Wenn Erzähler plötzlich zaubern: National Novel Writing Month 2017

Diesen November war wieder „National Novel Writing Month“. 30 Tage lang habe ich in die Tasten gehauen, genau wie viele Tausend Autoren in der ganzen Welt. Gut 50.000 Wörter ist mein Roman jetzt lang – rund 180 Buchseiten.

Im 19. Jahr seines Bestehens rechnete das „NaNo“-Team mit 400.000 Teilnehmern: Auszug aus der Pressemitteilung vom September 2017

Die Aktion findet jedes Jahr im November statt, für mich ist es die dritte Teilnahme. Gleich beim ersten Mal erreichte ich das Ziel ebenfalls, mit einer früheren Version des gleichen Romans. Doch ich war die ganze Zeit gestresst und hinterher mit dem Text so unzufrieden, dass ich ihn lange nicht mehr anrührte (hier mein Bericht zum NaNo 2015). Letztes Jahr schrieb ich bewusst langsam an einem Kinderbuch und schaffte daher „nur“ 33.000 Wörter; sie klingen zwar schöner, liegen aber ebenfalls in der Schublade (hier meine Überlegungen zum NaNo 2016).

Dieses Jahr stand der NaNo unter dem Motto „Superpowered Noveling“  – und tatsächlich fühlte ich mich das erste Mal so, als hätte ich die Sache um Längen besser im Griff:

Ich „gewann“ den NaNo schon gestern, also mit einem Tag Vorsprung, trotz einer recht „unproduktiven“ Reisewoche in der Mitte. Heute habe ich auf gut 52.000 Wörter erhöht 🙂

Ich bin diesmal nicht ausgepowert, sondern zuversichtlich, dass ich das Schreiben auch in den Dezember und, wenn nötig, in den Januar hinein fortführen kann, jeden Tag rund 2000 Wörter, bis ich die Geschichte zu Ende gebracht habe. Und dann geht es mit neuer Energie ans Überarbeiten!

Ich bin mit dem Geschriebenen wirklich glücklich. Nicht weil es perfekt wäre, das ist es nicht. Aber: Ich weiß endlich, was ich tue. Meine Figuren machen mit. Die Handlungsstränge laufen organisch ineinander. Und die Roman-Ereignisse spitzen sich zu.

„Superpowered Noveling“ eben! Wer wie ich jahrelang an seinem Buchprojekt herumgekrebst hat und nie wusste, woran es kränkelt, kann diese Erleichterung vielleicht nachvollziehen.

Motivierende Medaillen: Beim National Novel Writing Month gibt es auch zwischendurch viel zu gewinnen.

Woher kamen diese „Creative Superpowers“ so plötzlich? Für mich war es die günstige Kombination aus drei Faktoren:

1. Ich folgte einer Struktur, die funktioniert.

  • Drei Akte: Exposition, Eskalation, Resolution. Darin verteilt  Meilensteine wie Plotpoints und Pinchpoints, gewürzt mit dramatischen Fragen, Krisen und Höhepunkten.
  • Drei Hauptfiguren, aus deren Perspektive ich schreibe, darunter eine Haupt-Hauptfigur, die rund die Hälfte der Szenen bekommt.

Diese Struktur verdanke ich diversen Schreibratgebern, vor allem zwei Werken von Stephan Waldscheidt: Schreibcamp: Die 28-Tage-Fitness für Ihren Roman und Plot & Struktur: Dramaturgie, Szenen, dichteres Erzählen. (Klingt wie Werbung, soll es auch gerne sein; aber ich habe die Bücher selbst gekauft und meine Empfehlung mit niemandem abgesprochen 🙂 ).

Aus dieser Struktur leitete ich meine Szenen ab, und auf die konzentrierte ich mich dann Schritt für Schritt, Tag für Tag, meist vormittags zwei bis drei Stunden lang.
Nach etwa zwei Wochen musste ich etwas mehr Zeit investieren, um den 2. Akt feinzuplotten, hier kam das erste Mal sowas wie Stress und Unsicherheit auf, aber es war ein super Gefühl, als das auch stand. Der 3. Akt ist mir sowieso ziemlich klar – auf dieses Ende zielt das Buch schon immer ab. Darauf freue ich mich besonders, aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg!

2. Ich achtete darauf, dass es mir gutging.

So ein Roman ist ein Marathon, kein Sprint. Zu meinem Glück (oder Pech) hatte ich diesen Monat wenig bezahlte Arbeit. So konnte ich das Schreiben als Arbeit ansehen, hatte danach frei und dachte nicht mehr an mein Buch (außer an den unglücklichen Tagen, wo ich noch nachplotten musste). Also hieß es auftanken! Ich kochte mir anständiges Essen, nahm mir Zeit für Spaziergänge und Treffen mit Freunden. In der Mitte des Monats machte ich sogar eine Kurzreise nach Hamburg. Es war schön, aber das Schreiben fehlte mir sofort! So kam es, dass ich immer wieder neu Energie zum Schreiben hatte, die innere Kerze nie abbrannte, aber ich trotzdem laufend wusste, woran ich gerade war. Es floss einfach. Superpowers 🙂

3. Ich glaubte weiter an den Zauber des Erzählens.

Im Lauf dieses Jahres habe ich mir vergegenwärtigt, was ich eigentlich mit diesem Buch aussagen will. Wie die Geschichte von dem Scherbenhaufen, die ich letzten Monat erzählt habe. Wie die ganze Geschichte, warum ich nach Møn kam, um zu schreiben. Und ich dachte an die Vision, die ich bei einem Waldspaziergang Anfang dieses Jahres hatte. Ich war mit der inneren Frage aufgebrochen: Wie soll ich dieses Jahr gestalten, damit es gelingt? Drei Antworten bekam ich: 1. Folge den vorgegebenen Strukturen. 2. Achte darauf, dass es dir gutgeht. 3. Glaube weiter an den Zauber.

Das habe ich getan, und es hat geklappt 🙂

Wie geht es euch mit euren Schreibprojekten oder anderen großen Vorhaben? Was ist euer Erfolgsrezept?

Liebe Grüße von der Insel, Carmen Wedeland

Aus Scherben etwas Schönes bauen

Ein Mädchen sitzt auf einem Haufen Glasstücke. Die Scherben schneiden in ihre Haut. Sie weiß nicht, warum sie hier ist. Sie weiß nicht, was das für Scherben sind. Sie ist halb taub, denn gerade hat es geknallt. Sie sieht nach oben. Der Himmel tobt. Das Gewölbe, das sie schützte, ist weg. Stümpfe von Säulen ragen in die Nacht.

Wer ist dieses Mädchen? Was ist passiert? Wird sie sich retten können?

Diese Frage hat mich beschäftigt, seit ihr Bild im Frühjahr 2013 in meinem Inneren auftauchte. Ich kannte das Mädchen nicht. Aber ihr Leiden ließ mir keine Ruhe. Ihre Welt war zusammengebrochen. Die Scherben taten mir weh. Ich spürte das Ende einer aufwühlenden Geschichte. Oder war es vielleicht ein Anfang?

Es ließ mir keine Ruhe. Seit meiner Jugend hatte ich Geschichten schreiben wollen. Doch nie war mir etwas eingefallen, das mich lange genug faszinierte. Das Scherbenmädchen faszinierte mich, monatelang. Ich spürte in mich und fand weitere Bilder. Szenen, die ich nicht verstand und die scheinbar nicht zusammenhingen. Doch ich wusste, ich musste mich ihnen stellen. Ich schrieb sie auf, ich ordnete sie und versuchte sie zu verbinden. Eine Insel entstand, Fossilien, Figuren, sie bauten leuchtende Gebilde aus Glas und hüteten dunkle Geheimnisse. Der Schauplatz eines Romans, der Ausgangspunkt einer Handlung.

Im August 2013 suchte ich den Ort, wo diese Handlung stattfinden könnte. Ich kam auf die Insel Møn, angezogen von den Kreidefelsen und ihren Fossilien. Ich fand den perfekten Ort zum Schreiben. Seitdem wohne ich hier.

Die Natur draußen half mir, meinen Schauplatz weiter auszubauen. Drinnen im Haus untersuchte ich Glas. Lampen und Spiegel, Splitter und runde Stücke, die das Meer weichgeschliffen hatte. Ich las viel über Glas. Es kann trüb sein oder klar, es kann Einblicke ermöglichen und Wahrheit verzerren. Es ist hart und doch nicht fest, man kann aus Glasplatten Häuser bauen oder mit Mosaikteilchen Schmuckstücke gestalten. Ich schrieb Gedichte über Glas als Metapher für das menschliche Dasein.

Inzwischen wusste ich: Das Mädchen war ich selbst. Und der Scherbenhaufen war mein Leben.

Im Oktober 2012, heute vor fünf Jahren, starb mein Vater. Er war von einer Leiter gefallen. Das Firmament, unter dem ich gelebt hatte, brach zusammen. Drei Monate später starb meine Mutter, und wohin ich mich in meinem Leben drehte, ich griff in schmerzende Scherben. Nach und nach hob ich sie hoch, betrachtete die Bruchstücke meines Lebens und fragte mich, ob ich je wieder aufstehen und weitermachen konnte.

Doch dann kamen die Bilder: das Scherbenmädchen und weitere Szenen. Sie wollten in Worte gefasst werden. Ich reiste nach Møn, um zu schreiben. Die Kreidefelsen erinnerten mich daran, dass es Größeres gibt als unser kleines Leben. Die Leuchttürme und der Sternenhimmel malten eine Landkarte für meinen Roman. Und dann fand ich eine Künstlerin, die mir erklärte, wie sie mit Glas arbeitet.

Mette Folmer füllt Glasplatten mit Fischgräten, Metallen und Kreidekrümeln oder verbindet fließendes Glas mit Stein und Draht. Ihre Werkstatt auf dem Tranemarkegård liegt im Osten der Insel Møn.

„Glas hat seine eigene Seele“, sagte sie. „Man muss demütig an die Arbeit herangehen, offen bleiben für Veränderungen, nichts erzwingen wollen. Wenn ich mich beeilen will, schneide ich mich oder das Glas zerbricht. Aber wenn ich mich darauf einlasse, entstehen die schönsten Dinge. Ich freue mich jedes Mal darauf, den Ofen zu öffnen. Jede Luftblase ist ein Geschenk. Manchmal denke ich auch, dass etwas komplett danebengegangen ist. Aber dann kommt ein anderer und findet genau dieses Stück am schönsten.“

In ihrer Werkstatt durfte ich selbst ein Bild aus Glasstückchen machen. Auf einer farblosen Platte sollte ich Scherben anordnen, nach dem Brennen konnte ich mein Bild mit nach Hause nehmen. Ich hatte großen Respekt vor den vielen scharfkantigen Stücken. Zuerst sortierte ich nur Farben und Formen, fand keinen richtigen Plan. Dann entdeckte ich eine Engelfigur. Sie setzte ich an die Spitze meines Bildes, auf sie hin richteten sich alle Teile von selber aus. Allmählich entstand eine Landschaft, die Kreidefelsen von Møn mit zwei Krebsen im Wasser. Zum Schluss verschwand der Engel und machte einer Sonne Platz. Er hatte geholfen, meine Welt zu ordnen, nun wurde er nicht mehr gebraucht.

Das Glasbild liegt noch heute in meiner Schreibwerkstatt, direkt unter den Wandtafeln mit meiner Romanskizze. Mehrere Male habe ich den Plot schon umgebaut, Figuren erschaffen und wieder gestrichen, die Teile hin- und hergeschoben. Allzuviele Ideen haben die Sicht auf das Ganze getrübt. Nun will ich mein Schreiben wieder mehr auf den Ursprung ausrichten. Das Mädchen mit den Scherben, ihre Geschichte und die Frage: Wie kann man aus Scherben etwas Schönes bauen?

Ab nächster Woche schreibe ich den Roman neu. Dann ist National Novel Writing Month. Ich habe ein Ziel und ich freue mich darauf.

Ich möchte, dass der Scherbenhaufen nicht ein Ende, sondern ein Anfang ist.

Liebe Grüße von der Insel, Carmen Wedeland

Weine nicht um Glas, das zerbrochen,
– spricht Weltabor, der Weise.
Wer weint, sieht nicht klar.
Wirf die Scherben ins Meer!
Das weiche Wasser wird sie dir schleifen,
und jedes spitze, schneidende Stück
formt es zu rundem, rieselndem Sand.
Schmeichelnd umfließt er deine Hand,
und schmilzt du ihn ein, erhältst du zurück
das Glas, das zerbrochen war.

(Bruchstück aus einer frühen Romanversion)

Sportliche Erfolge

Den Nachrichten entnehme ich, dass es bei einem gewissen Großereignis in Südamerika an deutschen Medaillen mangelt.

In aller Bescheidenheit möchte ich daher auf ein paar sportliche Erfolge hinweisen, die ich in letzter Zeit erringen konnte 🙂

Dazu muss ich sagen, dass meine früheren Anerkennungen in diesem Bereich übersichtlich waren. Okay, beim Münchner Stadtlauf vor mehreren Jahren gab es Jubel im Publikum, als ich nach weit über einer Stunde ins Ziel einlief kroch. Man dachte allerdings, ich hätte als eine der ersten Läuferinnen die 20 Kilometer geschafft. Nach ein paar Sekunden des Triumphs gab ich klein bei und holte mir als eine der Letzten die 10-km-Urkunde ab.

Immerhin, eine Urkunde! Bei den Bundesjugendspielen war das noch anders. Mein Handstand ohne Hilfestellung wurde nicht gewürdigt, etwas anderes konnte ich nicht. Keine Urkunde, keine Medaille. Kein Erfolgserlebnis.

Ich bin halt von der langsamen Truppe. Doch jetzt, nach jahrzehntelangem Anlauf, ist mir der Sprung aufs Siegertreppchen gelungen. Wenn auch in einem anderen Metier. Letzte Woche bekam ich das gleich vierfach dokumentiert:

Storyolympiade LogoStoryolympiade: „Labyrinthe“

Jawoll, Olympia – ich habe Bundesjugendspiele und Stadtlauf abgeschüttelt und bin bei den ambitioniertesten unter den Amateuren angekommen! Gerade habe ich den Vertrag unterschrieben: meine Kurzgeschichte „Kurven“ erscheint in der Sieger-Anthologie der Storyolympiade 2015-16, beim Verlag Torsten Low. Das Thema lautete „Labyrinthe“.  Die Storyolympiade ist ein größerer Schreibwettbewerb in der Phantastik-Szene: 219 Autoren nahmen diesmal teil, 24 wurden ausgewählt. Zwei nannten ihre Geschichte „Gedankengänge“, darunter ich … mein neuer Titel „Kurven“ zeigt vielleicht noch besser, in welche Richtung es geht … 🙂

„Phantastische Sportler“

Auch meine Kurzgeschichte „Der Auswechselspieler“ wird in einer Anthologie veröffentlicht. Das Buch erscheint ebenfalls im Verlag Torsten Low, Herausgeber sind Wolfgang Schroeder und Markus Heitkamp mit Unterstützung der Geschichtenweber. Insgesamt 20 Autoren schafften es in die Mannschaft, 80 Geschichten waren eingereicht worden. Das freut die Sportlerin, die früher niemand in seinem Team wollte! Meinen Protagonisten freut es auch, denn er steht gern im Rampenlicht. Auf acht Beinen. Solange nicht ausgewechselt wird …

Zurück zu den WurzelnMarburg-Award: „Zurück zu den Wurzeln“

Vom Rampenlicht wechseln wir jetzt ins Düstere. Meine bisher horrormäßigste Geschichte, „Siebenfinger“, ist in der diesjährigen Sammlung des Marburger Vereins für Phantastik abgedruckt worden. Hier werden alle eingereichten Geschichten veröffentlicht, dieses Jahr 25. Der Band erschien in kleiner Stückzahl zum Marburg-Con im April und um Kosten zu sparen, habe ich mein Exemplar erst letzte Woche bei einem Deutschlandbesuch abgeholt. Meine Geschichte handelt von gruseligen Gewächsen … auf einem Friedhof im Frühling.

Mütter Anthologie Hg Anja Bagus Edition Roter Drache 2016„Mütter“

Schnell wieder zu den schönen Dingen. Diese anheimelnde Kurzgeschichtensammlung erschien im März bei Edition Roter Drache und jetzt habe ich zum ersten Mal in meiner steilen Autorenkarriere eine Rezension bekommen, die mich namentlich erwähnt. „Abgefahren“ findet Scratchcat vom UnArtMagazin meine Story „Die Stars der Krabbelgruppe“. Das rechne ich mir doch gleich als weitere Medaille an. Denn die Geschichte ist wirklich nur in den ersten Zeilen anheimelnd. Danach entbrennt ein Wettkampf, wie ihn sich nur Mütter liefern können, deren Mundwerkzeuge nicht von dieser Welt sind.

So, ich hoffe, euch ist der Sport jetzt auch so egal wie mir und ihr habt Lust bekommen, schräge Geschichten zu lesen oder selber zu schreiben. Viel Spaß und viel Erfolg dabei 🙂

P. S. Mehr zu den Hintergründen der genannten Geschichten findet ihr hier:
Labyrinth des Lebens
Ideen-Invasion
Meine erste Geschichte erscheint!

 

Im Land der Elfen

In dieser Woche ist Mittsommer, Sommersonnenwende. In Dänemark feiert man sie an Sankt Hans Aften, dem Vorabend von Johanni.  Die Nächte sind licht, man zündet große Feuer an, und viele sagen, dass nach Einbruch der Dämmerung die Elfen an die Oberfläche kommen und auf den Wiesen tanzen.

Gegenüber von meinem Fenster liegt ein alter Steinwall, dahinter erstreckt sich ein langes Feld. Schon oft habe ich am Schreibtisch gesessen und überlegt, was für eine Welt sich zwischen den Steinen, unter dem Korn verbirgt. Ich glaube, dort wohnen die Elfen, und in Nächten wie diesen kommen sie heraus und tanzen im Mondschein. Heute tun sie das ganz sicher, denn es ist Vollmond. Ich bin in der Dämmerung hinausgegangen und habe sie eingeladen, in die Welt der Menschen, in unseren Garten und auch in meine Bücher.

Abendausblick Bakkegaard Møn

Wenige Glückliche können aus unserer Welt in die Welt der Elfen gelangen. Unsere Hofkatze zum Beispiel. Sie ist vor gut einem Jahr verschwunden. Ich hatte sie davor öfter am Steinwall gesehen und bin mir sicher, sie ist nun bei den Elfen. Unter dem Feld feiern sie das ganze Jahr Feste, der Katze geht es dort gut.

Im Gespräch zwischen dem Steinwall und mir, angestoßen von der neugierigen Katze, entstanden letztes Jahr auch die ersten Kapitel eines Kinderbuches. Es ist ein Versuch, mal etwas ohne Plan zu schreiben, ohne ständiges Verbessern, einfach nur dem folgend, was ich um mich herum spüre und sehe. Die Geschichte beginnt direkt vor meinem Fenster:

Merle und Lisa im Land der Elfen

Wenn es regnet, werden die Steine auf der anderen Straßenseite durchsichtig.
Die graurote Oberfläche verschwimmt, und es erscheinen Zeichen und Schriften, Spalten und kleine Türen in eine andere Welt.
Wer weiß, in welche Spalten er greifen muss, der kann den richtigen Stein öffnen und einsteigen, in die Welt der Elfen, in das Land der Anderen, die unter dem Feld wohnen, das der Steinwall zur Straße hin abschließt. Die Katze kennt diese Welt, sie braucht keine Spalten zu öffnen, sie kann auch so durch die nassen Steine schlüpfen und die Elfen besuchen, die sie streicheln und ihr vorsingen und ihr von dem Beerensaft zu trinken geben, der den Bauch so schön wärmt. Dann schläft sie eine Nacht und einen Tag, und dann kehrt sie zurück ins Leben. Zurück in ein neues Leben, denn als Katze hat man sieben davon, da kann man auch zwei oder drei Leben bei den Elfen lassen, wenn man dafür warmen Beerensaft bekommt.
Aber Menschen finden den Weg nicht so leicht, und wenn sie ihn gefunden haben, kehren sie nicht mehr zurück.
Außer Merle. Merle fand den Weg zu den Elfen, und sie kehrte auch wieder zurück. Doch sie war eine Andere geworden, und sie sah die Welt danach anders, und nicht nur bei Regen.

Vielleicht flüstern mir die Elfen heute ein, wie es weitergeht.
Wenn sie fertig getanzt und gefeiert haben.
Viel kann geschehen in diesen magischen Nächten.

In diesem Sinne – mittsommerliche Grüße aus Møn!

Buchmesse-Begegnungen

VorCarmen Wedeland Leipziger Buchmesse 035 ein paar Tagen war ich auf der Leipziger Buchmesse, aus sehr erfreulichem Anlass: Meine erste Geschichte erschien in der Kurzgeschichtensammlung „Mütter“ bei Edition Roter Drache. Gleich am ersten Buchmesse-Morgen durchquerte ich Halle 2 und fand unter Tausenden Büchern das eine Werk.

Es sieht  schön aus und liegt schmeichelnd in der Hand, außerdem enthält es 30 schräge, spannende und schaurige Geschichten. Das ideale Geschenk für den Muttertag 😉

Danach warteten Hunderte Fans nicht auf mein Autogramm, also hatte ich die Möglichkeit, fünf Hallen voller Literatur zu erkunden. Tiefschürfende Gespräche, bahnbrechende Erkenntnisse, wegweisende Vertragsangebote. Was man als aufstrebende Autorin halt so macht.

So schlenderte ich also gemütlich durch die Gänge. Schlich an den Verlagen vorbei, die später meine großen Romane herausbringen werden, sobald ich sie fertig schreibe. Sah gepflegte Menschen an den großen Ständen der Geisteswissenschaft, die Gebäck aßen und Gespräche führten. Sah auch die Jungs wieder, die vom Hauptbahnhof bis zum Messegelände die vollgestopfte Straßenbahn mit Fußballliedern und „Annkatrin aus Berlin“ unterhalten hatten – in nur zwanzig Minuten waren sie mir ans Herz gewachsen, rein räumlich betrachtet. Sah Manga-Fans mit rosa Perücken und Puschelschlappen und überlegte, wo ich mich in diesem kulturellen Kosmos einordnen könnte. Noch war ich ja frei, frei von Fans, Fototerminen und Fachgesprächen. Kein Gebäck mit Geistesgrößen, keine johlenden Horden (mehr) um mich herum, noch nicht mal Kugelschreiber oder lustige Leinenbeutel konnte ich abgreifen, wie früher auf der Frankfurter Buchmesse.

Zum Glück servierten die Frankfurter in einer Ecke kostenlose Kartoffelsuppe. Danach war ich gestärkt für eine Kaffeepause mit Crêpe. Wenn ich so in mich hineinhorchte, hatte ich gar nicht viel Lust, mir lauter Bücher anzusehen. Meine Seele musste erstmal hinterherkommen.

Ein bisschen sehnte ich mich nach Møn zurück, meinem Insel-Refugium, wo gerade jetzt der Frühling ausbricht, Vogelgezwitscher über den Feldern, in Licht gebadete Strände und all das. Ich dachte an die lange Fahrt vom Vortag, über vier Inseln und die Ostsee. Ich dachte an Vincent, einen jungen Portugiesen, den ich vom Fährhafen Gedser bis kurz vor Berlin mitgenommen hatte. Er reist mit Rucksack und Didgeridoo um die Welt, ohne großen Plan, so wie es ihm gerade kommt. Den Winter über hat er auf einem Biobauernhof auf Lolland mitgeholfen, nun will er weiter nach Sibirien, auf der Suche nach spiritueller Erkenntnis. Zur Finanzierung schwebt ihm vor, diesen Abschnitt zu verfilmen. Am Ende der Reise will er irgendwo eine nachhaltig wirtschaftende Öko-Kommune aufbauen. Wir hatten uns viel zu sagen. Allein dafür hat es sich gelohnt, aus dem Refugium herauszukommen.

Aufraffen und rein ins Getümmel! Ich hörte mir ein Podiumsgespräch an, Social Media Marketing für Selfpublisher. Eigentlich habe ich gar keine Lust auf Reklame, vor allem nicht, bevor ich überhaupt meinen Roman fertig habe, aber die anwesenden Erfolgsautoren wirkten sehr überzeugend und sagten, man könne gar nicht früh genug damit anfangen.  Da fällt mir ein – eine Kurzgeschichte von mir kann man ab jetzt käuflich erwerben, eine ziemlich gute sogar, in der Sammlung „Mütter“, vielleicht zum Muttertag? Es ist nicht zu früh, dafür ein gutes Geschenk zu finden.

Ich nahm ein paar gute Ideen mit und stellte fest: Ich brauche mehr Identifikationsfiguren. Also weiter zur Fantasy-Leseinsel und Händeschütteln mit meiner Herausgeberin. Jawoll, ich habe eine Herausgeberin!

Anja Bagus schreibt Steampunk-Fantasy, die in ihrer selbst erfundenen, wirklich fantastischen und philosophisch sehr interessanten Ætherwelt spielt. Sie ist sozusagen die Mutter der „Mütter“, einer ziemlich coolen Anthologie, die man seit Neuestem kaufen kann, direkt im Verlags-Shop, versandkostenfrei, auch über den Muttertag hinaus.

Anja Bagus Leipziger Buchmesse Fantasy-Lesung

Anja Bagus liest aus „Rheingold“

Ganz in der Nähe beim gleichen Verlagsshop gibt es auch mehrere von Anjas Ætherwelt-Romanen. Sie las dann aus ihrem neuesten Roman „Rheingold“, zwei faszinierende Textpassagen und sehr aussdrucksstark vorgetragen, wieder ein gutes Vorbild. So langsam ordnete ich mich ein in diesem Kosmos.

Mit neuer Energie schlenderte ich weiter, nahm nicht nur einen Burrito, sondern auch ein paar Bücher in die Hand (nicht gleichzeitig), wechselte hier und da ein paar Worte, kam in Entdeckerstimmung und passierte schließlich den Waffencheck zur Manga-Comic-Con. Erst hatte ich da gar nicht hingewollt, aber die Mädels in Plüschschlappen überzeugten mich (und der Typ im Spitzenkorsett erst!). Bilder sind wichtiger als Buchstaben, das weiß ich noch aus meiner Redaktionsarbeit, und auch der gepflegteste geisteswissenschaftliche Stand kann einpacken, wenn eine Gruppe geflügelter Wesen mit wippenden Fühlern vorbeischreitet. Neuer Plan: Nächstes Jahr komme ich im Insektenkostüm zur Messe! Hätte ich schon dieses Jahr tun sollen, passend zu meiner Kurzgeschichte „Die Stars der Krabbelgruppe“, die ist nämlich voller bizarrer Insekten.

Ein bisschen Verkleidung hatte ich immerhin dabei, und die trug ich dann am nächsten Tag zur Release Party „meines“ Buches. Fürs Insekten-Nähen hatte es nicht mehr gereicht, aber ich hatte mir eine Kette in Buchcover-Optik gebastelt, helle Herzen und rote Rosen auf schwarzem Grund, und fühlte mich gut gestählt für die Lesung im „Dark Flower“ in der Leipziger Innenstadt.

Es war ein tolles Event: Autoren zum Anfassen, Geschichten mit Herzblut – bei manchen troff es nur so aus den Zeilen. Ich erlebte, was eine Einleitung im Plauderton bringt (Axel Hildebrand, Tatort-Drehbuchautor), wie gut ein schauriges Gitarrenstück zwischendurch tut (Luci van Org, einfach genial) und wie herzlich auch „Erstleser“ willkommen geheißen wurden. Natürlich war ich zu schüchtern spät dran bescheiden gewesen, um mich selbst für einen Auftritt anzumelden, also genoss ich meine relative Anonymität unter 400 ca. 40 Anwesenden und sammelte anderer Leute Autogramme. Mit einem Rucksack voller Bücher verließ ich die Veranstaltung, im Kopf die magischen Worten meines Verlegers: „Wär schön, wenn du beim nächsten Band wieder dabei wärst.“

Leipzig 2017! Ich schreibe, ich komme – und ich lese.
Im Insektenkostüm.
In meinem Kosmos.

Labyrinth des Lebens

Mögt ihr Labyrinthe?
Ich habe Labyrinthe schon als Kind geliebt.

Dabei habe ich null Orientierungssinn und noch weniger Ortsgedächtnis. Das fiel mir zum ersten Mal auf, als ich in der vierten Klasse einen Aufsatz über meinen Schulweg schreiben sollte und vor meinem inneren Auge nichts als Nebel erschien. Wo fuhr der Bus jeden Morgen lang? Keine Ahnung, ich habe Orts-Legasthenie! Manche finden Orte, an denen sie noch nie waren; ich habe auch nach Jahren der Sesshaftigkeit immer einen Stadtplan/eine Landkarte in der Tasche. Møn macht es mir leicht: Auf einer mittelgroßen Insel kann man nur ein paar Kilometer verkehrt fahren, bis man ins Meer fällt.

Labyrinthe betrachte ich also am allerliebsten aus sicherer Entfernung. Oder eine Zeichnung davon. Labyrinthe aus liegenden Steinen oder kniehohen Pflanzen gehen auch. Ich schummel auch nur ganz manchmal und gehe querbeet.

Manchmal hilft aber alles nichts, denn Labyrinthe können auch mitten im Leben auftauchen. Unvermittelt, vielleicht unüberwindbar. Dann muss es der Nahkampf sein.

So wie letzte Woche, als meine Freundin und Mitstreiterin Demetria Cornfield zu Besuch war. Dank trüben Februarwetters hatten wir keine Schwierigkeiten, uns viele Stunden in das Schreiben von Gruselgeschichten zu versenken. Aber am Sonntagnachmittag war Spazierengehen angesagt.

Unser Plan:
Beim Schloss Liselund die Treppe zum Strand runter, dann nach Süden die Kreidefelsen entlangwandern bis zur Treppe bei Jydelejet, dort rauf und oben an der Steilküste durch den Wald zurück. Kein Problem. Kann sogar ich ohne Karte finden.

Das Ergebnis:
Zwei Stunden durch herabgestürzte Bäume klettern, über tosenden Wellen hängen, sich jeden Meter erkämpfen und schließlich doch an Schlammlawinen scheitern. Tüfteln, ausprobieren, eigene Grenzen überwinden, neue Richtungen einschlagen. Geradeaus über den glitschigen Stamm oder rechts durch das rutschige Geröll? Unter den Zweigen durchkrabbeln oder sich oben hindurchhangeln? Trotz beginnenden Muskelkaters kamen wir keine zweihundert Meter weit. Mit nassen Schuhen und blauen Flecken saßen wir irgendwann wieder im Auto.

Wir fanden, es war der beste Tag seit Langem 🙂

Der Weg ist das Ziel – je verschlungener, desto schöner!

Als ich 2013 nach Møn kam, dachte ich, ich hätte einen klaren Plan. Ein Jahr Auszeit, den besten Roman aller Zeiten schreiben, dann von den Millionen leben. Bei Misserfolg: Zurück in den alten Beruf. 1 oder 0. Sehr straight. Und völliger Quatsch.

Dass der Roman ein Eigenleben entwickelte und sich nicht so geradeaus schreiben ließ, habe ich ja schon mal erzählt. Und selbst wenn ich ihn nach einem Jahr hätte veröffentlichen können, was dann? Bei Erfolg hätten die Leser mehr gewollt – doch in jenem ersten Jahr hatte ich null Ideen, worüber ich sonst schreiben könnte. Und ich hatte auch keine Ideen, wo ich in meinem alten Beruf wieder anknüpfen sollte oder was ich mit meinem Leben noch wollte.

Es kam ja auch anders. Statt eines fertigen Romans habe ich jetzt einen halbfertigen. Dazu aber eine Handvoll fertige Kurzgeschichten, Dutzende Ideen für weitere, Ideen für mehrere weitere Bände zum Roman, Ideen für einen ganz anderen Roman, einen Blog und Kontakte zu verschiedenen anderen Schriftstellerinnen am Anfang ihrer Autorenkarriere.

Material für viele Jahre, und es wächst organisch. In ein paar Wochen erscheint meine erste Kurzgeschichte in einer Anthologie, im Lauf des Jahres vielleicht die nächste: Vor Kurzem habe ich erfahren, dass ich bei der Storyolympiade, einem Literaturwettbewerb für Nachwuchsschriftsteller, eine Runde weitergekommen bin. Das Thema war „Labyrinthe“ 🙂

Da ich auch für Fantasytexte gern recherchiere, machte ich letzten Herbst einen Ausflug auf die Nachbarinsel Seeland. Dort liegt der Kalvehave Labyrintpark, den zwei Chor-Mitsänger von mir vor zehn Jahren auf der grünen Wiese angelegt haben. Im Dienste der Literatur traute ich mich ins große Efeulabyrinth, nicht zum ersten Mal, und fand mal wieder den Weg ins Zentrum nicht. Nach über einer Stunde hatte ich aber immerhin alle Stationen der labyrinthinternen Schnitzeljagd entdeckt, ein kaum erhoffter Triumph. Ich brannte darauf, mir am Eingang meine Urkunde abzuholen … und fand nicht mehr aus dem Labyrinth hinaus. Ich stand vor der äußersten Hecke, es dämmerte, und irgendwann gab ich den letzten Anschein von Würde auf und robbte unter dem Zaun durch. Zum Glück sind es keine Buchsbaumhecken, sondern Bretter, an denen Efeu hochrankt, Lücke bis zum Boden etwa 30 cm …

Die Hauptfigur in der Kurzgeschichte, die kurz darauf für die Storyolympiade entstand, scheitert zur Strafe noch übler, bevor sie ihr Ziel erreicht 😉

Meine Schreiberei ist bunter und vielfältiger geworden, seit ich den geraden Pfad verlassen habe und den Irrungen und Wirrungen meiner Fantasie folge. Und auch mein „echtes Leben“ verzweigt sich auf überraschende Weisen. Da keine Bestseller-Millionen in Sicht sind, bin ich seit einigen Monaten wieder auf Kundensuche als freie Texterin, Redakteurin, Übersetzerin … das war zumindest der Plan.

De facto habe ich noch nicht zielstrebig gesucht, sondern z. B. als Rezeptionistin gejobbt und entdeckt, dass es mir Spaß macht, auch mal den Schreibtisch zu verlassen. Und nun haben mich meine Mitsänger, die Labyrinthbesitzer, gefragt, ob ich im Sommer im Labyrinthpark mitarbeiten will! 80 Prozent deutsche Gäste in der Vorsaison freuen sich über eine mehrsprachige Begrüßung. Vielleicht mögt ihr auch mal durch die Efeuhecken tauchen? Die haben da auch Leute mit Orientierungssinn, die verloren gegangene Besucher wieder rausholen 😉

Darüber hinaus sind in den letzten Wochen zwei neue Kunden mit interessanten Schreibjobs aufgetaucht, auf die ich nicht hingearbeitet habe und über die ich mich sehr freue!

Also – rein ins Labyrinth des Lebens, auch wenn man keinen Plan hat. Geht es nicht viel mehr um die kleinen Entdeckungen auf dem Weg? Die immer neue Vorfreude, wenn man einen unerwarteten Durchgang auftut? Die Bereitschaft, jede Wendung als Bereicherung wahrzunehmen? Auch wenn sie durch eine Senke führt oder zurück zum Ausgangspunkt, diesmal vielleicht mit neuer Perspektive?

Ist euer Lebens-Labyrinth auch so gewunden?

Update: Meine Labyrinth-Geschichte zählt zu den Siegern der Storyolympiade. Mehr dazu in diesem Beitrag 🙂

Meine erste Geschichte erscheint!

Vor einer Woche habe ich auf diesem Blog geschrieben, dass sich zurzeit ständig insektenartige Aliens in meine Kurzgeschichten hereinwanzen. Egal, ob das Thema des Literaturwettbewerbs „Parasitengeflüster“ lautet oder „Mütter“ oder „Phantastische Sportler“: Meinen Hauptpersonen wachsen immer Fühler und Mundwerkzeuge und sechs bis acht Beine.

Mütter Anthologie Hg Anja Bagus Edition Roter Drache 2016Ab 18. März könnt ihr nun eine dieser Kurzgeschichten lesen!
Wenn ihr dieses schöne Buch kauft:

Mütter
Eine überraschende Anthologie
Hg. Anja Bagus
Edition Roter Drache
zu bestellen z. B. hier im Verlags-Shop
für schlappe 12,95 €
ISBN 978-3-946425-04-5

Ein Buch mit 31 sehr unterschiedlichen Geschichten, von bekannteren und unbekannteren Autoren. Eine davon ist von meiner Wenigkeit und heißt „Die Stars der Krabbelgruppe“.

Meine erste Phantastik-Veröffentlichung in einem Verlag 🙂

Die Sammlung erscheint pünktlich zur Leipziger Buchmesse, gerade habe ich das PDF zur Freigabe bekommen. Ich habe letztes Jahr bei einer Reihe Ausschreibungen für Anthologien mitgemacht, und das hier ist nicht nur meine erste Zusage, sondern auch die schnellste Bearbeitungszeit, die ich bisher erlebt habe.

Die Entstehungszeit für meine Kurzgeschichte reicht allerdings einige Jahre zurück. Genaugenommen bis in meine Kindheit, in der ich mit angenehmem Schauer den „BLV Naturführer Insekten“ studierte und Anregungen sammelte, die zu der Ideen-Invasion führten, von der ich letzte Woche schrieb.

Was bitte haben Insekten mit dem Thema „Mütter“ zu tun?

Ich finde da viele Berührungspunkte. Selbst habe ich zwar keine Kinder, aber fünf wunderbare Nichten und Neffen, mit denen ich in den letzten Jahren viele Wochen verbringen durfte. Wochen voll kostbarer Momente, die ich nie vergessen werde. Zum Beispiel dieses Gespräch:

Meine süße kleine Nichte erzählt von ihrem Tag im Kindergarten.

Süße kleine Nichte (beiläufig): Ich hab eine Schnecke geesst. Das war ganz schön glibberig.
Tante Carmen (entsetzt): Wie, du hast eine Schnecke gegessen?!
Süße kleine Nichte (laut): DAS SOLL MAN NICHT!!!
(nachdenklich): Dann hab ich Sand geesst. Das war nicht glibberig.

Dieses Bild ist in mir gereift und in anderer Form in den Anfang der Geschichte eingeflossen.

Meine Babysitterdienste haben mich auch dazu gebracht, ausführlich über ein schönes Wort nachzudenken:
Krabbelgruppe.
Krabbelige Kinder und krabbelige … Insekten.

Es juckte mich in den Fingern, und nachdem ich einige Tage mit drei süßen Nichten und Neffen von null bis drei Jahren verbracht hatte, schrieb ich die erste Version einer Kurzgeschichte über eine Krabbelgruppe, in der Menschenkinder und Mini-Insekten friedlich zusammen erzogen werden.

Mini-Insekten, weil sie jung sind, natürlich. Und höchstens einen Meter groß, im Gegensatz zu ihren 1,80 großen Müttern.

Das war 2010. Die Geschichte ruhte dann einige Jahre, bis ich im Herbst 2015 von der Ausschreibung erfuhr. Leider passte mein Entwurf nicht ganz zum Thema, ich musste also umarbeiten. Dies tat ich auch pünktlich zwei Tage vor Ablauf der Verlängerungsfrist, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion, wie sie für mein kreatives, chaotisches, insektengeplagtes Alter Ego leider typisch sind.

Menschenkinder und Mini-Insekten, die friedlich zusammen erzogen werden.
Spoiler Alert: Es läuft nicht so friedlich, wie es den Anschein hat.

Aber lest selbst – ab 18. März in der Anthologie „Mütter“ 🙂

 

Update, 10.08.16:
Gerade habe ich die Bestätigung bekommen: Meine Geschichte ist „abgefahren“. Mehr dazu in dieser Rezension von Scratchcat vom UnArtMagazin.