Pausenbild

Eigentlich hatte ich dieser Tage so viel vor.
Schreiben. Was schaffen. Weichen stellen.
Ich glaube, ich lasse es alles bleiben.
Nur noch schauen. Staunen. Und Schnee schaufeln 🙂

(Aussicht auf die Ostsee von der Pension Bakkegaard Gæstgiveri Møns Klint auf der Insel Møn, 27. und 28. Februar 2018. Starker Ostwind, jede Menge Schnee und noch mehr Schneeverwehungen!)

Die innere Stimme singen lassen

Mitte Januar 2018. „So geht das nicht weiter“, ermahnte ich mich mit ernster Stimme. „Reiß dich zusammen und such mehr Arbeit. Lukrative Texterjobs, los jetzt.“ Ich hielt mir die Ohren zu. „Aber ich will nur nähen“, antwortete ich, mit piepsiger Stimme und schlechtem Gewissen. Ich hatte schon über den Weihnachtsurlaub hinaus meinem Hobby gefrönt. „Das geht nicht lange gut“, schimpfte ich, während ich weiter Stoffe zusammensteppte. „Morgen fängst du mit der Arbeitssuche an. Schreiben, Übersetzen, was Solides im Büro. Werd endlich vernünftig.“

Drei Tage später, die Nähmaschine surrt, der Kontostand schrumpft. Da schickt meine Nählehrerin eine Nachricht. „Ich brauche dringend Hilfe!“ Eine Handarbeitsmesse droht am Horizont, sie will ausstellen. Könnte ich Stoffe zuschneiden, Sachen packen und andere Arbeiten erledigen?

Zwei Wochen später, die Nähmaschine stand kaum still. Ich habe geschnitten und genäht, Ärmel eingesetzt und Knöpfe mit Stoff bezogen.  Ich habe Neues gelernt, bin rechtschaffen müde, die Katzen der Nähschule hatten hyggelige Gesellschaft und meine Nählehrerin freut sich über die fertigen Ausstellungsstücke, mit der das Kursuscenter Emilielunden würdig auf der Messe „Alt om Håndarbejde“ vertreten sein wird.

Abends habe ich weitergenäht, Tischdecken für einen anderen Kunden und ein schickes Shirt für mich selbst. Diesmal mit gutem Gewissen, denn der Kontostand stieg, während die Nähmaschine surrte! Und die Stimme, die Anfang des Jahres so piepsig klang, hat angefangen zu singen.

 Ich sollte mehr auf diese innere Stimme hören. Sie hatte schon öfter Recht. „Du fährst in die falsche Richtung“, flüsterte sie, als ich 2013 von meinem Inselurlaub nach Hause fuhr. Ich kehrte um (ein paar Wochen später) und wohne seitdem auf Møn. Was ziemlich verrückt klang, hat mich auf Jahre glücklich gemacht. Andere Male habe ich die kleine Stimme überhört, habe das Gewohnte gemacht, das Solide, was von mir erwartet wurde. Es hat mich ernährt, aber ganz glücklich war ich nie. „Hör auf dein Bauchgefühl, es weiß viel mehr, als du denkst“, sagte eine weise Frau einmal zu mir, und jetzt versuche ich das zu beherzigen.

Nichts gegen lukrative Texterjobs. Texten macht Spaß, im November habe ich viel geschrieben, wenn auch an meinem Romanprojekt statt an lukrativen Aufträgen. Wieder so ein Schachzug der inneren Stimme, die mich dauernd vom geraden Weg abbringt. Doch im Dezember verlor ich das Texten aus dem Fokus, weil mir eine neue Idee kam: Ich will Kirchensängerin werden. Die Stimme der Vernunft begann gleich zu meckern: „Du bist Mitte 40, willst du für einen Nebenjob eine weitere Ausbildung anfangen, mit unsicherem Erfolg?“ Aber ich bekam immer mehr Lust darauf. Auf die Ausbildung, auf die Arbeit. So motiviert war ich schon lange nicht mehr, außer fürs Nähen und Schreiben. Ich recherchierte: Hier in Dänemark gibt es in jeder Dorfkirche einen Kirchensänger, der die Gesangbuchlieder staatstragend mitsingt, damit die Gemeinde der Melodie leichter folgen kann. Eine Art 400-Euro-Job, Umfang je nach Größe der Gemeinde. Wenn ich so eine Stelle bekäme, ob fest oder als Vertreterin, wäre das aktuell meine fünfte Einnahmequelle, neben dem Schreiben/Übersetzen, den sommerlichen Rezeptionsjobs, einer kleinen Putzstelle und nun auch gelegentlichen Näh-Einsätzen 🙂

Fünf Einnahmequellen, fünf Quellen der Freude. Jede dieser Tätigkeiten macht mir Spaß. Solange ich sie in Teilzeit machen darf. In Vollzeit Putzen wäre mir zuviel, in Vollzeit Schreiben allerdings auch. Mit Mitte 40 habe ich endlich beschlossen, das zu akzeptieren. Ich werde nie groß Karriere machen, weil ich mich auf kein einzelnes Gebiet spezialisieren will.

Aber ich werde immer wieder Neues lernen. Ich werde mit verschiedensten Menschen Kontakt haben – wunderbaren Menschen, jeder auf seine Art. Ich werde Zusammenhänge erkennen, die nicht jeder sieht (etwa „Was Romanautoren von Rezeptionisten lernen können“ ). Ich werde Projekte realisieren können, die mehrere Gebiete verbinden (wie etwa mein Buch „Handmade Hygge“, das letzten September erschien, oder Übersetzungen von Kirchenliedern, die ebenfalls teils schon veröffentlich sind). Ich werde (hoffentlich) keinen Burnout bekommen. Und ich werde (hoffentlich) von all dem leben können.

Ich werde meine innere Stimme singen lassen.

Im September erscheint mein Buch

Heute darf ich eine freudige Nachricht verkünden: Im September erscheint mein Buch! Ein Verlag hat mich entdeckt und ich bin fleißig am Schreiben. Ich bin selber noch ganz überrascht!

Mich erstaunt nicht so sehr das Timing (die Anfrage kam Ende März und jetzt, Ende Mai, liege ich in den letzten Zügen des Manuskriptes). Und mich erstaunt kaum, dass ich entdeckt wurde, auch Verlagsleute lesen Blogs 😉

Nein, überrascht hat mich das Thema! Es ist weder märchenhafte Fantasy noch schauderhafte Kurzgeschichten – das Genre, an dem ich seit Jahren arbeite. Und doch passt das Thema perfekt zu meinem Blog, zu meiner kleinen dänischen Insel und zu der Freude, die ich empfinde, wenn ich mein Leben hier kreativ gestalte.

Ich schreibe über Hygge, das selbstgemachte Alltagsglück, den Trend zum heimeligen Wohlbefinden, der von Dänemark aus die Welt erobert. Den Wert der kleinen Pausen, die Chance, sich selbst eine Auszeit zu gönnen, im Hier und Jetzt, wo wir auch sind. Und die Befriedigung, die man spürt, wenn man Schönes in Ruhe geschaffen hat. Denn das Buch handelt von … Hygge und Handarbeiten!

Handmade Hygge: Strick-, Häkel- und Nähprojekte zum Wohlfühlen. Mit Schnittmusterbogen. Autorinnen: Carmen Wedeland, Barbara Sander, Manuela Seitter und Eva Scharnowski. Gebundene Ausgabe.

„Handmade Hygge“ erscheint am 11. September 2017 im frechverlag,  mit seiner Reihe TOPP Deutschlands führender Verlag in Sachen Handarbeiten und Kreativ-Ratgeber. Ihr könnt das Buch schon jetzt bestellen, zum Beispiel direkt hier beim Verlag oder bei Amazon.

Auf vielen schön bebilderten Seiten lest ihr zum Beispiel über …

  • Selbstgemachtes Alltagsglück: Was wir von unseren Nachbarn im Norden lernen können
  • Strikkehygge & Co.: Warum Handarbeiten glücklich macht
  • Gemütlich ist, wie du es magst: Hygge rund ums Haus

Ich gebe praktische Tipps, wie man die verschiedenen Räumen seines Hauses hyggelig gestalten kann. Und viele Dänen erzählen, was sie im Alltag glücklich macht. Dafür habe ich meine sämtlichen Bekannten hier interviewt und anschauliche, schöne Beschreibungen bekommen. Man hat sofort Lust, mit der Familie Brombeeren zu pflücken, Kuchen zu backen und ihn seinen Freundinnen zum Handarbeitstreff zu servieren!

Das Buch enthält Anleitungen für etwa 40 hyggelige Strick-, Häkel- und Nähprojekte.  Von warmen Wollsocken bis zu wunderschöner Wohnungsdeko ist für jeden Geschmack etwas geboten. Ich freue mich schon, die Nähmaschine anzuwerfen und ein paar der Projekte nachzunähen. Oder endlich (wieder) stricken zu lernen, nach dem ersten und einzigen, misslungenen Pullover meiner Jugendjahre. Zu eurem Glück sind die Anleitungen nicht von mir, sondern der Verlag hat drei Fachautorinnen engagiert, die mit Erklärungen, Bildern und Schnittmusterbögen auch Anfängerinnen Lust zum Ausprobieren machen. (Und Anfängern. Ja, Männer, traut euch!)

In den nächsten Wochen werde ich noch ein bisschen vom Entstehungsprozess des Buches erzählen und den einen oder anderen Auszug veröffentlichen. Jetzt muss ich erstmal weiterschreiben! Hier noch einmal die Beschreibung auf Amazon und der dezente Link zum Vorbestellen 😉 Liebe Grüße von der Insel, Carmen Wedeland

Die Dänen gehören zu den glücklichsten Menschen auf der Erde. Der Grund dafür ist „Hygge“ – die dänische Lebenskunst.

Sich es zu Hause gemütlich zu machen, bei einer Tasse Kakao Wind und Wetter zu trotzen, das Leben zu genießen und sich Zeit zu nehmen für sich selbst und seine Lieben – all das und viel mehr bedeutet „Hygge“. Mit diesem Buch hast du es nun selbst in der Hand, „Hygge“ in dein Leben zu holen.
In ihm findest du mehr als 40 Näh-, Strick- und Häkelprojekte zum Wohlfühlen. Was kann hyggeliger sein als dein Handarbeitsprojekt, für das du den hektischen Alltag vergisst und in dem du bei einer Tasse Tee ganz versinken kannst? Es geht nicht um Perfektion – das Hauptziel ist „Hygge“. Und das Schönste ist: Wenn das Projekt fertig ist, verbreitet es weiterhin „Hygge“, noch jahrelang.
Neben den Handarbeitsprojekten bekommst du in kurzen Texten von der in Dänemark lebenden Autorin Carmen Wedeland einen authentischen, stimmungsvollen Einblick in den Hygge-Kosmos.

Mach’s dir hyggelig!

  • Gebundene Ausgabe: 172 Seiten
  • Verlag: Frech; Auflage: 1 (11. September 2017)
  • ISBN-10: 3772481183
  • ISBN-13: 978-3772481185
  • Preis: 19,99 Euro

Jetzt hier bestellen, im September freuen 🙂

Update, 30.05.17:
Als kleinen Vorgeschmack habe ich ein deutsch-dänisches Hygge-Lied veröffentlicht 🙂

Sieben Wochen ohne Facebook

Ich habe gefastet. Von Aschermittwoch bis Ostersonntag: Sieben Wochen ohne Facebook. Das war mein letzter Facebook-Eintrag am Faschingsdienstagabend:

Sieben Wochen Zeit. Zum Lesen, Schreiben, Spazierengehen. Um Freunde zu treffen oder zu telefonieren. Um öfter wegzukommen vom Computer. Darum versuche ich es jetzt mal: Sieben Wochen ohne Facebook. Von Aschermittwoch bis Ostersontag. Wer mich persönlich kennt – bitte haltet den Kontakt per Mail oder Telefon. Wer mich nicht wirklich kennt – wird mich vermutlich auch nicht vermissen. Euch allen eine gute Zeit.

Seit 2011 war ich auf Facebook unterwegs. 204 Freunde habe ich dort momentan. Und obwohl ich nur einen Bruchteil davon persönlich kenne, interessierten mich an jenem Abend doch die Reaktionen:

Facebook-Fasten, der Vorabend
Ich bleibe auf Facebook, auch als ich längst ins Bett will, nur um die Reaktionen zu beobachten.
Mehrere Likes in kurzer Zeit. Grüße und Ermunterungen diverser Bekannter. Eine sagt, sie könne Facebook genauso wenig entbehren wie Kaffee. Ich freue mich, dass ich vor Kurzem auch meinen Kaffeekonsum reduziert habe. Auch so eine Abhängigkeit.

Schreibe persönliche Nachrichten an einige Freundinnen, mit denen ich mich öfter über Facebook austausche und verabrede. Sie haben alle auch meine Mailadresse und Telefonnummer. Bitte um Verständnis, dass sie diese in Zukunft auch benutzen müssen, ich möchte ja gerne in Kontakt bleiben.

Endlich, ca. 23.30 Uhr: Ausloggen und Facebook-Lesezeichen im Browser löschen. Vom Tablet Facebook deinstallieren. Nicht dass ich morgen ganz automatisch wieder drin bin. Gehe ins Bett und fühle mich, als hätte ich einen langen Urlaub vor mir.

Ommmmm … Strand von Greve an einem frühen Freitagmorgen

Facebook-Fasten, Tag 1
Herrlich, wie viel Zeit ich ab jetzt haben werde.
Ist auch nötig, ich bin mit den Texten für einen Kunden hinterher. Heute werde ich stark aufholen.

Verbringe zuviel Zeit damit, alte Artikel in meinem eigenen Blog zu lesen.
Beantworte immerhin mehrere persönliche E-Mails gleich, statt sie monatelang im Posteingang schmoren zu lassen.

Lese im Freizeitmonitor 2016, einer Umfrage über die Freizeitaktivitäten im Jahresvergleich: Medien und Sport boomen – Zeit für Kontakte nimmt ab. Die meisten Deutschen wünschen sich mehr Begegnungen und Gespräche, verbringen aber die meiste Zeit vor Smartphone und Computer.

„Ihr interessiert mich schon, aber näher komm ich nicht!“

Ja, soziale Kontakte. Im letzten Jahr habe ich es (durch gezielte Bemühungen) geschafft, mir auf meiner Insel ein gutes kleines Netzwerk an Freundschaften aufzubauen. Leider habe ich sie alle in den letzten Wochen schon wieder vernachlässigt, aber das lag nun wirklich an den vielen Viren, die hier gerade grassieren. Jetzt muss ich meine Erkältungsisolation wenigstens zum Arbeiten nutzen.

Kaufe neue Musik im Internet. Hilft beim Arbeiten.
Eigentlich müsste ich auch Internetfasten machen. Wird aber schwieriger, denn das brauche ich zum Arbeiten.
16.00 Uhr: Endlich wirklich am Arbeiten. Mit guter Musik auf den Ohren.

Facebook-Fasten, Tag 2
Größten Teil des Tages unterwegs. Danach viel Zeit mit dem Lesen irgendwelcher Artikel im Internet verbracht. Aber immerhin, das fällt unter Wissenserweiterung (etwas fundierter als die üblichen Facebook-Memes).

Facebook-Fasten, Tag 3
Ganzen Tag kaum an Facebook gedacht. Nichts vermisst. Abends zum ersten Mal (wie schon lange geplant) um kurz nach zehn im Bett und tatsächlich noch über eine Stunde in einem guten Buch gelesen.

Facebook-Fasten, Tag 4
Schöner Offline-Tag. Vormittags genäht, nachmittags geputzt und eingekauft. Abends  wieder drei persönliche E-Mails sorgfältig beantwortet. So richtig auf die altmodische Art, mit Anrede, Bezug auf die empfangene Nachricht, Bericht über mein Leben, Wünsche für den anderen, Grußformel, fast so schön wie ein handgeschriebener Brief. Zuwendung. Wenn ich nicht so müde wäre, könnte ich jetzt glatt anfangen, das Manuskript gegenzulesen, das eine Bekannte mir gemailt hat. Aber das Risiko, dann wieder im Internet abzudriften … hmmm …

Facebook-Fasten, nach sieben Wochen
Ab Tag 5 hörte ich auf, über meine Erlebnisse mit dem Facebook-Fasten Tagebuch zu führen. Es erschien mir ganz normal. Ich hatte anderes zu tun. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass ich zuvor jeden Tag auf dieser Plattform war! Und dass in der Regel jedes Mal eine halbe Stunde damit herumging, auch wenn ich das gar nicht geplant hatte. Und dass ich in der Regel täglich mehrfach dort war. Obwohl ich es „nur“ am Laptop nutzte. Nicht auszudenken, wenn ich auch noch ständig am Smartphone hängen würde. Es waren ja so schon … wenn ich ehrlich bin … auf jeden Fall 300 Stunden im Jahr. Vielleicht sogar noch mehr. Deutlich mehr? Die Zeit könnte man nutzen, um ein ganzes Buch zu schreiben. Oder sieben Wochen Urlaub zu machen!

Habe ich durch den Facebook-Verzicht Zeit gewonnen?
Das will ich meinen – siehe oben! Ich habe nicht Buch darüber geführt. Aber ich habe in diesen sieben Wochen:

  • mehrere gute Bücher durchgelesen
  • das Manuskript einer Bekannten testgelesen und ausführlich kommentiert
  • ein paar arbeitsaufwändige Nähprojekte fertiggestellt
  • relativ viel gearbeitet (ergo, Geld verdient)
  • trotzdem noch einigermaßen Zeit für Freunde gehabt
  • und ein paar sehr schöne Wanderungen gemacht

Mein Kalender zeigt reichlich erledigte Termine und Aufgaben, mein Posteingang ist überschaubar. Komischerweise ist meine To-Do-Liste noch genauso lang wie im Februar. Man kann halt nicht pausenlos produktiv sein.

Was habe ich sonst noch gewonnen?
Zwei große Vorteile, mit denen ich nicht gerechnet hatte!

  • Die Nackenschmerzen sind weg, die mich seit letztem Herbst geplagt hatten. Sie begannen im September, als ich von meinen Rezeptionsjobs (viel stehen, gehen und Sachen herumtragen) wieder an den Schreibtisch wechselte. Im Winter war es so schlimm, dass ich bei längeren Autofahrten wirklich litt. Der Arzt tippte auf Maus-Hand. Seit ich nicht mehr ständig scrolle und klicke, sind die Schmerzen weg. Und ich will sie auf keinen Fall wiederhaben.
  • Ich schlafe um Längen besser! Das kann daran liegen, dass ich mir nicht mehr ständig das Gefühl antrainiere, ich könnte etwas verpassen. Dass ich weniger blaues Bildschirmlicht abbekomme. Aber auch daran, dass ich früher ins Bett gehe und lese, um vom Tag abzuschalten (für sowas habe ich ja jetzt Zeit). Oder es liegt daran, dass ich abends weniger esse. Egal, ich freue mich sehr darüber, denn jede suboptimale Nacht führt zu einem suboptimalen Tag.

Was habe ich ohne Facebook vermisst?
Da war tatsächlich einiges:

  • Das Gefühl, einfach mal Zeit zu verschwenden. Ich habe (wieder mal) gemerkt: Ich kann nicht immer produktiv sein, ich kann mich nicht mal immer „gezielt erholen“, ich WILL auch mal Zeit verplempern, sonst fühlt sich der Tag so vollgestopft an. Ich mache das jetzt ein bisschen auf anderen Wegen, meist lande ich bei irgendwelchen Nähvideos oder Stoff-Webshops – zum Glück ohne ständig dabei was zu kaufen 😉
  • Die Möglichkeit, schnell etwas nachzufragen. In der Møn-Gruppe: wie lange man wohl an einem Freitagmorgen Richtung Kopenhagen braucht. In der Nähgruppe: eine Umfrage für einen Text, an dem ich gerade schreibe.
    Die Updates aus einigen Schreibgruppen über Literaturausschreibungen, den Austausch über Buchprojekte, die gegenseitige Ermutigung von Autoren.
  • Die Möglichkeit, etwas über Leute zu erfahren, die mir begegnen, oder nachzusehen, wie es Bekannten geht. (Wobei das Gepostete ja nur ein Ausschnitt ist – ein persönliches Gespräch ist besser.)
  • Die Möglichkeit, meinen Blog bekannter zu machen. Früher habe ich jeden Blogeintrag auf Facebook beworben. Seit ich das nicht mehr tue, habe ich deutlich weniger Leser und weniger Austausch, denn die meisten scheinen lieber auf Facebook zu kommentieren als auf meinem Blog selbst. Vermutlich, weil auch hier Facebook niedrigschwelliger ist.
  • Die Möglichkeit, meine Lieblingsbilder von Møn in Facebook-Alben zu teilen. Ich hatte ja nun wieder Zeit für Spaziergänge und Hunderte Fotos von Kreidefelsen, Stränden und Städten gemacht. Die kann ich doch nicht alle in diesen Blog quetschen?
  • Und, last but not least: Das informelle Beisammensein, das Gefühl, man ist nicht allein. Auf Facebook ist immer irgendwer für lustige Kommentare oder einen kurzen Chat greifbar. „Soziale Medien“. Niedrigschwellige Geselligkeit. Aber genau die führt, glaube ich, dazu, dass viele abends am Bildschirm hängen, statt mit ihren Mitmenschen live oder telefonisch zu kommunizieren.

Jetzt – überraschend schnell – sind die sieben Wochen rum. Na gut, minus einen Tag. Es ist Ostermontag, die Fastenzeit ist vorbei. Noch war ich nicht wieder auf Facebook. Erstmal zeige ich noch ein paar Fotos 😉 – auch dies habe ich in den letzten Wochen neu entdeckt, bei Spaziergängen mit Freundinnen:

Soll ich jetzt wieder auf Facebook gehen?
Ich schwanke. Ja, ich hätte große Lust, diesen Blogeintrag zum Facebook-Fasten auf Facebook zu bewerben 😉 Ich bin auch neugierig, ob viele persönliche Nachrichten aufgelaufen sind, obwohl ich versucht hatte deutlich zu machen, dass ich über diesen Kanal nicht erreichbar bin.

Tag 1 nach dem Fasten, 15.28 Uhr
Also gut. Ich gehe wieder auf Facebook. Ich muss ja den Post vom Faschingsdienstag kopieren, um ihn an den Anfang dieses Beitrags zu stellen. Was habe ich verpasst?

  • Eine Freundschaftsanfrage von jemand, den ich nicht kenne. Wir haben fünf gemeinsame Freundinnen, von denen ich nur eine im echten Leben getroffen habe. Erstmal ignorieren.
  • Sechs persönliche Nachrichten. Darunter eine Geburtstagseinladung, die ich später per Mail nachgereicht bekam (es war eine wirklich schöne Feier). Einen nützlichen Linktipp von einer Bekannten, ich merke mir die Webseite für später. Der Rest ist vergleichsweise belanglos.
  • 74 gemischte Benachrichtigungen. Interessant: Die Vorankündigung eines Schreibwettbewerbs, aber dessen Homepage hatte ich eh schon unter Beobachtung. Nettes Geplauder in der Schreibgruppe. 21 „Gefällt mir“ für meine Facebook-Abstinenz-Ankündigung. Der Rest ist irrelevant.

Zeitverbrauch, um das alles zu sichten: eine halbe Stunde.
Und ich habe noch keinen Blick in meine Timeline geworfen.

Tag 1 nach dem Fasten, 15.57 Uhr
Ich riskiere einen Blick in meine Timeline. Ganz oben ein Katzenbild von einer Freundin. Darunter weitere Beobachtungen dieser Freundin, soweit ganz schön. Werbung von Samsung. Mehrere Freundinnen teilen ein Video über ein Recyclingprojekt in Schweden.
Ein Bericht fesselt mich, eine Autorin berichtet von ihren Erfahrungen mit einer Autismus-Spektrum-Störung, ich lese mich in den Kommentaren fest und erwäge, ihr zu schreiben. Lasse es dann doch, sonst muss ich ja später wieder checken, ob ich eine Antwort bekommen habe.
Zurück zur Chronik, nun erwartet mich ein Essensfoto und Werbung für Slipeinlagen. Facebook verbiegt sich wirklich in jede Richtung, um meine Interessen zu treffen. Darunter Fotos aus einer Nähgruppe, Kommentare zu den Schuhen einer Bekannten, Muffinfotos und Diskussionen über den Sinn und Unsinn von Ostern. Bleibe an viel zu vielen Bildern aus der Nähgruppe hängen, schon wieder ist fast eine halbe Stunde rum.
Noch einen Klick auf die neuesten Katastrophenwarnungen aus dem Yellowstone National Park. Vielleicht fliegt uns bald das ganze Magma um die Ohren.
Das Leben kann sehr kurz sein.
Zu kurz für so viel Facebook.

Jetzt ist es 16.30 Uhr.
Eine ganze Stunde für zwei-drei interessante Infos. Die ich vorher nicht vermisst hatte.
Eine Stunde unverbindlicher Zeitvertreib. OK für Regentage, an denen man all das geleistet und erlebt hat, was man sich wünschen kann.
Für alle anderen Tage zuviel.

Tag 1 nach dem Fasten, 17.02 Uhr
Mist. War ich eben schon wieder eine halbe Stunde auf Facebook?
Keine Ahnung, was ich da gemacht habe.

Und ich habe ja schon versucht, mich zurückzuhalten. Früher hätte ich diese eine Stunde, nein ANDERTHALB STUNDEN, JEDEN TAG verplempert, vielleicht sogar mehr. Mal am Stück, mal durch ständige Unterbrechungen meiner sonstigen Tätigkeit, weil die Ablenkung ja immer nur einen Klick weg ist. Und die Jungs wissen, wie sie einen festhalten.

Ich glaube, ich werde meinen Facebook-Konsum weiterhin stark einschränken.

Vielleicht zweimal im Monat, wenn ich etwas gebloggt habe, reingehen und den Eintrag bewerben. Damit ihr dann entscheiden könnt, ob ihr euch weiter von Facebook  ablenken lasst oder von meinem Blog 🙂

Danach meinetwegen eine Stunde herumlesen, aber NICHT MEHR.
Am besten geh ich nur noch auf Facebook, wenn ich kurz danach aus dem Haus muss. Mit Wecker, damit ich den Termin nicht verbummele.

So, dann geh ich diesen Eintrag mal bewerben, mal schauen, wie viele Likes ich dafür bekomme 🙂

Wie nutzt ihr Facebook denn so?
Oder wie geht es euch mit anderen „sozialen Medien“?

Frohe Ostern und einen guten Frühling euch allen!

Vier Fragen, die Schreibanfänger zur Verzweiflung bringen

Fragen über Fragen und nie genug Antworten

Fragen über Fragen und nie genug Antworten

Als ich nach Møn kam, um zu schreiben, erzählte ich jedem von meinem großen Roman. Einem Buch voll Bedeutung, ich musste es nur noch verfassen. Für Frühbesteller gäbe es Autogramme, ausnahmsweise umsonst.

In Wirklichkeit wollte ich mich natürlich nur unter Druck setzen. Das ist mir gut gelungen. Jetzt erwarten manche Menschen Ergebnisse, sie fragen mich schwierige Dinge. Dabei habe ich immer noch kein Buch fertig; ich bin halt faul, unfähig und erfolglos noch nicht soweit.

Ich verzweifle an ungeahnten Herausforderungen. Und an so manchen freundlichen Fragen:

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Romane schreiben mit System: Ich habe es wirklich versucht.

1. „Wie weit ist dein Buch?“
Siehe oben. Fragt nicht. Es ist nicht fertig. Dafür habe ich drei neue angefangen und … ach, ist ja auch egal. Ich weiß nur eines: Ich werde berichten, wenn es etwas zu berichten gibt.

2. „Wie schreibt man denn einen Roman?“
Ganz ehrlich … ich habe keine Ahnung. Ich kann euch erzählen, wie ich das angehe. Von meinem Drei-Meter-Handlungsplan, vom Weltenbauen, von der Figurenentwicklung. Aber vielleicht ist das nur die Anleitung, wie man einen Roman nicht schreibt, sondern nur unendlich viel daran arbeitet.

In meinem Kopf ist ... bunter Nebel. Und den bringe ich auch zu Papier!

In meinem Kopf ist … bunter Nebel. Und den bringe ich auch zu Papier!

3. „Warum schreibst du kein Buch über Marsmännchen?“
Oder über Fußball? Oder über euren Hund? Ich verstehe diese Frage nicht. Die Themen interessieren mich nicht. Wir brauchen keine weiteren Bücher über Marsmännchen, Fußball und Hunde. Wir brauchen Bücher über Kreidefelsen und Fantasy-Fossilien, Elfenschlösser und irre Insekten. Wenn ich sie geschrieben habe, werdet ihr das verstehen.

vier-fragen-an-schreibanfaenger-carmen-wedeland-leipziger-buchmesse-2015-inselauszeit-blog

Schreibanfängerin, unberühmt und noch frohgemut, vor ihrem ersten Besuch der Leipziger Buchmesse

„Wusstest du, dass Günter Grass auch oft hier war?“
Ja, habe ich schon mal gehört. Und diese Frage verstehe ich sogar. Er kam nach Møn, ich kam nach Møn. Er war Deutscher, ich bin Deutsche. Er hat geschrieben … ihr wisst schon. Wir sind quasi seelenverwandt. An dieser Frage verwirrt mich nur, dass wir uns nie getroffen haben, als er noch lebte.

Wenn ich in 30 Jahren den Nobelpreis gewinne, werde ich alle Schreibanfänger in der Nachbarschaft zum Kennenlernen einladen. Dann dürfen sie sogar Fragen stellen. Aber vorher bitte nicht 😉

Zeit zum Ernten, Zeit zum Erden

Heute beginnt der Herbst. Bucheckern und braune Blätter knirschen unter meinen Füßen. Die Nacht hat den Tag eingeholt, und ich lege zum ersten Mal in meinem Leben Rote Bete ein.

In meiner Küche türmen sich Äpfel aus unserem Garten. Manchmal finde ich eine Birne im Gras, die noch keinen Bewohner angelockt hat. Und neulich abends kullerten vor meinem Fenster Mirabellen die Straße hinab. Ich ging hinaus auf der Suche nach der Quelle. Im Licht des dunkelgelben Vollmonds fand ich den Mirabellenbaum, direkt hinterm Haus; er war dabei, das Auto meiner Vermieter mit goldenen Kugeln zu umstreuen. Nun esse ich frische Mirabellen zum Müsli und Mirabellenkuchen am Nachmittag. Wie schön, wenn einem die Früchte in den Schoß fallen, sogar ohne Gartenarbeit!

Seit ein paar Wochen stehen hier an den Landstraßen auch viele kleine Buden, in denen Gartenbesitzer ihre Ernte für wenig Geld zum Mitnehmen anbieten. Im Nachbardorf habe ich mich neulich mit der Roten Bete eingedeckt, dazu Lauch, Tomaten und Zucchini, alles besser und billiger als im Supermarkt. Auf der anderen Straßenseite gibt es Eier und Kartoffeln, und die Kinder meiner Nachbarn verkaufen Apfelmost, seit ihr Kirschbaum nichts mehr hergibt. Eine größere Auswahl an Gemüse und Fleisch bieten die Hofläden, die über die Insel verstreut liegen, und neulich war an der Kirche Erntemarkt, wo ich mich mit Marmelade und Sirup für die nächsten Monate versorgt habe.

Mir ist gerade viel mehr nach Ernten und Einmachen als nach Schreiben, Rechnen und anderer Kopfarbeit. Vielleicht ist das wieder eine der vielen Vermeidungsstrategien, die sich mein Unterbewusstsein ausdenkt, um mein finanzielles Vorankommen und andere messbare Erfolge zu verhindern. Vielleicht brauche ich einfach diese geruhsame Tätigkeit nach der Arbeit in der Touristensaison. Oder es ist das Landleben, das mich nach drei Jahren endlich im Griff hat: Ich spiele doch tatsächlich mit dem Gedanken, den Garten nächstes Jahr systematischer zu nutzen, vielleicht mal ein Beet anzulegen, den Stachelbeerbusch zu retten … oder wenigstens am Fensterbrett Kräuter zu ziehen, wenn für mehr die Ausdauer nicht reicht.

Ein jegliches hat seine Zeit, sagte schon der Prediger Salomo. Pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit.

Bilanz ziehen hat seine Zeit, hätte er vielleicht in heutiger Management-Sprache geschrieben.

Ich glaube, ich brauche diese Phase des Sammelns, des Verarbeitens, um auch mein Leben zu betrachten und was ich damit machen will; um meine Gedanken zu ordnen, mich zu erden, einen Vorrat anzulegen an guten Dingen, mit denen ich weiterarbeiten will. Ob das nun Jobs sind, die mich ernähren, oder Menschen, die mich erfreuen; Stoffe, die ich vernähe, oder Ideen, aus denen ich Geschichten entwickle. Vielleicht kann man in der Küche ganz nebenbei Romanfiguren einlegen, Handlungsstränge vermischen und aufgehen lassen, Stilelemente kleinhacken und drüberstreuen. Ich glaube nämlich, es gärt in mir 🙂

Sobald der Garten leergeerntet ist, sobald in meine Küchenschränke nichts Neues mehr passt, setze ich mich wieder an den Schreibtisch. Dann sind die Abende lang, der Nebel quillt über den Feldern, ich öffne meine Vorratsbehälter und schreibe los.

Einen schönen Herbst und eine gute Ernte euch allen!

Was Romanautoren von Rezeptionisten lernen können

Statt an meinem Buch weiterzuarbeiten, habe ich diesen Sommer viel Zeit damit verbracht, in der Pension Bakkegaard Møns Klint mitzuhelfen, in der ich wohne. Ich habe Hunderten Gästen die Wanderwege an den Kreidefelsen beschrieben; einigen, die sich mehr Zeit nahmen, auch die verschlungeneren Pfade zu Treibholzansammlungen, Orchideenwiesen oder alten Opfersteinen. Ich habe Teller und Gläser gespült, Bettzeug verfrachtet und Unkraut gejätet.

Es war teils anstrengend, meist erfreulich, und immer wieder lehrreich. Meine Mappe mit Zeugnissen und Diplomen ziert jetzt auch ein dänischer Lebensmittelhygieneschein; ich kann unsere Kasse mit 119 Tasten bedienen und mindestens die Hälfte von dem verstehen, was mir unsere vielen schwedischen Gäste in perlendem Singsang mitteilen wollen. Und ich habe vieles gelernt, das ich in den nächsten Monaten gut anwenden kann, wenn es wieder still auf der Insel wird und ich an meinem Schreibtisch sitze:

Du kannst nicht jedermanns Geschmack treffen.
Die Zimmer in unserer Pension sind sehr unterschiedlich gestaltet, jedes von einem anderen Künstler aus Møn. Jeder Künstler hatte die Freiheit, sein eigenes Universum abzubilden, und wie unterschiedlich die Ergebnisse sind, könnt ihr in dieser Bildergalerie begutachten. So mancher Raum, der bei dem einen Gast nur verhaltene Zustimmung findet, löst bei dem anderen Begeisterung aus und den Wunsch, nächstes Jahr genau HIER mehrere Tage zu verbringen. Ich finde das spannender als die stromlinienförmig gestalteten Hotels, die man auf der ganzen Welt finden kann. Wer erzählt schon seinen Freunden nach dem Urlaub, wie gleichmäßig beige das Schlafzimmer war?

Ich bin vorsichtiger geworden darin, Dinge zu verurteilen, wenn sie mir selbst nicht gefallen – sie können bei anderen genau ins Schwarze treffen. Und wenn mir beim Schreiben schräge Ideen kommen, werde ich sie nicht gleich ausmerzen, sondern fröhlich weiterwuchern lassen – es sei denn, ALLE Testleser reagieren verhalten und gar niemand kann etwas damit anfangen 🙂

Nimm dir Zeit zu erzählen.
In meinen ersten Tagen als Rezeptionistin dachte ich, ich sollte die Ankommenden nicht lange aufhalten. Erklärung der Essenszeiten, Herumführen in der Pension, Wander- und Ausflugstipps – alles möglichst in drei Minuten, damit unsere Gäste schnell ihren Urlaub genießen konnten. Inzwischen weiß ich: Die Begrüßung ist Teil des Urlaubs, kann Spaß machen und ruhig etwas länger dauern. Es steigert die Urlaubsfreude noch mal, wenn man nach dem Panorama-Ausblick vom Speiseraum auch noch die Leseecke im hintersten Wohnzimmer gezeigt bekommt. Über die 497 Treppenstufen bis zum Kreidefelsenstrand kann man lachen, wenn man erfährt, dass man die Nachbartreppe hinauf NUR ca. 480 Stufen überwinden muss. Und wenn ich nebenbei mitbekomme, welche besonderen Interessen die Besucher haben, kann ich ihnen auch speziellere Tipps geben (Treibholz, Orchideen, Opfersteine).

Ich glaube, ich bin ruhiger geworden, auch in hektischen Situationen – denen man auf diese Weise viel von ihrer Hektik nehmen kann. In meinen Texten will ich mir Zeit nehmen, Situationen auszumalen und die Leser ganz in meine Welten hineinzunehmen. Das ist Teil des Erlebnisses, dafür sind sie gekommen. Und im Gegensatz zu meiner journalistischen Arbeit, wo ich möglichst viele Fakten in möglichst wenig Zeilen pressen musste, habe ich ja jetzt Hunderte Romanseiten Platz (oder die unendlichen Weiten des Internets). Solange die Leser nicht abspringen … danke, dass du noch da bist 🙂

Es muss nicht alles gleichzeitig perfekt sein.
Zwei Spanierinnen möchten ein Zimmer, eine Gruppe Dänen Kaffee und Kuchen im Innenhof. Zwei Deutsche, die morgen mit dem Bus weiterwollen, fragen nach dem Fahrplan. Die Kinderspielküche ist über den Fernsehraum verstreut und du hast vergessen, den Getränkekühlschrank aufzufüllen. Da klingelt das Telefon …
Durchatmen.
Die Leute haben Urlaub und sind entspannt.
Es muss nicht alles gleichzeitig perfekt sein.
Der Ausblick aufs Meer, das herrliche Wetter, der Besuch an den Kreidefelsen haben die Erwartungen der Gäste schon übertroffen. Der Tag ist schon jetzt ein Erfolg. Mit Erlaubnis der Spanierinnen kurz ans Telefon gehen, Kaffee aufsetzen und den Dänen erstmal kühles Wasser bringen. Sich Zeit für die Spanierinnen nehmen, die Dänen mit Kaffee und Kuchen versorgen. Zwei holen sich ein Lakritzbier, die Himbeerbrause hat noch niemand vermisst, jetzt kannst du in Ruhe den Kühlschrank auffüllen. Dann fallen dir die Bustouristen wieder ein – die unterhalten sich blendend mit den Spanierinnen und verabreden gerade, gemeinsam in deren Auto weiterzufahren. Am Abend siehst du nur lächelnde Gesichter – und das Fernsehzimmer hat niemand gebraucht.

Auch in einem Text muss nicht alles gleichzeitig perfekt sein. Natürlich, man gibt sein Bestes, will den Nobelpreis gewinnen, oder wenigstens eine Ausschreibung. Aber irgendwann ist der Tag auch rum und die Geschichte muss fertig sein. Ein packender Einstieg, eine lebensechte Hauptfigur, ein spannender Höhepunkt – das wird in Erinnerung bleiben. Im achten und neunten Absatz wiederholt sich ein Wort? Eine unbedeutende Nebenhandlung ist nicht sauber zum Abschluss gebracht? Kein Grund, das Werk noch zwei Jahre in der Schublade zu lassen und immer unsicherer zu werden, bis man es überhaupt nicht mehr veröffentlicht. Wenn du einen zündenden Plot hast und ein paar fesselnde Figuren – schreib drauflos, Details klären sich beim Schreiben oft von selbst. Lektorieren, Überarbeiten, Korrigieren – klar. Aber dann ist irgendwann auch gut. Es wird nie perfekt, und das muss es auch gar nicht sein.

Drückt mir die Daumen, dass ich diese Erkenntnisse am Schreibtisch auch umsetze 🙂

Welche Erfahrungen aus dem echten Leben haben euch bei kreativen Projekten weitergeholfen?