Tiere anvertrauen; dass mir andere Menschen ihren Briefkasten oder ihren Hausschlüssel anvertrauen; überhaupt für die gute Gemeinschaft in unserem kleinen Dorf.

4. Für den Fuchs, der die Hühner heute verschonte und bei den Kühen am Waldrand herumsaß. Er ließ mich ziemlich nah herankommen, bevor er mit wehender Rute davonsprang.

5. Für meine neue Arbeit als Kirchensängerin. Die mir quasi zugelaufen ist – wenige Wochen nachdem ich überhaupt die Idee dazu bekam. Heute habe ich bei zwei Trauerfeiern gesungen, ein überraschend wohltuendes Erlebnis, in einer Kapelle voller Blumen, guter Worte und schöner Lieder.

6. Für meinen Gesangslehrer, der mir in bisher nur zwei Stunden überraschend Hilfreiches beigebracht hat. Und für die vielen Chorleiter, die mir im Lauf meines Lebens wichtige Grundlagen vermittelt haben.

7. Für ein ganz und gar nicht kirchliches Lied, das ich im Radio gehört habe und das jetzt mein neuer Ohrwurm ist (Malaeducazione von Guè Pequeno).

8. Für die Bücherei in unserem Insel-Hauptort Stege, wo man stundenlang in einer der gemütlichen Leseecken sitzen kann, um zu lesen, oder zu essen, oder was man sonst in der Pause zwischen zwei Trauerfeiern machen will.

9. Für die freundliche Insel, auf der ich wohne, wo alles, was man im Alltag braucht, einfach zu erreichen ist, auf schönen Wegen ohne Stau und Stress.

10. Für die Muse – wo auch immer sie herkommt –, die mich in diesen Wochen wieder beim Schreiben beflügelt, so dass ich morgens mit Freude den Computer einschalte.

11. Für meine gewohnte Arbeit als Teilzeit-Tellerwäscherin. Sechs Gäste waren zum Saisonstart in die Pension gekommen und wider Erwarten hatte ich in der Winterpause nicht vergessen, wo die Suppenkelle hängt.

12. Für meine Vermieter und Teilzeit-Arbeitgeber, die reizendsten Menschen der Welt, die sich über alles und jedes freuen und von denen ich in Sachen Dankbarkeit noch viel lernen kann!

13. Für die Kleidung, die ich gerade trage: eine Hose und eine Weste, die ich selbst genäht habe. Aus Jeans-Stretch, mit Taschen, Reißverschluss, Ziernähten und allem Pipapo.

14. Für meine Nählehrerin, die mir all das und noch mehr beigebracht hat.

15. Für die Kleidung, die ich gerade gewaschen habe: sieben neuwertige Teile, für zusammen 30 Euro gestern im Rotkreuzladen erstanden.

16. Für das gute Essen, das ich heute wieder in meinem Kühlschrank fand. Nachdem ich es gestern selbst gekocht hatte, versteht sich.

17. Für das neue Hintergrundbild auf meinem Computer. Es ist ein Schnappschuss aus dem Kopenhagener Aquarium Den Blå Planet, wo ich diese Woche mit einer Freundin war.

18. Für die Menschen um mich herum. Die mir vertrauen und mir Arbeit geben. Die mich unterstützen, wenn ich Hilfe brauche. Die Freud und Leid mit mir teilen. Die meinen Blog lesen und machmal etwas dazu schreiben. Danke, dass ihr alle da seid!

19. Für mein unglaublich bequemes Bett, in das ich bald fallen werde.

20. Und für meine innere Uhr, die seit ein paar Tagen freiwillig auf Sommerzeit umgestellt hat und mich morgen hoffentlich fröhlich aufstehen lässt.

Wofür seid ihr heute dankbar?

Pausenbild

Eigentlich hatte ich dieser Tage so viel vor.
Schreiben. Was schaffen. Weichen stellen.
Ich glaube, ich lasse es alles bleiben.
Nur noch schauen. Staunen. Und Schnee schaufeln 🙂

(Aussicht auf die Ostsee von der Pension Bakkegaard Gæstgiveri Møns Klint auf der Insel Møn, 27. und 28. Februar 2018. Starker Ostwind, jede Menge Schnee und noch mehr Schneeverwehungen!)

Der Ruf, der aus der Kälte kam

Neulich wäre unsere Nachbarin fast gestorben. Doch dann passierte DAS.

Solche Sätze nerven, oder? Am besten scrollt man gleich weiter. Wer draufklickt, macht sich lächerlich. So würde es mir jedenfalls vorkommen.

Mich nervte neulich auch etwas. Freitagmorgen in den Winterferien, ich hatte geduscht und öffnete das Fenster. Der Dampf mischte sich mit der eisigen Luft, während ich mir Schaumfestiger in die Haare knetete. Ein komisches Geräusch kam von draußen, äh!, äh!, hatten wir seit Neuestem Pfauen in der Nachbarschaft? Ich ging in die Küche, machte Frühstück und aß. Jetzt die Einkaufsliste schreiben, aufräumen und wenn die Haare trocken waren, würde ich einkaufen fahren, denn übers Wochenende hatte sich Besuch angekündigt. Ich beobachtete die Rehe auf dem Feld.

Hm, eigentlich hat hier niemand Pfauen.
Ich ging zurück ins Bad. Da war das Geräusch wieder.

Die Kinder von nebenan? Ich öffnete die Tür.
Da, wieder das Geräusch. Eher ein Ruf.

Äh! Äh!
Was sollte der Blödsinn?
Ich machte mir einen Tee.
Das Geräusch störte mich, auch wenn ich es jetzt nicht mehr hören konnte.
Es ging mir nicht aus dem Kopf.
Wenn es nun Hilferufe waren?

Im Hof war niemand zu sehen. Meine Haare waren immer noch nass. Ich wollte nicht raus, ich bildete mir das alles ein.

War da wieder was? Es nervte. Äh! Äh!

Ich kam mir lächerlich vor, als ich Mantel und Mütze anzog. Warme Stiefel, Schal und Handschuhe. Wahrscheinlich war ich paranoid. Aber zur Sicherheit würde ich jetzt einmal um den Hof patrouillieren. Wäre doch zu blöd, wenn ich später erführe, dass da jemand um Hilfe gerufen hatte und ich hatte nicht reagiert. Ich stellte mir vor, dass jemand eingesperrt war oder mit einer kippligen Leiter kämpfte. Oder eben doch die Kinder Quatsch machten.

Da war das Geräusch wieder. Äh!
Kein Pfau. Aber auch kein Wort. Oder?
Oder hieß es etwa … Hjælp!? Das dänische Wort für Hilfe?

Dann hörte ich deutlich: Hallo?
Ich rief zurück: Hallo? Das Wort hallte durch die Ortschaft.
Stille.

Ich rief nochmal, es fühlte sich falsch an. Spielte mir jemand einen Streich?
„Hvor er du?“, rief ich, „wo sind Sie?“ – und plötzlich kam eine Antwort.
Ich verstand kein Wort, doch ich folgte dem Klang.
Und dann sah ich die Nachbarin von gegenüber.

Sie lag auf dem Grundstück nebenan und hatte sich den Fuß gebrochen. Eine Viertelstunde hatte sie gerufen, niemand war gekommen. Ich weckte ihren Mann, wir riefen den Krankenwagen, packten sie in Decken, brachten heißen Tee. Nach zehn Minuten kam ein Sanitäter und verabreichte Schmerzmittel. Doch bis der Krankenwagen eintraf, verging etwa eine Stunde. Während der es ihr langsam immer schlechter ging.

Nach einer Woche Krankenhaus ist sie nun wieder zu Hause. Mit mehreren Schrauben im Fuß. Drei Wochen darf sie nicht auftreten, ihre Körpertemperatur ist immer noch niedrig. Und sie sinniert, ob sie ohne mein Eingreifen überlebt hätte.

Darüber sinniere ich auch – und es ist kein gutes Gefühl.
Kann man mitten in unserem Dorf sterben, weil niemand etwas hört und zu Hilfe kommt?

Vielleicht hätte ein anderer das Fenster geöffnet und rechtzeitig reagiert. Die meisten Nachbarn waren nicht zu Hause.
Vielleicht hätten die Kolleginnen ihren Mann aus dem Bett geklingelt, um zu fragen, wo sie bleibe. Die Anrufliste war leer.
Vielleicht hätte sie zur Straße kriechen und ein Auto stoppen können. Hier fahren im Winter täglich mehrere Autos vorbei. In der Viertelstunde war sie nicht weit gekommen.

Vielleicht hätte ich in Ruhe meinen Tee trinken können und nichts Schlimmes wäre passiert.
Vielleicht ist nicht gut genug.

Leute, es ist kalt da draußen. Verlasst euch nicht darauf, dass schon nichts passiert. Oder dass ein anderer sich kümmert.
Hört hin, wenn euch etwas komisch vorkommt.
Geht der Sache nach, auch wenn es euch und andere stört.
Es kann sein, dass ihr damit Leben rettet.
Oder zumindest etwas Wärme in das Leben eines Menschen bringt.

P. S.
Das gilt auch für anderes Situationen.
Konflikte in der U-Bahn. Geschrei bei den Nachbarn. Geraunte Berichte, halb ausgesprochene Bitten.
Ein paarmal habe ich reagiert. Ein paarmal zu spät. Ein paarmal gar nicht.

Ich bereue weniges, was ich getan habe. Aber vieles, was ich nicht getan habe.

Ich werde weiter integriert

Gut vier Jahre treibe ich mich nun auf meinem Inselchen herum. Dänemark und ich gewöhnen uns immer mehr aneinander. Indizien dafür habe ich schon früher aufgezählt:

Nun kommt es, wie es kommen musste: Ich werde weiter integriert.

Kommunikation

Besuch in Kopenhagen: Der Lieblingsinder meiner Freundin war nur per App erreichbar.

Drehe mich überrascht um, wenn ich jemanden Deutsch reden höre. Auch, wenn ich gerade in Deutschland bin.

Habe jetzt endlich eine dänische Handynummer. Hat lange gedauert, weil ich in einem Mobilfunkloch einer Oase des Friedens lebe. Dank Wlan-Calling kann ich nun am Leben teilhaben, zu Hause und unterwegs. Pizza bestellen, auf dem Flohmarkt einkaufen, Fahrpläne finden: Alles mit Apps sehr viel einfacher. Denn Dänemark ist durchdigitalisiert!

Mobilität

Habe reisemäßig aufgerüstet: Mein BroBizz, ein kleiner grauer Kasten fürs Auto, öffnet magisch allerlei Mautschranken und zieht ganz dezent im Hintergrund das Geld ein, ob auf der Brücke nach Schweden oder im Parkhaus am Flughafen.

Auch ohne Auto könnte ich professionell pendeln. Mit meiner Rejsekort kann ich die öffentlichen Verkehrsmittel in ganz Dänemark* nutzen: einchecken, auschecken und das Geld fließt unauffällig vom Konto. Nie wieder grübeln, ob für ein paar Stunden Großstadt Einzel- oder Tagestickets besser sind – die Rejsekort berechnet alle Rabatte von selbst.

* die öffentlichen Verkehrsmittel in ganz Dänemark: außer da, wo ich wohne, denn hier gibt es nur in der Urlaubszeit Busse 😉

Gesundheitswesen

Habe schon fünf dänische Krankenhäuser von innen gesehen. Nicht, weil ich fünfmal krank gewesen wäre: Der Verdacht auf eine Krankheit reicht, um eine monatelange Irrfahrt über die Inseln starten zu lassen. Zum MRT durfte ich nach Nykøbing (70 km südwestlich von mir), für die Verkündung des Ergebnisses nach Slagelse (110 km nordwestlich von mir) und weil das Ergebnis grenzwertig war, sogar noch nach Kopenhagen (140 km nördlich von mir). Jetzt bin ich offiziell gesund (genau wie vor der Odyssee) und als Bonus berechtigt, in die allgemeinen Klagen zum überlasteten Gesundheitswesen einzustimmen.

Staat und Gesellschaft

Habe 2017 nicht nur den Deutschen Bundestag, sondern auch den Gemeinderat von Vordingborg mitgewählt. Letzteres mit größerem Erfolg: Nur Stunden nach der Stimmenzählung gab es einen Regierungswechsel, samt Koalitionspapier und neuem Bürgermeister.

Habe probeweise den Wissenstest für den Erwerb der dänischen Staatsbürgerschaft gemacht. 40 Fragen zur Geschichte, Kultur, Politik und Aktuellem … ich hatte 34 Richtige (gut geraten) und damit bestanden! Vielleicht sollte ich es in echt  probieren, wenn ich fünf Jahre hier gewohnt habe?

Die innere Stimme singen lassen

Mitte Januar 2018. „So geht das nicht weiter“, ermahnte ich mich mit ernster Stimme. „Reiß dich zusammen und such mehr Arbeit. Lukrative Texterjobs, los jetzt.“ Ich hielt mir die Ohren zu. „Aber ich will nur nähen“, antwortete ich, mit piepsiger Stimme und schlechtem Gewissen. Ich hatte schon über den Weihnachtsurlaub hinaus meinem Hobby gefrönt. „Das geht nicht lange gut“, schimpfte ich, während ich weiter Stoffe zusammensteppte. „Morgen fängst du mit der Arbeitssuche an. Schreiben, Übersetzen, was Solides im Büro. Werd endlich vernünftig.“

Drei Tage später, die Nähmaschine surrt, der Kontostand schrumpft. Da schickt meine Nählehrerin eine Nachricht. „Ich brauche dringend Hilfe!“ Eine Handarbeitsmesse droht am Horizont, sie will ausstellen. Könnte ich Stoffe zuschneiden, Sachen packen und andere Arbeiten erledigen?

Zwei Wochen später, die Nähmaschine stand kaum still. Ich habe geschnitten und genäht, Ärmel eingesetzt und Knöpfe mit Stoff bezogen.  Ich habe Neues gelernt, bin rechtschaffen müde, die Katzen der Nähschule hatten hyggelige Gesellschaft und meine Nählehrerin freut sich über die fertigen Ausstellungsstücke, mit der das Kursuscenter Emilielunden würdig auf der Messe „Alt om Håndarbejde“ vertreten sein wird.

Abends habe ich weitergenäht, Tischdecken für einen anderen Kunden und ein schickes Shirt für mich selbst. Diesmal mit gutem Gewissen, denn der Kontostand stieg, während die Nähmaschine surrte! Und die Stimme, die Anfang des Jahres so piepsig klang, hat angefangen zu singen.

 Ich sollte mehr auf diese innere Stimme hören. Sie hatte schon öfter Recht. „Du fährst in die falsche Richtung“, flüsterte sie, als ich 2013 von meinem Inselurlaub nach Hause fuhr. Ich kehrte um (ein paar Wochen später) und wohne seitdem auf Møn. Was ziemlich verrückt klang, hat mich auf Jahre glücklich gemacht. Andere Male habe ich die kleine Stimme überhört, habe das Gewohnte gemacht, das Solide, was von mir erwartet wurde. Es hat mich ernährt, aber ganz glücklich war ich nie. „Hör auf dein Bauchgefühl, es weiß viel mehr, als du denkst“, sagte eine weise Frau einmal zu mir, und jetzt versuche ich das zu beherzigen.

Nichts gegen lukrative Texterjobs. Texten macht Spaß, im November habe ich viel geschrieben, wenn auch an meinem Romanprojekt statt an lukrativen Aufträgen. Wieder so ein Schachzug der inneren Stimme, die mich dauernd vom geraden Weg abbringt. Doch im Dezember verlor ich das Texten aus dem Fokus, weil mir eine neue Idee kam: Ich will Kirchensängerin werden. Die Stimme der Vernunft begann gleich zu meckern: „Du bist Mitte 40, willst du für einen Nebenjob eine weitere Ausbildung anfangen, mit unsicherem Erfolg?“ Aber ich bekam immer mehr Lust darauf. Auf die Ausbildung, auf die Arbeit. So motiviert war ich schon lange nicht mehr, außer fürs Nähen und Schreiben. Ich recherchierte: Hier in Dänemark gibt es in jeder Dorfkirche einen Kirchensänger, der die Gesangbuchlieder staatstragend mitsingt, damit die Gemeinde der Melodie leichter folgen kann. Eine Art 400-Euro-Job, Umfang je nach Größe der Gemeinde. Wenn ich so eine Stelle bekäme, ob fest oder als Vertreterin, wäre das aktuell meine fünfte Einnahmequelle, neben dem Schreiben/Übersetzen, den sommerlichen Rezeptionsjobs, einer kleinen Putzstelle und nun auch gelegentlichen Näh-Einsätzen 🙂

Fünf Einnahmequellen, fünf Quellen der Freude. Jede dieser Tätigkeiten macht mir Spaß. Solange ich sie in Teilzeit machen darf. In Vollzeit Putzen wäre mir zuviel, in Vollzeit Schreiben allerdings auch. Mit Mitte 40 habe ich endlich beschlossen, das zu akzeptieren. Ich werde nie groß Karriere machen, weil ich mich auf kein einzelnes Gebiet spezialisieren will.

Aber ich werde immer wieder Neues lernen. Ich werde mit verschiedensten Menschen Kontakt haben – wunderbaren Menschen, jeder auf seine Art. Ich werde Zusammenhänge erkennen, die nicht jeder sieht (etwa „Was Romanautoren von Rezeptionisten lernen können“ ). Ich werde Projekte realisieren können, die mehrere Gebiete verbinden (wie etwa mein Buch „Handmade Hygge“, das letzten September erschien, oder Übersetzungen von Kirchenliedern, die ebenfalls teils schon veröffentlich sind). Ich werde (hoffentlich) keinen Burnout bekommen. Und ich werde (hoffentlich) von all dem leben können.

Ich werde meine innere Stimme singen lassen.