Von der Auszeit zum Arbeitsalltag

Gestern Abend: Sommer in Dänemark. Das Meer glitzert tiefblau am Horizont. Schmetterlinge tanzen in der warmen Luft. Und ich sitze seit Stunden an der Steuererklärung.

Bild von 2015. Damals hatte ich noch (Aus)Zeit zum Fotografieren.

Oft horchen Urlauber interessiert auf, wenn sie meine Geschichte mitbekommen. Eine Auszeit im Ausland, spontan ausgewandert? Das klingt ja traumhaft.

Es stimmt: Ich habe einen Traum verwirklicht.
Ich wohne, wo andere Urlaub machen.
Doch inzwischen ist es mein Alltag geworden.

Viele träumen davon, für immer nach Dänemark zu ziehen. Weil die Dänen so nett und entspannt sind. Weil die Landschaft so schön ist, mit all den Stränden und Inseln. Weil sie sofort in Urlaubsstimmung kommen, wenn sie nur ein Foto von ihrem „gelobten Land“ sehen.

Ja, viele Dänen sind nett. Manche wahrscheinlich auch nicht. Für mich sind die Leute um mich rum nicht einfach „die Dänen“. Es sind Individuen wie wir alle, Uffe und Carsten und Inge und Susanne. Es sind meine Freunde und Nachbarn, Arbeitgeber und Kollegen. Jeder hat seine Eigenarten. Genau wie „die Chinesen“, die ich in zwei Jahren Peking kennen gelernt habe. Genau wie „die Bayern“, bei denen ich viele Jahre lebte. Man kann überall tollen Menschen begegnen.

Ja, die Landschaft ist schön. Der Ostteil bezaubert mit vielen Inseln, der Westteil mit weiten Stränden. Ich vermute allerdings stark, dass es auch in Dänemark langweilige Ecken gibt. Wahrscheinlich sogar ein paar hässliche. Leider hatte ich noch keine Zeit, die zu suchen. Denn ich muss arbeiten, die Auszeit ist vorbei. Aber das Arbeiten kann ja auch an schönen Orten stattfinden. Ich habe meinen Neigungen nachgegeben und arbeite z. B. als Rezeptionistin in einer Pension mit Meerblick und einem Labyrinthpark mit jeder Menge Grün.

Bin ich deshalb dauernd in Urlaubsstimmung? Nein. Mein neuer Alltag hat mich im Griff. Samt Steuererklärung, TÜV und Zahnarztbesuch. Doch von solchen Tiefpunkten abgesehen, finde ich meinen Alltag meist fast besser als Urlaub. Denn ich habe die Gelegenheit genutzt, diesen Alltag neu zu definieren. Schließlich hatte hier niemand bestimmte Erwartungen an mich Eingewanderte. So konnte ich mich, nach vielen Jahren als Texterin und Redakteurin, zur Abwechslung auch in den Tourismus stürzen; ich putze ein bisschen und wasche ab, ich nähe und singe in verschiedenen Dorfkirchen. Solche Jobs wären mir in Deutschland nie untergekommen. Das alles hat mir neue Erkenntnisse gebracht, über die Welt, das Leben und mich selbst. Und am Ende der Touristensaison habe ich mir einen kleinen Urlaub redlich verdient. (Ich werde ihn in Deutschland verbringen.)

Für die kleinen Auszeiten im Arbeitsalltag  werde ich zwischendurch in die Wellen hüpfen. Eine Mondscheinwanderung an den Kreidefelsen machen. Mit Susanne Kaffee trinken, mit Carsten & Co. singen.  Und wenn ich wieder an der Steuererklärung sitze, tröstet mich der Meerblick doch ein kleines bisschen 🙂

Traumgedichte

Morgen beginnt der Mai. Osterglocken leuchten aus dem Nebel, es duftet nach Frühling. Eine magische Zeit: eine Vollmondnacht. Ein Zustand des Schwebens, wo man nicht weiß, ob man träumen oder dichten soll.

Für mich hängen Träume und Gedichte eng zusammen. Gedichte sind ein Versuch, etwas Unbegreifliches in Worte zu fassen. Stimmungen, Farben, Gefühle werden aus dem Unterbewussten geholt und so vielschichtig umschrieben, dass man sich immer wieder neu in ihnen verliert. Welten tauchen auf und vergehen.

Manche Gedichte begleiten mich schon seit Jahrzehnten. Immer wieder entdecke ich neue Nuancen in ihnen. Als ich mein Schlafzimmer einrichtete, habe ich einige Gedichte ausgewählt, die mit Träumen zu tun haben, mit anderen Welten und dem Schaurig-Schönen der Schöpfung. Eines Nachts habe ich sie an meine Wand geschrieben, in silberner Schrift, in welligen Linien.

Vielleicht träumt ihr heute Nacht auch von anderen Welten und fernen Zeiten. Vielleicht inspiriert euch die Vollmondnacht, ein schöne Melodie, ein geliebter Mensch. Vielleicht mögt ihr auch meine Lieblingsgedichte lesen und mit mir in meine Traumwelt abtauchen.

Clemens Brentano: Sprich aus der Ferne!

Sprich aus der Ferne,
Heimliche Welt,
Die sich so gerne
Zu mir gesellt!

Wenn das Abendrot niedergesunken,
Keine freudige Farbe mehr spricht,
Und die Kränze still leuchtender Funken
Die Nacht um die schattigte Stirne flicht:

Wehet der Sterne
Heiliger Sinn
Leis durch die Ferne
Bis zu mir hin.

Wenn des Mondes still lindernde Tränen
Lösen der Nächte verborgenes Weh;
Dann wehet Friede. In goldenen Kähnen
Schiffen die Geister im himmlischen See.

Glänzender Lieder
Klingender Lauf
Ringelt sich nieder,
Wallet hinauf.

Wenn der Mitternacht heiliges Grauen
Bang durch die dunklen Wälder hinschleicht
Und die Büsche gar wundersam schauen,
Alles sich finster, tiefsinnig bezeugt:

Wandelt im Dunkeln
Freundliches Spiel,
Still Lichter funkeln,
Schimmerndes Ziel.

Alles ist freundlich wohlwollend verbunden,
Bietet sich tröstend und trauernd die Hand,
Sind durch die Nächte die Lichter gewunden,
Alles ist ewig im Innern verwandt.

Sprich aus der Ferne,
Heimliche Welt,
Die sich so gerne
Zu mir gesellt!

Eduard Mörike: Die Geister am Mummelsee

Vom Berge was kommt dort um Mitternacht spät
mit Fackeln so prächtig herunter?
Ob das wohl zum Tanze, zum Feste noch geht?
Mir klingen die Lieder so munter.
O nein!
So sage, was mag es wohl sein?

Das, was du da siehest, ist Totengeleit,
und was du da hörest, sind Klagen.
Dem König, dem Zauberer, gilt es zu Leid,
sie bringen ihn wieder getragen.
O weh!
So sind es die Geister vom See!

Sie schweben herunter ins Mummelseetal –
sie haben den See schon betreten –
sie rühren und netzen den Fuß nicht einmal –
sie schwirren in leisen Gebeten –
O schau,
am Sarge die glänzende Frau!

Jetzt öffnet der See das grünspiegelnde Tor;
gib acht, nun tauchen sie nieder!
Es schwankt eine lebende Treppe hervor,
und – drunten schon summen die Lieder.
Hörst du?
Sie singen ihn unten zur Ruh.

Die Wasser, wie lieblich sie brennen und glühn!
Sie spielen in grünendem Feuer;
es geisten die Nebel am Ufer dahin,
zum Meere verzieht sich der Weiher –
Nur still!
Ob dort sich nichts rühren will?

Es zuckt in der Mitten – o Himmel! ach hilf!
Nun kommen sie wieder, sie kommen!
Es orgelt im Rohr und es klirret im Schilf;
nur hurtig, die Flucht nur genommen!
Davon!
Sie wittern, sie haschen mich schon!

William Wordswort: The Surface of Past Time
(The Prelude, Book Fourth, Zeile 256-276)

As one who hangs down-bending from the side
Of a slow-moving boat, upon the breast
Of a still water, solacing himself
With such discoveries as his eye can make
Beneath him in the bottom of the deep,
Sees many beauteous sights – weeds, fishes, flowers,
Grots, pebbles, roots of trees, and fancies more,
Yet often is perplexed, and cannot part
The shadow from the substance, rocks and sky,
Mountains and clouds, reflected in the depth
Of the clear flood, from things which there abide
In their true dwelling; now is crossed by gleam
Of his own image, by a sunbeam now,
And wavering motions sent he knows not whence,
Impediments that make his task more sweet;
Such pleasant office have we long pursued
Incumbent o’er the surface of past time
With like success …

Gerard Manley Hopkins: As Kingfishers Catch Fire

As kingfishers catch fire, dragonflies draw flame;
As tumbled over rim in roundy wells
Stones ring; like each tucked string tells, each hung bell’s
Bow swung finds tongue to fling out broad its name;
Each mortal thing does one thing and the same:
Deals out that being indoors each one dwells;
Selves — goes itself; myself it speaks and spells,
Crying Whát I dó is me: for that I came.
I say móre: the just man justices;
Keeps grace: thát keeps all his goings graces;
Acts in God’s eye what in God’s eye he is —
Chríst. For Christ plays in ten thousand places,
Lovely in limbs, and lovely in eyes not his
To the Father through the features of men’s faces.

Das folgende dänische Gedicht habe ich hier ins Deutsche übersetzt:

B. S. Ingemann: I sne står urt og busk i skjul

I sne står urt og busk i skjul,
det er så koldt derude,
dog synger der en lille fugl
på kvist ved frosne rude.

Giv tid! giv tid! – den nynner glad
og ryster de småvinger,
giv tid! og hver en kvist får blad,
giv tid! – hver blomst udspringer.

Giv tid! og livets træ bli’r grønt,
må frosten det end kue,
giv tid! og hvad du drømte skønt,
du skal i sandhed skue.

Giv tid! og åndens vinterblund
skal fly for herlig sommer,
giv tid! og bi på herrens stund,
– hans skønhedsrige kommer.

Gustaf Munch-Petersen: Det underste land

o stor lykke
stor lykke har de faaet,

som er født i det underste land –
overalt kan i se dem
vandrende
elskende
grædende –
overalt gaar de,
men i deres hænder bærer de smaa ting
fra det underste land –

o større end alle lande
herligere
er det underste –
opad vrider jorden sig
i en spids –
og nedad
udad synker det tunge
levende blod
ind i det underste land –

smalle forsigtige fødder
og tynde lemmer
og ren er luften
over de aabne opadstigende veje –
i lukkede aarer
brænder længselen hos dem,
der er født oppe under himlen –

men o
i skulde gaa til det underste land –!
o i skulde se folket fra det underste land,
hvor blodet flyder frit mellem alle –
mænd –
kvinder –
børn –
hvor glæden og fortvivlelsen og elskoven
tunge og fuldmodne
straaler i alle farver mod jorden –
o jorden er hemmelighedsfuld som en pande
i det underste land –

overalt kan i se dem
vandrende
elskende
grædende –
deres ansigter er lukkede,
og paa indersiden af deres sjæle sidder jord
fra det underste land –

Habt ihr ein Lieblingsgedicht (oder -lied), das euch zum Träumen bringt?

Liebe Grüße von der Insel, Carmen Wedeland

Pausenbild

Eigentlich hatte ich dieser Tage so viel vor.
Schreiben. Was schaffen. Weichen stellen.
Ich glaube, ich lasse es alles bleiben.
Nur noch schauen. Staunen. Und Schnee schaufeln 🙂

(Aussicht auf die Ostsee von der Pension Bakkegaard Gæstgiveri Møns Klint auf der Insel Møn, 27. und 28. Februar 2018. Starker Ostwind, jede Menge Schnee und noch mehr Schneeverwehungen!)

P. S. Wer mehr Schneebilder sehen will – bitteschön:
22 Winter-Visionen

Die innere Stimme singen lassen

Mitte Januar 2018. „So geht das nicht weiter“, ermahnte ich mich mit ernster Stimme. „Reiß dich zusammen und such mehr Arbeit. Lukrative Texterjobs, los jetzt.“ Ich hielt mir die Ohren zu. „Aber ich will nur nähen“, antwortete ich, mit piepsiger Stimme und schlechtem Gewissen. Ich hatte schon über den Weihnachtsurlaub hinaus meinem Hobby gefrönt. „Das geht nicht lange gut“, schimpfte ich, während ich weiter Stoffe zusammensteppte. „Morgen fängst du mit der Arbeitssuche an. Schreiben, Übersetzen, was Solides im Büro. Werd endlich vernünftig.“

Drei Tage später, die Nähmaschine surrt, der Kontostand schrumpft. Da schickt meine Nählehrerin eine Nachricht. „Ich brauche dringend Hilfe!“ Eine Handarbeitsmesse droht am Horizont, sie will ausstellen. Könnte ich Stoffe zuschneiden, Sachen packen und andere Arbeiten erledigen?

Zwei Wochen später, die Nähmaschine stand kaum still. Ich habe geschnitten und genäht, Ärmel eingesetzt und Knöpfe mit Stoff bezogen.  Ich habe Neues gelernt, bin rechtschaffen müde, die Katzen der Nähschule hatten hyggelige Gesellschaft und meine Nählehrerin freut sich über die fertigen Ausstellungsstücke, mit der das Kursuscenter Emilielunden würdig auf der Messe „Alt om Håndarbejde“ vertreten sein wird.

Abends habe ich weitergenäht, Tischdecken für einen anderen Kunden und ein schickes Shirt für mich selbst. Diesmal mit gutem Gewissen, denn der Kontostand stieg, während die Nähmaschine surrte! Und die Stimme, die Anfang des Jahres so piepsig klang, hat angefangen zu singen.

 Ich sollte mehr auf diese innere Stimme hören. Sie hatte schon öfter Recht. „Du fährst in die falsche Richtung“, flüsterte sie, als ich 2013 von meinem Inselurlaub nach Hause fuhr. Ich kehrte um (ein paar Wochen später) und wohne seitdem auf Møn. Was ziemlich verrückt klang, hat mich auf Jahre glücklich gemacht. Andere Male habe ich die kleine Stimme überhört, habe das Gewohnte gemacht, das Solide, was von mir erwartet wurde. Es hat mich ernährt, aber ganz glücklich war ich nie. „Hör auf dein Bauchgefühl, es weiß viel mehr, als du denkst“, sagte eine weise Frau einmal zu mir, und jetzt versuche ich das zu beherzigen.

Nichts gegen lukrative Texterjobs. Texten macht Spaß, im November habe ich viel geschrieben, wenn auch an meinem Romanprojekt statt an lukrativen Aufträgen. Wieder so ein Schachzug der inneren Stimme, die mich dauernd vom geraden Weg abbringt. Doch im Dezember verlor ich das Texten aus dem Fokus, weil mir eine neue Idee kam: Ich will Kirchensängerin werden. Die Stimme der Vernunft begann gleich zu meckern: „Du bist Mitte 40, willst du für einen Nebenjob eine weitere Ausbildung anfangen, mit unsicherem Erfolg?“ Aber ich bekam immer mehr Lust darauf. Auf die Ausbildung, auf die Arbeit. So motiviert war ich schon lange nicht mehr, außer fürs Nähen und Schreiben. Ich recherchierte: Hier in Dänemark gibt es in jeder Dorfkirche einen Kirchensänger, der die Gesangbuchlieder staatstragend mitsingt, damit die Gemeinde der Melodie leichter folgen kann. Eine Art 400-Euro-Job, Umfang je nach Größe der Gemeinde. Wenn ich so eine Stelle bekäme, ob fest oder als Vertreterin, wäre das aktuell meine fünfte Einnahmequelle, neben dem Schreiben/Übersetzen, den sommerlichen Rezeptionsjobs, einer kleinen Putzstelle und nun auch gelegentlichen Näh-Einsätzen 🙂

Fünf Einnahmequellen, fünf Quellen der Freude. Jede dieser Tätigkeiten macht mir Spaß. Solange ich sie in Teilzeit machen darf. In Vollzeit Putzen wäre mir zuviel, in Vollzeit Schreiben allerdings auch. Mit Mitte 40 habe ich endlich beschlossen, das zu akzeptieren. Ich werde nie groß Karriere machen, weil ich mich auf kein einzelnes Gebiet spezialisieren will.

Aber ich werde immer wieder Neues lernen. Ich werde mit verschiedensten Menschen Kontakt haben – wunderbaren Menschen, jeder auf seine Art. Ich werde Zusammenhänge erkennen, die nicht jeder sieht (etwa „Was Romanautoren von Rezeptionisten lernen können“ ). Ich werde Projekte realisieren können, die mehrere Gebiete verbinden (wie etwa mein Buch „Handmade Hygge“, das letzten September erschien, oder Übersetzungen von Kirchenliedern, die ebenfalls teils schon veröffentlich sind). Ich werde (hoffentlich) keinen Burnout bekommen. Und ich werde (hoffentlich) von all dem leben können.

Ich werde meine innere Stimme singen lassen.

Aus Scherben etwas Schönes bauen

Ein Mädchen sitzt auf einem Haufen Glasstücke. Die Scherben schneiden in ihre Haut. Sie weiß nicht, warum sie hier ist. Sie weiß nicht, was das für Scherben sind. Sie ist halb taub, denn gerade hat es geknallt. Sie sieht nach oben. Der Himmel tobt. Das Gewölbe, das sie schützte, ist weg. Stümpfe von Säulen ragen in die Nacht.

Wer ist dieses Mädchen? Was ist passiert? Wird sie sich retten können?

Diese Frage hat mich beschäftigt, seit ihr Bild im Frühjahr 2013 in meinem Inneren auftauchte. Ich kannte das Mädchen nicht. Aber ihr Leiden ließ mir keine Ruhe. Ihre Welt war zusammengebrochen. Die Scherben taten mir weh. Ich spürte das Ende einer aufwühlenden Geschichte. Oder war es vielleicht ein Anfang?

Es ließ mir keine Ruhe. Seit meiner Jugend hatte ich Geschichten schreiben wollen. Doch nie war mir etwas eingefallen, das mich lange genug faszinierte. Das Scherbenmädchen faszinierte mich, monatelang. Ich spürte in mich und fand weitere Bilder. Szenen, die ich nicht verstand und die scheinbar nicht zusammenhingen. Doch ich wusste, ich musste mich ihnen stellen. Ich schrieb sie auf, ich ordnete sie und versuchte sie zu verbinden. Eine Insel entstand, Fossilien, Figuren, sie bauten leuchtende Gebilde aus Glas und hüteten dunkle Geheimnisse. Der Schauplatz eines Romans, der Ausgangspunkt einer Handlung.

Im August 2013 suchte ich den Ort, wo diese Handlung stattfinden könnte. Ich kam auf die Insel Møn, angezogen von den Kreidefelsen und ihren Fossilien. Ich fand den perfekten Ort zum Schreiben. Seitdem wohne ich hier.

Die Natur draußen half mir, meinen Schauplatz weiter auszubauen. Drinnen im Haus untersuchte ich Glas. Lampen und Spiegel, Splitter und runde Stücke, die das Meer weichgeschliffen hatte. Ich las viel über Glas. Es kann trüb sein oder klar, es kann Einblicke ermöglichen und Wahrheit verzerren. Es ist hart und doch nicht fest, man kann aus Glasplatten Häuser bauen oder mit Mosaikteilchen Schmuckstücke gestalten. Ich schrieb Gedichte über Glas als Metapher für das menschliche Dasein.

Inzwischen wusste ich: Das Mädchen war ich selbst. Und der Scherbenhaufen war mein Leben.

Im Oktober 2012, heute vor fünf Jahren, starb mein Vater. Er war von einer Leiter gefallen. Das Firmament, unter dem ich gelebt hatte, brach zusammen. Drei Monate später starb meine Mutter, und wohin ich mich in meinem Leben drehte, ich griff in schmerzende Scherben. Nach und nach hob ich sie hoch, betrachtete die Bruchstücke meines Lebens und fragte mich, ob ich je wieder aufstehen und weitermachen konnte.

Doch dann kamen die Bilder: das Scherbenmädchen und weitere Szenen. Sie wollten in Worte gefasst werden. Ich reiste nach Møn, um zu schreiben. Die Kreidefelsen erinnerten mich daran, dass es Größeres gibt als unser kleines Leben. Die Leuchttürme und der Sternenhimmel malten eine Landkarte für meinen Roman. Und dann fand ich eine Künstlerin, die mir erklärte, wie sie mit Glas arbeitet.

Mette Folmer füllt Glasplatten mit Fischgräten, Metallen und Kreidekrümeln oder verbindet fließendes Glas mit Stein und Draht. Ihre Werkstatt auf dem Tranemarkegård liegt im Osten der Insel Møn.

„Glas hat seine eigene Seele“, sagte sie. „Man muss demütig an die Arbeit herangehen, offen bleiben für Veränderungen, nichts erzwingen wollen. Wenn ich mich beeilen will, schneide ich mich oder das Glas zerbricht. Aber wenn ich mich darauf einlasse, entstehen die schönsten Dinge. Ich freue mich jedes Mal darauf, den Ofen zu öffnen. Jede Luftblase ist ein Geschenk. Manchmal denke ich auch, dass etwas komplett danebengegangen ist. Aber dann kommt ein anderer und findet genau dieses Stück am schönsten.“

In ihrer Werkstatt durfte ich selbst ein Bild aus Glasstückchen machen. Auf einer farblosen Platte sollte ich Scherben anordnen, nach dem Brennen konnte ich mein Bild mit nach Hause nehmen. Ich hatte großen Respekt vor den vielen scharfkantigen Stücken. Zuerst sortierte ich nur Farben und Formen, fand keinen richtigen Plan. Dann entdeckte ich eine Engelfigur. Sie setzte ich an die Spitze meines Bildes, auf sie hin richteten sich alle Teile von selber aus. Allmählich entstand eine Landschaft, die Kreidefelsen von Møn mit zwei Krebsen im Wasser. Zum Schluss verschwand der Engel und machte einer Sonne Platz. Er hatte geholfen, meine Welt zu ordnen, nun wurde er nicht mehr gebraucht.

Das Glasbild liegt noch heute in meiner Schreibwerkstatt, direkt unter den Wandtafeln mit meiner Romanskizze. Mehrere Male habe ich den Plot schon umgebaut, Figuren erschaffen und wieder gestrichen, die Teile hin- und hergeschoben. Allzuviele Ideen haben die Sicht auf das Ganze getrübt. Nun will ich mein Schreiben wieder mehr auf den Ursprung ausrichten. Das Mädchen mit den Scherben, ihre Geschichte und die Frage: Wie kann man aus Scherben etwas Schönes bauen?

Ab nächster Woche schreibe ich den Roman neu. Dann ist National Novel Writing Month. Ich habe ein Ziel und ich freue mich darauf.

Ich möchte, dass der Scherbenhaufen nicht ein Ende, sondern ein Anfang ist.

Liebe Grüße von der Insel, Carmen Wedeland

Weine nicht um Glas, das zerbrochen,
– spricht Weltabor, der Weise.
Wer weint, sieht nicht klar.
Wirf die Scherben ins Meer!
Das weiche Wasser wird sie dir schleifen,
und jedes spitze, schneidende Stück
formt es zu rundem, rieselndem Sand.
Schmeichelnd umfließt er deine Hand,
und schmilzt du ihn ein, erhältst du zurück
das Glas, das zerbrochen war.

(Bruchstück aus einer frühen Romanversion)

Elf gute Gründe, auf eine Insel zu ziehen

Als ich meinen Freunden 2013 verkündete, ich würde alles hinter mir lassen und auf eine Insel ziehen, sagten erstaunlich viele: „Das will ich auch!“
Träumst du genauso vom Inselleben?
Darum solltest du gleich losziehen:

1. Weil der Blick auf Wellen so beruhigt

Eine Stunde am Meer, und alle Sorgen sind fortgespült. Ich atme mit den Wellen, mir wird bewusst, dass wir nur ein kleiner Teil des Kosmos sind. Mich tröstet dieser Gedanke jedes Mal. Ein Bild vom Meer bewirkt das nicht: Man muss es sehen und spüren, hören und schmecken, am besten noch durchs Wasser laufen, schwimmen und tauchen. Das ist Meditation mit allen Sinnen, für Seele, Körper und Geist.

2. Weil es Strände ohne Ende gibt

Eine Insel ist von Strand umgeben. Steinstrand, Sandstrand, Steilküste, Schilf. Egal wonach einem ist, es ist immer in Reichweite. Im Norden blendet auch im Sommer die Sonne nicht. Im Westen schießt man perfekte Sonnenuntergangsfotos. Im Osten können sich Frühaufsteher schon morgens sonnen.  Letztes Jahr habe ich 16 Strände besucht, diesen Sommer sieben weitere Strände, ganz einfach auf dem Weg zur Arbeit, und es gibt noch so viel zu entdecken. Fortgeschrittene Strandbesucher wissen, wo man am besten badet, wo man am schönsten wandert, wo es essbaren Tang gibt und wo im Winter der Bernstein antreibt.

3. Weil Brücken so erhebend sind

Eine Insel mit Brücken ist das Beste! Ich kenne kein tolleres Gefühl, als hoch auf den Farø-Brücken zu fahren, hinter mir die Insel Falster, vor mir die Insel Seeland, unter mir Farø, rechts liegt Bogø und dahinter Møn. Die Welt steht einem offen, man braucht nur zu wählen! Das blaue Meer wogt unter mir, an zwei Horizonten glänzen weitere Brücken, sie laden ein, durch die Luft zu fahren. Und wenn ich auf dem Damm von Bogø nach Møn fahre, ist es, als würde ich durchs flache Wasser gleiten, im Einklang mit dem Universum.

4. Weil eine Schifffahrt alle Sorgen wegspült

Eine Insel ohne Brücken ist auch besonders! Dann muss man mit dem Schiff dorthin. Mit großen Fähren. Mit schaukelnden Kähnen. Mit Segelbooten. Wer gerne segelt oder surft, sollte nicht im Landesinneren wohnen. Wer gerne Fotos macht, findet in den Häfen und auf See immer neue Blickwinkel. Und wer eine längere Fährfahrt macht, hat Zeit, sich die Füße zu vertreten, Zeit, das Leben an sich vorbeiziehen zu lassen und sich auf das Kommende einzustellen. Ich freue mich immer wieder darauf!

5. Weil die Luft so frisch ist und der Himmel so hoch

Die Luft riecht aufregend nach Salz, wenn man an der Nordsee ist, und einfach erfrischend an der Ostsee. Der Wind treibt die Wolken vor sich her; egal wie sehr es am Morgen regnet, am Nachmittag scheint die Sonne wieder. Und am Abend türmen sich rosa Wolken kilometerweit in den Himmel, der freie Horizont lässt das Herz aufgehen.

6. Weil selbst das Land nach See aussieht

Das nahe Meer macht etwas mit dem Land. Die Erde bildet Buchten und Watt und Kliffs. Die  Bäume werden vom Wind zurechtgeblasen. Die Möwen fliegen übers Land, die Häuser ducken sich in die Hügel, die Häfen wachsen ins Meer. Städte sind stolz auf ihre Fischertradition. Selbst große Städte wie Kopenhagen wirken durch das Meer entspannter. Die Luft ist frisch, das Meer lässt Licht zwischen die Häuser, die Brücken laden zum Flanieren ein. Und abends sitzt man gemütlich am Hafen und lässt die Beine übers Wasser baumeln.

7. Weil nur die Einheimische wissen, wie schön es im Winter ist

Natürlich kann man die maritime Stimmung auch als Tourist erleben. Man kann sogar jedes Jahr im gleichen Ferienhaus Urlaub machen und sich irgendwie wie ein Inselmensch fühlen. Und doch ist es anders, wenn die Touristensaison vorbei ist. Die Strände werden einsam. Die Wälder sind groß und leer. Das Wetter kann nochmal schön werden, warm im September und sonnig im November. Kahle Bäume geben den Blick auf die Landschaftsformen frei. Und wenn es im Winter schneit, dann glitzert die ganze Welt. Das geschieht hier in Dänemark nicht oft, meist ist die Pracht nach einem Tag verschwunden. Wer dann erst lange anreisen muss, hat das Schönste schnell verpasst. Meist haben die wenigen Inselbewohner all die Herrlichkeit für sich.

8. Weil die Menschen miteinander leben

Knapp 10.000 Menschen wohnen auf „meiner“ Insel Møn, wenn die Touristen abgereist sind. Am Ostrand, wo ich lebe, sind es im Winter gefühlte zwanzig. Und mit denen freundet man sich an, wenn man lange genug bleibt, ob im Chor, in der Nachbarschaft, bei Events. Denn alle gehen auf das gleiche Konzert, wenn denn mal eines stattfindet. Nach und nach lernt man Leute kennen, die man in der Großstadt vielleicht übersehen würde. Weil dort immer andere greifbar sind, die spannender erscheinen, die besser zu einem passen, vom Alter, vom Hintergrund, von den Hobbys her. Hier ist man auf seine Nachbarn angewiesen, probiert Neues, schließt Freundschaft über Generationen. Und viele sind aufgeschlossen und interessiert. Alleine die Tatsache, dass man auch hier wohnt, bei Regen und Sturm, gibt Bonuspunkte. Trotz aller Brücken bleibt die Vorstellung, dass man im Winter gemeinsam eingeschneit sein könnte, und dann halten Inselbewohner zusammen.

9. Weil Beschränkung auch befreit

Es ist gut, sich auf das Nahe zu konzentrieren. Das muss man auch, wenn man so abgelegen wohnt wie ich. Hinter der nächsten Biegung hört das Land auf: Im Osten und Süden kommt nach einem Kilometer das Meer. Im Norden sind vier Kilometer Wald. Nur nach Westen breitet sich die Insel aus, bis zum nächsten kleinen Supermarkt fahre ich fünf Kilometer, zur nächsten Kleinstadt ganze 17. Wenn ich abends zu Hause ankomme, ziehe ich nicht noch mal schnell los, bloß weil ich die Milch vergessen habe. Ich kann mich auch kaum spontan auf einen Kaffee verabreden. Alles geht langsamer, man beschränkt sich auf das Wesentliche, findet einen neuen Rhythmus. Will man pulsierendes Leben, ist das die Hölle. Will man in Ruhe an einem Roman arbeiten, im Garten werkeln oder wandern, ist es das Paradies 🙂

10. Weil es für jeden die richtige Insel gibt

Möchtest du weg von allem? Es muss ja nicht immer Dänemark sein. Wie wäre es mit einem kleinen Atoll vor Australien? Einer Vulkanlandschaft auf Neuseeland? Einem Waldstück in einem kanadischen See? Oder wenn das alles zu entlegen ist, gäbe es da noch ein paar Halligen oder diesen Vorort von Helsinki: die Insel Suomenlimna, wo die Schiffe ein Teil des Busnetzes sind. Ich bin zufrieden mit dem Kompromiss, den ich gefunden haben: Møn ist eine mittelgroße Insel, weg von den Hauptverkehrsstraßen und doch nur 90 Minuten von Kopenhagen entfernt.

11. Weil es ärgerlich ist, dass du Atlantis verpasst hast

 

Atlantis, die sagenhafte Hochkultur – leider seit Jahrtausenden passé. Rungholt, die reiche Stadt, in den Nordseefluten versunken. Und auch an den Kreidefelsen von Møn nagt das Meer, wie dieses Video vom letzten Herbst zeigt. Also: Finde dein Paradies, solange es noch da ist! Ob Malediven oder Mallorca, Britannien oder Borkum. Bevor der Klimawandel, die ganz normalen Unwetter, die menschlichen Konflikte alles kaputtgemacht haben.

Ich könnte sicher noch 100 gute Gründe hinzufügen, warum man sofort auf eine Insel ziehen sollte.  Falls ihr euch für Dänemark interessiert, schaut doch mal in das schöne Buch „111 Gründe, Dänemark zu lieben“, das meine Bloggerkollegin Maritta Demuth geschrieben hat. Der Reihentitel hat mich zu diesem Beitrag inspiriert.

Und falls ihr euch jetzt inspiriert fühlt, packt die Sachen und folgt eurem Traum – bevor er im Alltagsstress untergeht!

Liebe Grüße von der Insel, Carmen Wedeland

Die Farbe des Schreibens

Meer bei Spejlsby, Møn

Meer bei Spejlsby, Møn

Neulich las ich, dass die Menschen früher die Farbe Blau nicht als gesonderte Farbe wahrgenommen hätten. Es gab kein Wort dafür, darum machte sich niemand einen Begriff davon.  Noch heute soll es einen Stamm geben, der ein blaues Quadrat nur mit Mühe von einer Menge grüner Quadrate unterscheiden kann. (Nachzulesen zum Beispiel hier.)

Kein Wort, keine Vorstellung von Blau?

Blaumeisen müssten Vergissmeinnicht-Meisen heißen, blaue Flecken wären lila und die blue jeans wahrscheinlich green jeans oder gray jeans, je nach Schattierung.

Wenn ich mir das Meer heute so ansah, konnte ich mir das fast vorstellen. Das Wasser ließ sich bei näherem Hinsehen besser als grün, braun und lila beschreiben.

Trotzdem, der Gesamteindruck war blau – ein Blau, das glücklich macht.

In meinem Leben hat die blaue Farbe lange gefehlt. Es gab nur Grün und Braun und Lila.  Ich gestaltete gerne Dinge. Ich spielte mit Sprache. Ich las Bücher und sah Filme, besonders Fantasy und Sci-Fi. Ich textete sogar beruflich. Aber kreativ schreiben, ich?

Ich hatte kaum eine Vorstellung vom „Schreiben“. Ich sah das Blau vor lauter Grün-Braun-Lila nicht.

2013 erschienen dann plötzlich all diese Bilder in meinem Kopf. Eine Romanhandlung drängte sich auf, ein Schauplatz wuchs aus dem Nichts, Botschaften wollten mitgeteilt werden. Ich fand einen Ort für das Schreiben, die Insel Møn und mein Künstler-Refugium auf dem Bakkegaard. Ich gönnte mir Zeit für das Schreiben, über ein Jahr, in dem der Roman mein Hauptprojekt war.  Und plötzlich erkannte ich das Gesamtbild in all dem Grün und Braun und Lila. Es war blau. Ein Blau, das glücklich macht.

Inzwischen kann ich mir ein Leben ohne kreatives Schreiben nicht mehr vorstellen. Genau wie die Farbe Blau durchzieht es meinen Tag.  Trotzdem habe ich immer Angst, dass ich das irgendwann nicht mehr erkenne. Darum habe ich mir einen Raum für das Schreiben gestaltet, meine Schreibwerkstatt und mein Traumzimmer. Ich lasse mich auch ständig ans Schreiben erinnern: mein Postfach füllen Autoren-Newsletter und Blog-Kommentare, meine Facebook-Timeline Bemerkungen anderer Autoren. Ich tausche mich mit anderen Schreibenden aus, und einige freundliche Leute sehen mich als Schriftstellerin, selbst wenn ich oft daran zweifle, dass ich jemals etwas Vernünftiges fertigstellen werde.

All das sind Fassetten des Schreibens, Fassetten von Blau, und sie machen mich glücklich.

Gibt es vielleicht noch andere Dinge in unserem Leben, die so grundlegend sind, dass wir sie überhaupt nicht wahrnehmen? Die uns glücklicher machen, wenn wir sie endlich erkennen?

Habt ihr das Blau für euch gefunden?

Buchmesse-Begegnungen

VorCarmen Wedeland Leipziger Buchmesse 035 ein paar Tagen war ich auf der Leipziger Buchmesse, aus sehr erfreulichem Anlass: Meine erste Geschichte erschien in der Kurzgeschichtensammlung „Mütter“ bei Edition Roter Drache. Gleich am ersten Buchmesse-Morgen durchquerte ich Halle 2 und fand unter Tausenden Büchern das eine Werk.

Es sieht  schön aus und liegt schmeichelnd in der Hand, außerdem enthält es 30 schräge, spannende und schaurige Geschichten. Das ideale Geschenk für den Muttertag 😉

Danach warteten Hunderte Fans nicht auf mein Autogramm, also hatte ich die Möglichkeit, fünf Hallen voller Literatur zu erkunden. Tiefschürfende Gespräche, bahnbrechende Erkenntnisse, wegweisende Vertragsangebote. Was man als aufstrebende Autorin halt so macht.

So schlenderte ich also gemütlich durch die Gänge. Schlich an den Verlagen vorbei, die später meine großen Romane herausbringen werden, sobald ich sie fertig schreibe. Sah gepflegte Menschen an den großen Ständen der Geisteswissenschaft, die Gebäck aßen und Gespräche führten. Sah auch die Jungs wieder, die vom Hauptbahnhof bis zum Messegelände die vollgestopfte Straßenbahn mit Fußballliedern und „Annkatrin aus Berlin“ unterhalten hatten – in nur zwanzig Minuten waren sie mir ans Herz gewachsen, rein räumlich betrachtet. Sah Manga-Fans mit rosa Perücken und Puschelschlappen und überlegte, wo ich mich in diesem kulturellen Kosmos einordnen könnte. Noch war ich ja frei, frei von Fans, Fototerminen und Fachgesprächen. Kein Gebäck mit Geistesgrößen, keine johlenden Horden (mehr) um mich herum, noch nicht mal Kugelschreiber oder lustige Leinenbeutel konnte ich abgreifen, wie früher auf der Frankfurter Buchmesse.

Zum Glück servierten die Frankfurter in einer Ecke kostenlose Kartoffelsuppe. Danach war ich gestärkt für eine Kaffeepause mit Crêpe. Wenn ich so in mich hineinhorchte, hatte ich gar nicht viel Lust, mir lauter Bücher anzusehen. Meine Seele musste erstmal hinterherkommen.

Ein bisschen sehnte ich mich nach Møn zurück, meinem Insel-Refugium, wo gerade jetzt der Frühling ausbricht, Vogelgezwitscher über den Feldern, in Licht gebadete Strände und all das. Ich dachte an die lange Fahrt vom Vortag, über vier Inseln und die Ostsee. Ich dachte an Vincent, einen jungen Portugiesen, den ich vom Fährhafen Gedser bis kurz vor Berlin mitgenommen hatte. Er reist mit Rucksack und Didgeridoo um die Welt, ohne großen Plan, so wie es ihm gerade kommt. Den Winter über hat er auf einem Biobauernhof auf Lolland mitgeholfen, nun will er weiter nach Sibirien, auf der Suche nach spiritueller Erkenntnis. Zur Finanzierung schwebt ihm vor, diesen Abschnitt zu verfilmen. Am Ende der Reise will er irgendwo eine nachhaltig wirtschaftende Öko-Kommune aufbauen. Wir hatten uns viel zu sagen. Allein dafür hat es sich gelohnt, aus dem Refugium herauszukommen.

Aufraffen und rein ins Getümmel! Ich hörte mir ein Podiumsgespräch an, Social Media Marketing für Selfpublisher. Eigentlich habe ich gar keine Lust auf Reklame, vor allem nicht, bevor ich überhaupt meinen Roman fertig habe, aber die anwesenden Erfolgsautoren wirkten sehr überzeugend und sagten, man könne gar nicht früh genug damit anfangen.  Da fällt mir ein – eine Kurzgeschichte von mir kann man ab jetzt käuflich erwerben, eine ziemlich gute sogar, in der Sammlung „Mütter“, vielleicht zum Muttertag? Es ist nicht zu früh, dafür ein gutes Geschenk zu finden.

Ich nahm ein paar gute Ideen mit und stellte fest: Ich brauche mehr Identifikationsfiguren. Also weiter zur Fantasy-Leseinsel und Händeschütteln mit meiner Herausgeberin. Jawoll, ich habe eine Herausgeberin!

Anja Bagus schreibt Steampunk-Fantasy, die in ihrer selbst erfundenen, wirklich fantastischen und philosophisch sehr interessanten Ætherwelt spielt. Sie ist sozusagen die Mutter der „Mütter“, einer ziemlich coolen Anthologie, die man seit Neuestem kaufen kann, direkt im Verlags-Shop, versandkostenfrei, auch über den Muttertag hinaus.

Anja Bagus Leipziger Buchmesse Fantasy-Lesung

Anja Bagus liest aus „Rheingold“

Ganz in der Nähe beim gleichen Verlagsshop gibt es auch mehrere von Anjas Ætherwelt-Romanen. Sie las dann aus ihrem neuesten Roman „Rheingold“, zwei faszinierende Textpassagen und sehr aussdrucksstark vorgetragen, wieder ein gutes Vorbild. So langsam ordnete ich mich ein in diesem Kosmos.

Mit neuer Energie schlenderte ich weiter, nahm nicht nur einen Burrito, sondern auch ein paar Bücher in die Hand (nicht gleichzeitig), wechselte hier und da ein paar Worte, kam in Entdeckerstimmung und passierte schließlich den Waffencheck zur Manga-Comic-Con. Erst hatte ich da gar nicht hingewollt, aber die Mädels in Plüschschlappen überzeugten mich (und der Typ im Spitzenkorsett erst!). Bilder sind wichtiger als Buchstaben, das weiß ich noch aus meiner Redaktionsarbeit, und auch der gepflegteste geisteswissenschaftliche Stand kann einpacken, wenn eine Gruppe geflügelter Wesen mit wippenden Fühlern vorbeischreitet. Neuer Plan: Nächstes Jahr komme ich im Insektenkostüm zur Messe! Hätte ich schon dieses Jahr tun sollen, passend zu meiner Kurzgeschichte „Die Stars der Krabbelgruppe“, die ist nämlich voller bizarrer Insekten.

Ein bisschen Verkleidung hatte ich immerhin dabei, und die trug ich dann am nächsten Tag zur Release Party „meines“ Buches. Fürs Insekten-Nähen hatte es nicht mehr gereicht, aber ich hatte mir eine Kette in Buchcover-Optik gebastelt, helle Herzen und rote Rosen auf schwarzem Grund, und fühlte mich gut gestählt für die Lesung im „Dark Flower“ in der Leipziger Innenstadt.

Es war ein tolles Event: Autoren zum Anfassen, Geschichten mit Herzblut – bei manchen troff es nur so aus den Zeilen. Ich erlebte, was eine Einleitung im Plauderton bringt (Axel Hildebrand, Tatort-Drehbuchautor), wie gut ein schauriges Gitarrenstück zwischendurch tut (Luci van Org, einfach genial) und wie herzlich auch „Erstleser“ willkommen geheißen wurden. Natürlich war ich zu schüchtern spät dran bescheiden gewesen, um mich selbst für einen Auftritt anzumelden, also genoss ich meine relative Anonymität unter 400 ca. 40 Anwesenden und sammelte anderer Leute Autogramme. Mit einem Rucksack voller Bücher verließ ich die Veranstaltung, im Kopf die magischen Worten meines Verlegers: „Wär schön, wenn du beim nächsten Band wieder dabei wärst.“

Leipzig 2017! Ich schreibe, ich komme – und ich lese.
Im Insektenkostüm.
In meinem Kosmos.

Mixed-Media-Malworkshop

Letzten Samstag habe ich neue Kreativtechniken ausprobiert – mit erstaunlichem Ergebnis.

Mixed-Media-Malworkshop 00

Wo kommt dieser Dschungel aus Farben und Formen nur her?

Ich war beim Mixed-Media-Malworkshop der Künstlerin Lise Meijer, die mit gemustertem Papier, viel Farbe, Fantasie und Liebe traumhafte Welten schafft. Im Februar habe ich unter ihrer Anleitung schon ein kreatives Vision Board erstellt, das mir immer noch hilft, meine Träume zu visualisieren und über den Augenblick hinauszusehen.

Diesmal waren wir sechs experimentierfreudige Frauen, die sich in einem Raum voller Mal- und Bastelutensilien trafen. Und zu meiner Freude durften wir nicht sofort zu Papier und Pinsel greifen. Denn es ging nicht nur um handwerkliche Techniken und schon gar nicht darum, möglichst viel zu produzieren. Es ging (wie beim Vision Board) auch darum, offen zu werden für den kreativen Prozess – und etwas zu schaffen, das über uns selbst hinausging.

Das ist mir wohl gelungen – denn ich hätte nie gedacht, dass all dieses Rosalila, die Tupfen, Schmetterlinge und Stoffblumen in mir stecken 🙂

Um das zu erreichen, mussten wir erstmal den Alltag weit hinter uns lassen. Mit Musik und Tanz machten wir uns locker (und warm). Dann leitete uns Lise an, den Zugang zu dem zu finden, was uns wichtig war: Aus Zeitschriften rissen wir Bilder, die uns ansprachen, und notierten darauf Wörter, die uns bedeutsam erschienen. Ohne lange nachzudenken, sollten wir außerdem einen Text über einen Menschen schreiben, den wir bewundern – und ihn anschließend unter einer anderen Fragestellung lesen (die ich erst verrate, wenn ihr es ausprobiert habt). Aus diesem Text sollten wir zentrale Begriffe herausfischen. Dann bekamen wir jede zwei kleine Leinwände; auf der ersten sollten wir gemusterte Papierfetzen spontan verteilen, so dass sie als Basis für ein Bild dienen konnten.

Dann zeigte uns Lise weitere Techniken, mit denen sie ihre Bilder aufbaut. Ich habe sie vor allem auf der zweiten Leinwand ausprobiert.

Schließlich bekamen wir freie Bahn, mit einem der Hintergründe weiterzuarbeiten. Ist es noch zu erkennen? Ich habe den zweiten genommen. Und bearbeitet. Und bearbeitet. Mit allen Techniken, die wir gesehen hatten, und mit jeder Menge Material, das mich ansprach.

Wäre ich nicht so völlig vertieft gewesen, hätte ich vielleicht zwischendurch gestoppt 🙂 Gerade nach Schritt zwei, als die verlaufenden Farben und die weißen Punkte so ein schönes Muster ergaben. Aber es war noch so leer, mir fehlte da irgendwie die Action! Und es ging ja darum, zu spielen, offen zu sein, über sich hinauszugehen. Im Dialog mit dem Material – die Blümchen sprangen mich an und gehörten unbedingt auf die entstehende Waldlichtung. Und im Gedanken an die Begriffe, die uns an diesem Tag wichtig erschienen. Ganz unterschiedliche Bilder sind dabei herausgekommen, jedes auf seine ganz andere Art sehr schön.

Eine Erscheinung ist es bei mir geworden … und genauso, wie ich über das Ergebnis staune, bin ich auch sehr glücklich damit. Denn es steckt tatsächlich sehr vieles darin, was ich auch in meinen Romanfragmenten und Kurzgeschichten ausdrücken möchte. Ich bin also auf dem richtigen Weg – und will versuchen, diese Techniken auch auf das Schreiben zu übertragen. Auch wenn dann mehr Rosalila, Schmetterlinge und Blumen in meinen Texten erscheinen 🙂

Habt ihr beim Kreativsein auch schon Erstaunliches erlebt?

Erschaffe deine eigene Traumwelt

Ich habe viele glückliche Tage in Traumwelten verbracht. Als Kind streifte ich durch die Wälder von Narnia und die Paläste von Tausendundeiner Nacht, als Erwachsene reiste ich durch Wurmlöcher und Rollenspiel-Wüsten. Doch erst jetzt bin ich dabei, meine eigene Traumwelt von Grund auf zu bauen, die Kulisse für meinen ersten Fantasy-Roman. In meinen ersten paar Monaten auf Møn wuchs diese Welt wie von selbst, in meinem Kopf, auf Landkarten und im Laptop … also wurde es Zeit für eine gute Vermeidungsstrategie.

Denn welcher Autor will schon innerhalb von ein-zwei Jahren sein Buch fertigstellen? Vielleicht sogar reich und berühmt werden? Klar, das will man nicht. Also macht man statt Schreiben alles mögliche andere. Abwaschen, aufräumen … naja, ein wenig kreativer darf es werden. Zum Beispiel:

Traumwelt Zengarten Fantasy auf Møn

Der Fantasy-Zen-Garten/Sandkasten für Erwachsene

Man nehme eine Fläche, an der man angenehm stundenlang spielen kann, z. B. seinen Schreibtisch oder eine Kommode – ich habe mir eine aus einem IKEA-Küchenelement gebaut, 80 cm tief und dann noch mit Abstand zur Wand aufgestellt.

Auf diese Fläche setze man einen Behälter. Für die kleine Schreibtischlösung (in Griffweite von der Tastatur) täte es ein Schuhkarton. Ich gönne meiner Spielwiese eine Sperrholzplatte, 140 x 112 cm groß, mit einer ca. zehn Zentimeter hohen Leiste drumherum. Man lege diesen Behälter mit einer schalldämmenden Unterlage aus.

 

Dann fülle man diesen Behälter mit Baumaterial! Ich empfehle …

  • Aquarienkies – nicht ganz billig, aber angenehm, um auch mit bloßenHänden darin zu wühlen, außerdem sauber und farblich sortiert zu haben. Wer eine Wohnung ohne Kinder, Teppiche oder Ritzen hat, kann auch Sand nehmen.
  • schöne größere Steine und knorrige Holzstücke (wer reinen Zen will, höre hier auf zu lesen)
  • farbige Steine, Murmeln, Muscheln, Mosaikplättchen
  • Häuser für Wichtel und Feenvolk
  • weitere Bauwerke nach Lust und Laune
  • Spiegel und Glasscheiben, die schöne Wassereffekte ergeben
  • Mensch- und Tierfiguren (da muss ich noch auf die Suche gehen … vielleicht ein Heer Gummidinosaurier?)

 

Dann heißt es: Schaffe, schaffe, Weltle baue!

Wie bitte? Ich wollte doch nur spielen – und jetzt habe ich schon wieder eine Traumwelt geschaffen. Wenn ich nicht aufpasse, entstehen darin bald zwei Kreidefelsen, ein paar Leuchttürme … und Ungeheuer besiedeln die Tiefe. Und schon gibt es Stoff zum Schreiben.

 

Wie würde eure Traumwelt aussehen?

Wer es ausprobieren will – kommt mich doch auf Møn besuchen. Im Juni, Juli und August kann man mein Zimmer sogar mieten und den ganzen Tag im Kies wühlen. Und zwar in der Pension Bakkegaard Gæstgiveri Møns Klint. Weitere Fotos von meiner Traumwelt gibt es hier, und in den nächsten Monaten schreibe ich noch etwas mehr über meine Gedanken bei der Ausgestaltung. Denn da ist Raum für viele Vermeidungsstrategien!

Update: Knapp ein Jahr später haben meine Gäste und ich viel in meinem „Zengarten“ gespielt. Hier ein Rückblick: Kleine Welten auf der Wohnzimmerkommode