Dänisch lernen – wie geht das?

Nun wohne ich bald fünf Jahre in Dänemark. Im Sommer treffe ich hier viele deutsche Touristen. Manche machen seit Jahren in Dänemark Urlaub, einige träumen davon, hierher auszuwandern. Wenn sie merken, dass ich fließend Dänisch spreche, kommt häufig die Frage:

Wie hast du eigentlich Dänisch gelernt?

Ich konnte schon leidlich Dänisch, bevor ich hierherzog. Die Grundlagen lernte ich mit 18 Jahren bei einem Abendkurs an einer dänischen Schule in Südschleswig. Das ist die Gegend kurz vor der dänischen Grenze, wo ich aufgewachsen bin. Sie gehörte früher einmal zu Dänemark und noch heute lebt hier eine dänische Minderheit, die ihre eigenen Schulen betreibt. Leider gehöre ich nicht zu den Glücklichen, die zweisprachig aufgewachsen sind. Also fuhr ich einmal die Woche zum Unterricht; ich kann mich nicht mehr erinnern, ob der Kurs über ein halbes oder ganzes Jahr ging. In dieser Zeit lernten wir genug Dänisch, um uns in Alltagssituationen durchzuschlagen, und das konnte ich bei Ausflügen ins Nachbarland natürlich sofort umsetzen.

Das nächste Jahr las ich dänische Comics. Asterix, Tim und Struppi und andere Serien, die ich in der kleinen Schulbibliothek auslieh. Auch ein paar richtige Bücher waren irgendwann dran. Und abends sah ich Nachrichten im dänischen Fernsehen, unter Protesten meiner Eltern und Schwestern. Wir reden schließlich von einer Zeit, als sich eine Familie einen Fernseher als einzige Filmquelle teilte 😉 Heute gibt es ja viel mehr Möglichkeiten, von Nachrichten und Filmen bei Danmarks Radio über allerlei Online-Medien bis hin zu YouTube.

Nach dem Abitur spendierten mir meine Eltern einen weiteren Sprachkurs: diesmal drei Wochen intensiv, an der Internationalen Heimvolkshochschule in Helsingør, nördlich von Kopenhagen. Ich teilte mit einer Ungarin das Zimmer, hörte einem japanischen Opernsänger beim Üben zu und schloss Freundschaft mit einem schottischen Sprachgenie … die meisten Unterhaltungen fanden auf Dänisch statt. Weil mir das so gut gefiel, belegte ich ein Jahr später in den Semesterferien noch einen Kurs: diesmal ganze zwei Monate an der Brandbjerg Højskole in Jelling. Ich belegte Kurse in kreativem Gestalten, europäischer Kulturgeschichte und Dänisch, wir machten Ausflüge und sangen morgens fleißig Lieder aus dem højskolesangbog. Für einen Højskole-/Heimvolkshochschul-Kurs waren die zwei Monate ein kurzer Aufenthalt, viele Dänen verbringen an solchen Institutionen ein halbes oder ganzes Jahr, um sich in allerlei Fachgebieten weiterzuentwickeln. Weitere Informationen gibt es auf der gemeinsamen Webseite der Heimvolkshochschulen, oben rechts versteckt sich dezent der Link zur englischen Seite 😉

Nach diesen zwei Monaten sprach ich schon ziemlich fließend, doch leider rostete mein Dänisch in den folgenden Jahren vor sich hin. Zwar hatte ich die Wochenzeitung Politiken Weekly abonniert, um an meinem bayerischen Studienort nicht all mein Dänisch zu vergessen (heute könnte man einfach alle möglichen Online-Zeitungen lesen). Ich suchte den Kontakt zu Dänen und aus ein paar lockeren Treffen entstand ein skandinavisch-deutscher Studentenverein, doch leider war die Umgangssprache Deutsch (und Facebook, Skype oder andere Austauschmöglichkeiten gab es noch nicht). Ich wohnte in Süddeutschland, zwei Jahre lang sogar in China, und als ich mit 40 Jahren das erste Mal die Pension auf Møn anrief, die inzwischen mein Zuhause geworden ist, musste ich mir vorher zurechtlegen, wie man auf Dänisch ein Zimmer bestellt.

Im August 2013 begann der fünftägige Urlaub, aus dem eine mehrmonatige Auszeit und schließlich ein Umzug wurde. Schon vom ersten Tag an redete ich konsequent Dänisch, wann immer es irgend ging. Auch, wenn mein Gegenüber gut Deutsch oder Englisch konnte. Ich wollte ja üben. Und das hat sich wirklich ausgezahlt!

In der ersten Woche meldete ich mich beim Kirchenchor an, schon drei Tage nach meiner ersten Probe sollten wir in einer Kirche singen. Beim anschließenden Kaffeetrinken hatte ich wirklich zu kämpfen, ich verstand vielleicht zwei Drittel der Unterhaltung und das auch nur, solange ich mich konzentrierte. Doch ich machte weiter. Las die Lokalzeitung, zunächst nur einen Artikel pro Mahlzeit, danach war ich erledigt. Ging sonntags in die Kirche und folgte der Predigt, bis mir die Ohren rauschten. Ließ mich überreden, einen kleinen Erfahrungsbericht auf Dänisch zu schreiben, auch wenn es mich Stunden kostete und ich Dänen zum Korrekturlesen brauchte. Augen zu und durch!

Ist Dänisch schwer?

Auch das werde ich immer wieder gefragt. Was soll ich dazu sagen? Es kommt darauf an, wie gern man Sprachen lernt und wie sprachbegabt man ist. Ich bin so ein Sprachfreak, dass ich auch Chinesisch nicht wirklich schwer fand, man braucht nur Zeit, Lust und ein gutes Lernumfeld …

Mal ehrlich, im Vergleich zu vielen Sprachen ist Dänisch für Deutsche geschenkt. Man kann viele Wörter raten (mus heißt Maus, hus heißt Haus). Die Grammatik ist einfacher (ich bin, du bist, er ist: jeg er, du er, han er). Viele Sprichwörter und Wortbildungen kommen uns aus dem Deutschen bekannt vor (at gå i hundene: vor die Hunde gehen).

Das größte Problem ist für viele die Aussprache. Die ist wirklich gewöhnungsbedürftig. Hier wäre es am besten, man würde die Verwandtschaft zum Deutschen vergessen, denn die hunde (Hunde) werden ausgesprochen wie hunne.  Das jeg (ich) wie jai. Dänisch klingt, als hätte man beim Sprechen eine Kartoffel im Mund, sagte man südlich der Grenze oft. Man muss lernen, die Wörter zu verschleifen, je undeutlicher, desto besser, und wenn es dann noch authentisch klingen soll, am besten noch den „Stoß“ einbauen, dieses Krächzen vor und nach vielen Vokalen, dem ich auch nach 27 Jahren Dänisch-Sprechen ausweiche. So etwas lernt man nicht von Büchern.

Lohnt es sich, Dänisch zu lernen?

Trotz aller Hängepartien, die man unterwegs vielleicht erlebt, finde ich, es lohnt sich auf jeden Fall. Zumindest, wenn man oft in Dänemark ist oder vielleicht sogar hierher auswandern will. Auch wenn viele Dänen bereitwillig auf Deutsch umschalten, auch wenn man auf Reisen mit Englisch gut durchkommt: Es macht mehr Spaß, wenn man mehr mitbekommt. Was um einen herum geredet wird. Was in den Nachrichten kommt. Was im Kleingedruckten steht, und zwar in der aktuellen Version. Inzwischen verstehe ich 99 Prozent der Unterhaltungen im Chor. Lese die ganze Lokalzeitung in einer Mittagspause. Arbeite für diverse dänische Kunden und schreibe fehlerarm auf Dänisch. Nur meine Aussprache verrät mich als Ausländerin, doch ich bilde mir ein, ich komme immer öfter unerkannt davon 🙂

Wie ist es mit euch? Warum und wie lernt ihr Dänisch, was findet ihr schwer dabei und hat es sich trotzdem gelohnt?

Liebe Grüße aus Møn, Carmen Wedeland

Dänische Lieder übersetzt: Grundtvig, Skyerne gråner – Grau sind die Wolken

Draußen ist es kalt, windig und grau. Wir sehnen uns nach Weihnachten und der Rückkehr des Lichtes. Am 13. December ist Luciafest. In vielen dänischen Kirchen finden in diesen Tagen Lucia-Gottesdienste statt, bei denen weiß gekleidete Mädchen mit Kerzen in die Kirche einziehen. Die Tradition kommt eigentlich aus Schweden und fiel früher auf den kürzesten Tag des Jahres, die Wintersonnenwende.

In manchen dänischen Kirchen singt man zu diesem Anlass das Lied „Skyerne gråner“ von Grundtvig. Das Lied hieß ursprünglich „Efterår“ („Herbst“), der Text eilt aber schnell auf den Winter zu,  streift den Frühling und macht überraschende Ausflüge in die nordische und christliche Mythologie.

Da ich keine deutsche Übersetzung finden konnte, habe ich die Herausforderung angenommen und selber eine verfasst – oder sagen wir besser: eine Nachdichtung versucht, denn alle Inhalte, Assoziationen, Stab- und Endreime lassen sich kaum gleichzeitig in das Versmaß pressen. Meine Fassung wurde 2015 im Deutsch-Dänischen Kirchengesangbuch abgedruckt, aber wenn ihr das nicht zur Hand habt, bekommt ihr sie zur Feier des Tages jetzt hier:

Grau sind die Wolken, das Laub fällt nieder

Grau sind die Wolken, das Laub fällt nieder,
fort ist der Vögel Gesang,
kalt droht der Winter, die Nacht kehrt wieder,
Blumen im Schnee klagen bang.
Doch wir tragen Fackeln voll Freude!

Schnell kommt der Winter, der Schnee fällt nieder,
Blumen vergehen im Grund.
Licht ging verloren, und Klagelieder
klirren aus frostigem Mund.
Doch wir tragen Fackeln voll Freude!

Leben regt neu sich zur Sonnenwende,
nun wird der Tag wieder lang.
Wachsendes Licht bringt des Winters Ende,
hoch fliegt der Lerche Gesang.
Und wir tragen Fackeln voll Freude!

Leben wird tief aus dem Tod geboren,
Lieder lobsingen der Zeit:
Vögel, die Federn im Herbst verloren,
fliegen im Frühling erneut.
Und wir tragen Fackeln voll Freude!

Leicht fliegen Vögel auf Windes Schwingen
hoch über tosendem Meer,
weit fliegen Lieder, die weise singen
von Tod und Wiederkehr.
Und wir tragen Fackeln voll Freude!

Laut schlagen Herzen, sie stolpern, beben,
folgten den Vögeln so gern,
dennoch, das Licht siegt, das finstre Streben
sinkt in der Erde Kern.
Und wir tragen Fackeln voll Freude!

Lieder erklingen und Glocken läuten,
Heilige Nacht wärmt den Sinn.
Winter wird bald auf den Frühling deuten,
Sonne schmilzt Sorgen dahin.
Und wir tragen Fackeln voll Freude!

Tief in der eisigen Nacht gebären
glaubende Herzen das Licht,
kosen den Frühling, den treu sie nähren,
der neues Leben verspricht.
Und wir tragen Fackeln voll Freude!

Ewiger Frühling, im Frost gekommen,
Bethlehem strahlt in der Nacht,
glaubende Herzen, ihr habts vernommen:
Christ hat das Leben gebracht!
Und wir tragen Fackeln voll Freude!

N. F. S. Grundtvig 1847.
Übersetzt von Carmen Wedeland 2015.
(Übersetzung veröffentlicht von meinem Alter Ego im Deutsch-Dänischen Kirchengesangbuch 2015)

Und hier kommt der Originaltext. Er stammt von Nikolai Frederik Severin Grundtvig (1783 – 1872), dem bedeutenden Theologen, Dichter, Politiker und Gründer der dänischen Heimvolkshochschul-Bewegung.

Vertont wurde das Gedicht von Thora Borch, die Melodie kann man z. B. hier auf der Webseite des dänischen Gesangbuches abspielen lassen und auf YouTube gibt es viele Aufnahmen des Stückes mit dänischen Chören und diversen Künstlern.

Wer eine andere deutsche Übersetzung kennt: Ich würde mich freuen, davon zu hören.

Skyerne gråner, og løvet falder
(Den Danske Salmebog nr. 733)

Skyerne gråner, og løvet falder,
fuglene synger ej mer,
vinteren truer, og natten kalder,
blomsterne sukker: det sner!
Og dog bære blus vi med glæde!

Vinteren kommer, og sneen falder,
blomsterne visner i muld,
isen optøs ej af gråd for Balder,
tårerne stivner af kuld.
Og dog bære blus vi med glæde!

Solhvervet kommer, og bladet vendes,
dagene længes på ny,
solskinnet vokser, og vintren endes,
lærkerne synger i sky.
Derfor bære blus vi med glæde!

Årene skifter af gru for ælde,
skjaldene giver dem ret,
fuglene alle hvert år må fælde,
ellers de fløj ej så let:
Derfor bære blus vi med glæde!

Fuglene flyver som vind på vinger
let over vildene hav,
skjaldene flyver, som rimet klinger,
glat over slægternes grav.
Derfor bære blus vi med glæde!

Hjerterne vakler, når højt de banke,
drages til fuglenes spor,
lyset dog sejrer, den mørke tanke
flygtende synker i jord.
Derfor bære blus vi med glæde!

Salmerne klinge og klokker kime,
spotter med sneen ved jul,
vinteren må sig med våren rime,
smelte for solen i skjul.
Derfor bære blus vi med glæde!

Troende hjerter i vinterløbet
føder den liflige vår,
trykker den til sig i barnesvøbet
med et lyksaligt nytår!
Derfor bære blus vi med glæde!

Betlehems-barnet i krybberummet
det er den evige vår,
troende hjerter det har fornummet:
Jul gør lyksaligt nytår!
Derfor bære blus vi med glæde!

N. F. S. Grundtvig 1847.

P. S. Im Februar habe ich die Übersetzung eines schönen Wintergedichts veröffentlicht: B. S. Ingemann, I sne står urt og busk i skjul – Der Schnee bedecket Busch und Baum.

Ein deutsch-dänisches Hygge-Lied

Auf hygge reimt tygge, aus gutem Grund:
Essen macht glücklich und gesund.
Tygge heißt kauen,
brygge heißt brauen,
wer hat nicht gerne was Leckres im Mund?
Ein Haus für die hygge,
hübsch anzuschauen,
das lasst uns bygge,
denn bygge heißt bauen.
Dazu hægge im Garten –
Traubenkirschbäume –,
ihr Duft füllt die Räume
und Vögelchen warten
darauf, von den Früchten
zu hugge, zu klauen.
Wenn sie sich trauen!
Wir schaukeln im Schatten
– den nennen wir skygge
in Hängematten
und träumen und dichten
und das ist hygge.

Carmen Wedeland, Møn 2017

Diese kleine Perle der Literatur habe ich letzte Woche produziert. Sie wird Teil des Buches „Handmade Hygge“, das am 11. September im frechverlag erscheint. Nach dem sprachlichen Exkurs geht es ans Eingemachte. Ich beantworte Fragen, die die Welt beschäftigen:

  • Wieso sind die Dänen so glücklich?
  • Weshalb ist Hygge die Geheimwaffe für Gestresste?
  • Warum solltest du heute noch einen Strickklub gründen?
  • Und: Was ist hyggeliger als Handarbeiten? (Auflösung ganz unten)

An den letzten Hygge-Texten häkele ich gerade fleißig herum, während Handarbeitsexpertinnen die Anleitungen schreiben. Wenn ihr wirklich gern wollt, könnt ihr das Buch aber jetzt schon vorbestellen, beim Verlag oder bei Amazon. Habe ich vor ein paar Tagen wohl auch schon erwähnt, da habe ich das Buchprojekt schon einmal angekündigt 🙂

Handmade Hygge: Strick-, Häkel- und Nähprojekte zum Wohlfühlen. Mit Schnittmusterbogen Von Carmen Wedeland, Barbara Sander, Manuela Seitter und Eva Scharnowski. Gebundene Ausgabe – erscheint am 11. September 2017.

Auflösung zur Frage: Was ist hyggeliger als Handarbeiten?
Handarbeiten, Essen und Reden gleichzeitig.

Ich werde noch ein bisschen integrierter

Nun wohne ich schon über drei Jahre auf meiner dänischen Insel. Und das hat Spuren hinterlassen …

Und jetzt … werde ich noch ein bisschen integrierter:

Ernährung und Gesundheit

Kompott oder Kuchen? Egal, es schmeckt!

Habe fast ohne Hilfestellung eine sahnebedeckte Glasschüssel als Apfelkuchen identifiziert. Das entscheidende Indiz ist das Kompott mit Semmelbröseln, das unter der Sahneschicht ruht. Man füllt den „Kuchen“ auf seinen Teller und isst ihn mit dem Löffel, manche mischen Brombeermarmelade darunter. Oder man bekommt ihn gleich portionsweise im Weinglas serviert.

Wichtig bei solchen Süßspeisen: Habe jetzt auch einen Zahnarzt hier.

War diesen Winter auch mehrmals beim Hausarzt: Hatte mich der  Schnupfenverseuchung meiner Insel angeschlossen und fünf Wochen mit Erkältung und Bronchitis gekämpft. Die ebenfalls trendige Grippe mit Lungenentzündung nehme ich mir für nächstes Jahr vor.

Verkehr

Schee war’s scho … Wintertour nach München

Fühlte mich nach einer vierwöchigen Deutschlandtour ganz befreit, als ich die dänische Grenze passiert. Mit der zugelassenen Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h zog mein Toyota Aygo nun wieder in aller Seelenruhe an den anderen Kleinwagen vorbei, ohne dass ihn die Schweinwerfer eines BMWs von hinten bedrängten.

Bin die Kurven meiner Heimathügel so oft gefahren, dass mein Autochen auch bei Nebel unter zwei Metern Sichtweite den Weg nach Hause findet. Augen geschlossen halten und an der Grasnarbe entlangtasten  …

Freundschaft über Generationen

Gemeinsam geht sich’s besser: Wandern am Strand von Ulvshale

Habe neben reichlich Rentnern nun auch mehrere Mittvierziger in meinem Freundeskreis vor Ort.

Habe den Rentnern Dinge über ihre Insel sagen können, die sie noch nicht wussten. (Ein- oder zweimal. Die anderen fünftausend Mal, die wir uns unterhalten haben, war es umgekehrt.)

Bekomme auch auf deutschen Webseiten raffinierte dänische Werbung eingeblendet. Oft mit dem Vorschlag, eine ältere Frau mit erstaunlicher Oberweite zu treffen, die ganz  in meiner Nähe wohnt. Oder mit dem Angebot, 7000 Dollar am Tag zu verdienen, so wie der hilfsbereite Millionär im Nachbardorf, dessen amerikanischen Luxusschlitten ich bis heute vergebens zwischen den Fachwerkhäuschen suche.

Arbeit

Auch wenn ich zu viel arbeite … das Leben hier fühlt sich nach Urlaub an.

Habe die Suche nach der Dollarmillion aufgegeben und schon für sieben Kunden in Dänemark gearbeitet: zwei Verlage, ein Museum, ein Theater, eine Nähschule, eine Pension und einen Vergnügungspark. Recht viele, wenn man bedenkt, dass ich hier nur Urlaub machen wollte 😉

Habe ein telefonisches Bewerbungsgespräch auf Dänisch bestanden: Der achte Kunde wird ein Marktforschungsunternehmen.

Politik und Gesellschaft

Vordingborg, 1353 Geburtsort der Königin Margarethe I., ab 2017 Sitz einer von mir mitgewählten Gemeindevertretung

Darf im November zum ersten Mal bei dänischen Kommunalwahlen mein Kreuzchen setzen. Habe also angefangen, das dänische Parteiensystem zu studieren.  Weiß  schon Folgendes: Venstre, wörtlich „die Linke“, ist die rechtslastige liberale Partei.  „Radikale Venstre“ sind weder links noch radikal.

Venstre wird auf dem Stimmzettel mit V markiert, Radikale Venstre mit B. Die Sozialdemokraten mit A, die „Enhedsliste“ mit Ø, „Liberal Alliance“ mit I.

Bei der letzten Kommunalwahl zogen zehn Parteien in den Gemeinderat ein. Weiß nicht, ob ich bis November mit dem Studieren fertig bin.

Update, Januar 2018: Ich werde weiter integriert!

Dänische Lieder übersetzt: Ingemann, I sne står urt og busk i skjul – Der Schnee bedecket Busch und Baum

Kennt ihr dieses Gefühl: Ihr lest ein Gedicht und taucht sofort in eine andere Welt ein? Erkennt Stimmungen, spürt Dinge, die ihr selbst nicht schöner oder schmerzlicher in Worte fassen könntet? Manche werden jetzt den Kopf schütteln und wegklicken – Lyrik, wen interessiert das schon … Die meisten von uns hören allerdings gern Musik, und auch gute Lieder wirken noch besser durch ihre guten Texte – wenn wir sie denn verstehen.

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Lise Meijer, Der Raum zwischen uns (www.lisemeijer.dk)

Ich sammle Gedichte und Liedtexte, die mich faszinieren. Und manchmal übersetze ich sie auch, vom Dänischen oder Englischen ins Deutsche. Für mich ist das wie Sudoku, eine reizvolle Herausforderung.

Für die wenigen, die mein Interesse teilen, hier nun ein Klassiker des dänischen Liederschatzes, von mir frisch übersetzt. An der Grenze von Winter und Frühling passen die Verse gut zum heutigen Tag, auch wenn ich hoffe, dass es nun nicht noch einmal schneien wird … Liebe Grüße von der Insel!

Der Schnee bedecket Busch und Baum

Der Schnee bedecket Busch und Baum,
die Welt liegt starr in Schweigen.
Ein Vogel singt, du siehst ihn kaum
auf weiß beladnen Zweigen.

Geduld! Er singt in stillem Glück
und schüttelt sein Gefieder,
Geduld! Der Frühling kehrt zurück,
die Blumen blühen wieder.

Geduld! Bald wächst des Lebens Baum
aus grün gewordnen Erden,
Geduld! Bald soll dein schönster Traum
in Wahrheit sichtbar werden.

Geduld! Bald flieht des Geistes Nacht
und Sonne füllt den Garten.
Geduld! Schon bald kommt Gottes Pracht,
das Reich, das wir erwarten.

B. S. Ingemann 1831.
Übersetzt von Carmen Wedeland 2017.

Illustrationen auf dieser Seite mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin Lise Meijer. Das Originalgemälde „Der Raum zwischen uns“ hängt in meinem Schlafzimmer, weitere Malereien, Poster und Kunstkarten gibt es in ihrem Webshop: www.lisemeijer.dk

Und hier der dänische Originaltext. Der Autor, Bernhard Severin Ingemann (1789 – 1862), war ein dänischer Schriftsteller, der romantische Lyrik, historische Romane und religiöse Gedichte verfasste. Mehr über ihn steht z. B. im deutschen Wikipedia-Eintrag.

Das Gedicht wurde von J. P. E. Hartmann vertont (der bisher nur einen dänischen Wikipedia-Eintrag hat); wer die Melodie hören will, kann den dänischen Titel bei YouTube eingeben und sich eine Chor- oder Klavierversion aussuchen.

Wer eine andere deutsche Übersetzung kennt: Ich würde mich freuen, davon zu hören.

I sne står urt og busk i skjul

I sne står urt og busk i skjul,
det er så koldt derude,
dog synger der en lille fugl
på kvist ved frosne rude.

Giv tid! giv tid! – den nynner glad
og ryster de småvinger,
giv tid! og hver en kvist får blad,
giv tid! – hver blomst udspringer.

Giv tid! og livets træ bli’r grønt,
må frosten det end kue,
giv tid! og hvad du drømte skønt,
du skal i sandhed skue.

Giv tid! og åndens vinterblund
skal fly for herlig sommer,
giv tid! og bi på herrens stund,
– hans skønhedsrige kommer.

B. S. Ingemann 1831.

Update, 09.12.17:
Passend zu Herbst, Winter und Weihnachten habe ich hier die Übersetzung eines weiteren Klassikers: Grundtvig, Skyerne gråner – Grau sind die Wolken

111 Gründe, Dänemark zu lieben

Draußen ist es kalt. Vor fünf wird es dunkel. Die globalen Nachrichten waren diese Woche verstörend; die lokalen sind es schon länger, nur dass Dänemark nicht so die Welt bewegt. An solchen Tagen müsste man sich mit Chai und Lebkuchen auf dem Sofa einmümmeln. Doch die Tee-Auswahl in diesem Kaffeeland ist begrenzt und viele deutsche Leckereien bekomme ich nur, wenn ich sie selbst importiere. Am besten kofferraumweise, damit sich die teure Fähre lohnt … Ein Flug an einen Palmenstrand wäre billiger.

Hadere ich etwa mit den Mängeln meiner Wahlheimat Dänemark?
Keine Sorge, ist gleich vorbei.
Denn an diesem Tag liegt genau das richtige Buch auf meinem Sofatisch:

111 Gründe, Dänemark zu lieben von Maritta G. Demuth111 GRÜNDE, DÄNEMARK ZU LIEBEN
Eine Liebeserklärung an das schönste Land der Welt

von Maritta G. Demuth

Taschenbuch, 288 Seiten
(viel Text und schöne Farbfotos)

Schwarzkopf & Schwarzkopf, November 2016
ISBN-13: 978-3862656127
z. B. bei Amazon bestellbar für 12,99 Euro

Auf diese Neuerscheinung war ich gespannt. Ich verfolge den Blog der Autorin schon länger: Maritta schreibt auf 4.nordlichter.com – Auswandern und Leben in Dänemark über ihren Alltag auf Seeland, wo sie seit zehn Jahren lebt, arbeitet und ihre deutsch-dänische Familie managt. Von den Einblicken in ihr Leben habe ich schon viel gelernt … und jetzt hat sie mir ihr Buch zukommen lassen, weil sie meint, es könnte meine Leser auch interessieren.

Zu Recht! Ich kann euch Marittas „Liebeserklärung“ wärmstens empfehlen, ob ihr einen Urlaub in Dänemark plant, schon lange hier wohnt oder noch nie etwas von diesem obskuren Fleckchen Europas gehört habt.

Das Buch macht mich glücklich, weil es Dinge beschreibt, die ich an Dänemark liebe:

  • Entspannen. Nur da sein. Die Natur genießen. Ohne Zwangsbespaßung, ohne Bettenburgen, ohne Verkaufsstände an jeder Ecke.
  • Hygge. Diese unnachahmliche Mischung aus Gemütlichkeit, Geborgenheit und traulichem Beisammensein.

Das Buch bringt mich zum Lachen, weil es Dinge aufgreift, mit denen ich mich selbst herumschlage:

  • Dänen verstehen kein Wort, wenn man einen Vokal minimal falsch ausspricht. „Sollen wir die Epfel im Garten aufsammeln?“ „Die was?“
  • Dänische Sortimente sind begrenzt. Du willst dein Kleinkind nicht in grau, braun oder schwarz betten? Dann importiere selbst, aus „einer größeren Volkswirtschaft“, wie die Autorin es so diplomatisch nennt.

Und das Buch öffnet mir die Augen, weil es Dinge erklärt, die an mir vorbeigegangen waren:

  • Warum dänische Babys auch im Winter draußen schlafen
  • Warum die dänischen Behörden zweimal jährlich einen leeren Smartphone-Akku verzeihen
  • Wie lange die Ausbildung zum smørrebrød-Spezialisten dauert
  • Was Dänemark mit Äquatorialguinea gemeinsam hat

Die Antworten verrate ich nicht … dafür müsst ihr das Buch schon selber lesen!

Eine erhellende Lektüre, ob im Sommerurlaub oder auf der heimischen Sofaecke.
Ich mümmele mich dann mal mit Kaffee und Lakritz ein.

Liebe Grüße aus dem schönsten Land der Welt!

111 Gründe, Dänemark zu lieben von Maritta G. Demuth

Ich werde immer integrierter

Vor gut einem Jahr stellte ich fest, dass ich allmählich in Dänemark angekommen bin – erkennbar u. a. an meinen Heringsvorräten, meinem Kaffeekonsum und meinem fließenden IKEA-Dänisch. Inzwischen hat sich die Lage zugespitzt.

Dänemark Lakritzbacon

Lakritz-Bacon im dänischen Supermarkt

Essenskultur

Finde es ganz normal, dass in der Butter Salz ist und in allem anderen Lakritz.

Kaufe koldskål med kammerjunkere, sobald die Temperaturen im Plusbereich liegen. Eine leckere kalte Buttermilchsuppe für den Sommer!

Dänemark Nyord Flohmarktkatze

Wieder eine, die nur fotografiert und nix kauft. Nåå.

Sprache

Sage ständig Nååååå. Werde das auch im Deutschen einführen. Sprecht mir nach: Ein sanft angesetztes N, danach ein tiefes, kurz abfallendes, dann vorsichtig ansteigendes, bedrohlich knirschendes und doch immer butterweiches offenes O. So wie das O in „Groll“, nur lang, damit man alle Bedeutungsnuancen auskosten kann:

„Du isst diesen langweiligen Bacon? Willst du nicht noch mal drüber nachdenken? Der Bacon mit Lakritz ist viel besser.“
Nåååååååååå?, extralang, bohrender Nachhall.
„Hm. Dann ist dir wohl nicht zu helfen.“
Nåå!, leicht und knapp, wie ein innerliches Fallenlassen.
„Echt jetzt? Ihr lebt ohne dieses Wort? Wie geht das?“
Nå?!, extrakurz, steil hochschwingend, dabei Augen aufreißen.

Bemerke immer mehr, wie kompliziert wir Deutschen denken und reden.

Deutsch: Sehr geehrte Damen und Herren …
Dänisch: Gar keine Anrede, wenn man den Angeredeten nicht kennt.
Deutsch: Ich lade dich auf ein Stück Kuchen ein.
Dänisch: Jeg giver kage.
Deutsch: Komisch, da war doch was. Hat sie nicht erst vor einem Jahr über das gleiche Thema geschrieben?
Dänisch: Nåååååååååå?

Teilhabe am gesellschaftlichen Leben

Dänemark Münzen

Leider reichen ein paar löchrige Münzen dem Steuerwesen nicht mehr.

Habe zum ersten Mal in Dänemark Einkommensteuer bezahlt. Sehe auch schon kommen, dass das nicht das letzte Mal war.

Beginne das dänische Mehrwertsteuergedöns zu kapieren. Das sich nur in Details vom deutschen Mehrwertsteuergedöns unterscheidet. Die dich Jahre deines Lebens kosten.

Bin jetzt Vorstandsmitglied im Glasfaserverein unseres Dörfchens und schreibe komplizierte Protokolle in fragwürdigem Dänisch.

Neben Technik und Dänisch ist Sport meine große Stärke: Bin zu den hiesigen Olympischen Spielen eingeladen worden.

Na gut, diese Olympischen Spiele sind das Sommerfest der Nachbarn, mit Axtweitwurf und Scheunenstaffellauf für die Kinder. Werde mich abends zum Grillen dazugesellen.

Ortskenntnis

Habe fast jedem Baum im Kliffwald die Hand geschüttelt. Mache mich nun daran, alle Inselstrände abzuschreiten.

5000 Jahre dänische Geschichte. An der Spitze ich: Kong Asgers Høj auf Møn

5000 Jahre dänische Geschichte. An der Spitze ich: Kong Asgers Høj auf Møn

Sowas zahlt sich aus! Habe den Auftrag bekommen, Infotexte für einen neuen Wanderweg rund um Møn zu übersetzen. Unter anderem mit der Begründung, man wolle eine „Einheimische“ für diese Arbeit.

Treffe beim Einkaufen immer irgendwen, den ich kenne.

Kriege das Geschehen in Deutschland kaum noch mit. Das in Dänemark allerdings auch nicht. Schwebe glücklich im Nirwana.

Achtungsbezeugungen

Würdige jeden Stein und jeden Grasbuckel, jeden Zaunkönig, jedes Leberblümchen. Die ganz alltägliche Natur: in Liedern besungen, beim Morgenkaffee besprochen, auf Facebook gepostet.

Immer hereinspaziert: dänische Flagge im Kalvehave Labyrintpark auf Südseeland

Immer hereinspaziert: dänische Flagge im Kalvehave Labyrintpark

Bin ganz überrascht, wenn deutsche Kirchenlieder nur acht Strophen haben und man davon höchstens vier singt. In Dänemark zieht man vierzehn Strophen durch. Jeder Vogel und jedes Blümchen hat seine eigene.

Beginne die Arbeitstage in meinem Sommerjob damit, die dänische Flagge zu hissen. Wichtig: Bis an die Spitze, nicht so halbmastmäßig wie bei meinem ersten Versuch. Sonst denken meine Arbeitgeber vom Labyrinthpark in Kalvehave, jemand sei in ihrem Irrgarten verendet.

 

Update, März 2017: Ich werde noch ein bisschen integrierter 🙂
Update, Januar 2018: Ich werde weiter integriert!