22 Winter-Visionen

Es ist heiß hier in Dänemark. Der Mai war der wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, und der Juni geht genauso weiter. Wir schwitzen bei um die 30 Grad, seit Wochen hat es kaum geregnet. Ich wollte heute eigentlich Unkraut jäten, auf unserer südlichen Terrasse, doch in der Sonne halte ich es nicht aus. Es wird wohl auch von selbst verdorren.

Zur Erfrischung für mich – und für alle anderen im Nordteil Mitteleuropas, die es langsam zu heiß finden – poste ich ganz antizyklisch ein paar Winterbilder. Denn noch vor zehn Wochen war Dänemark von Schnee bedeckt, Ostersonntag habe ich erstmal zwei Stunden den Innenhof freigeschaufelt. Damals wuchsen uns die Verwehungen über den Kopf, jetzt finde ich die weiße Pracht wunderschön 🙂

Liebe Grüße von der Insel und ein gutes Wochenende euch allen, Carmen Wedeland

P. S. Hier habe ich auch andere Jahreszeiten abgelichtet:
Nur schnell ein paar Fotos
Die Schönheit des Augenblicks
Noch mehr Momentaufnahmen aus Møn
Hundert bunte Inselbilder
99 Naturaufnahmen
75 Frühsommerfotos
93 Dänemark-Bilder

Mondschein-Wandern an Møns Klint

Manchmal muss man den Alltag hinter sich lassen. Den Augenblick genießen, im Hier und Jetzt. Denn To-Do-Listen verblassen, doch magische Momente bleiben in Erinnerung.

Darum war ich neulich mit einer Freundin zusammen wandern. Nachts.

Eigentlich war ich völlig übermüdet. Eigentlich hatte ich tausend andere Dinge zu tun. Und doch war es der perfekte Zeitpunkt. Ein lauer Abend im Mai, ein Sonnenuntergang und eine Vollmondnacht.

Es duftete nach Flieder, als wir gegen neun Uhr abends das Haus verließen. Jetzt in den Weißen Nächten wird es in Dänemark nicht richtig dunkel, doch etwas schummerig war es schon, als wir den Buchenwald jenseits des Dorfes betraten. Eine halbe Stunde schlängelte sich der Pfad bergan, dann öffnete sich plötzlich die Landschaft. Wir waren auf dem Kongsbjerg, dem „Königsberg“ von Møn, mit 139 Metern über dem Meeresspiegel bietet er einen fantastischen Ausblick. Die Sonne versank im Westen, davor lagen die Hügel in graugrünen Schichten, das Meer füllte den Horizont.  In der Ferne leuchteten Schiffe, und vor unseren Füßen blühte wilde Akelei. In den Büschen schlug die Nachtigall, als wir die Hügel hinabstiegen.

Gegen halb elf waren wir wieder zu Hause – und starteten gleich zum zweiten Teil: Nach dem Sonnenuntergang wollten wir den Vollmond würdigen. Und wo anders ist der Mond schöner als über dem Meer? Wir wanderten wieder eine halbe Stunde, diesmal auf Landstraße und Feldweg Richtung Radarturm. Dort, am Rand der Kreidefelsen, überraschte uns ein starkes Licht. Wir spekulierten über Außerirdische, doch es war ein Forscher, der Nachtfalter anlockte und in sein Notizbuch schrieb. Wir rissen uns von dem blendenden Licht los und tasteten uns bei Mondschein und Blätterschatten die Treppe zum Strand hinab.

Meeresrauschen, Schiffsgeblinke, eine Landschaft in Schwarz und Weiß. Jeder Feuerstein vor unseren Füßen war in klaren Konturen gezeichnet. Wie Pappmachee ragten die Felsen in den Himmel, seltsam zweidimensional in dem fahlen Licht. Und über dem Wasser hing der Mond, die Wellen zogen silberne Kreise.

Eine der größten Attraktionen Dänemarks – die Kreidefelsen von Møns Klint – in den Sommerferien gut besucht, bei Tag tausendfach fotografiert. Doch in diesem magischen Augenblick waren wir ganz allein. Meine Kamera kann diesem Erlebnis nicht gerecht werden, genauso wenig wie Worte. Ihr müsst es eigentlich selbst erfahren.

Wir wanderten zwischen Brandung und Felsen. Seltsam schwankend, denn Entfernungen waren im Mondlicht schwer abzuschätzen: Der Boden wirkte unebener, als er war. Oder waren wir doch zu müde? Ich denke nicht, das Erlebnis hatte uns wach gemacht. Wir bewunderten die Verwirbelungen der Felsen, bis diese schließlich in sanftere Hänge übergingen. Ein schmaler Pfad führte durch dichtes Gebüsch, dann waren wir wieder oben an der Steilküste … wo uns ein neues Schauspiel in den Bann zog.

Der kleine Leuchtturm, Møns Fyr, kaum höher als die umliegenden Bäume, doch sein Innenleben hat einen weiten Wirkungskreis. In der Kuppe dreht sich ein orangefarbener Diamant, seine Strahlen tasten die Felder ab, fahren über das Meer hinaus und lassen das Laub der Bäume in Flammen aufgehen. Wie die Nachtfalter des Insektenforschers wurden wir von dem Licht angezogen, gerade noch kriegten wir die Kurve und fanden wieder zur Straße zurück. Im Licht von Mond und Sternen wanderten wir nach Hause, besungen von einer Nachtigall und gebadet in Rapsduft.

Eigentlich hatte ich tausend andere Dinge zu tun. Eigentlich war ich völlig übermüdet gewesen. Doch ich schlief tief und wachte glücklich auf.  Und die magischen Momente bleiben in Erinnerung.

Meine erste Nachtwanderung auf Møn, im Mai 2014. Noch immer eine Lieblingserinnerung 🙂

Meervideos aus Møn

Wind, Wellen und Wasser, so weit das Auge reicht.
Sanfte Sonnenuntergänge. Brausende Brandung.
Der Vollmond über dem schwarzen Meer.

Nach einem langen Arbeitstag mag ich nichts mehr lesen. Erst recht nicht etwas schreiben. Aber ich habe es in den letzten Monaten doch immer wieder ans Wasser geschafft. Und habe immer wieder das Meer gefilmt.

Vielleicht mögt ihr euch auch durch ein paar Wellen-Videos klicken. Die meisten sind von der Insel Møn, eines von der Nachbarinsel Seeland. Zwei sind von 2016, da waren die Kreidefelsen so spannend am Abbröckeln. Und das letzte ist senkrecht, weil ich gerade keinen Nerv habe, die Undreh-Funktion zu finden. Passt auf, dass euch das Wasser nicht aus dem Bildschirm läuft 😉

Liebe Grüße aus Dänemark!
Carmen Wedeland

 

 

Vom Flohmarktfund zur feinen Tasche: Nähprojekt für Upcycling-Fans

Diese Tasche mit nordischem Touch macht sich gerade auf den Weg zu meiner Freundin Sabine.

Sabine liebt Flohmärkte. Sie war Anfang April bei mir zu Besuch und wir durchstreiften wieder mal ihre Lieblings-Trödelläden hier auf der Insel Møn. Zwischen jeder Menge Gläser und Töpfe, Besteck und Textilien fand Sabine eine alte Stickerei.

Ob ich ihr daraus eine Tasche nähen könne?

Klar, sagte ich, Nähen macht Spaß, die Tasche kannst du am Ende deines Urlaubs mit nach Hause nehmen.

Es hat dann doch zwei Wochen länger gedauert, denn mich packte das Nähfieber und ich wollte die Tasche möglichst gut gestalten. Über 20 Stunden Arbeit dürften drinstecken. Aber Spaß hat es wirklich gemacht!

Sabine wünschte sich eine Tasche in der ganzen Größe der Stickerei, etwa 70 x 40 cm. Ein farblich passender Stoffrest ergab die Rückseite, ich verpasste ihm noch eine kleine Reißverschlusstasche. Beide Teile verstärkte ich mit Bügelvlies, damit sie etwas mehr Stand hatten, und versäuberte sie mit Zickzackstich, damit sie nicht ausfransten. Ein orangefarbener Stoffrest wurde zu Paspelband, mit dem ich beide Teile einfasste.

Die Seitenteile machte ich aus den Beinen einer kaputten Jeans.  Auch den Reißverschluss konnte ich auf der Oberseite mit Jeansstreifen einfassen, Gesäßtaschen und Gürtelschlaufen bekamen ebenfalls neue Aufgaben. Nur die Innentasche und die Tragegurte nähte ich aus einem Neukauf: beschichteter Stoff vom Baumarkt, abwischbar und wasserdicht.

Das Grunddesign, das Sabine und ich uns ausgedacht hatten, war einfach, doch manche Details erwiesen sich als kniffelig. Zum Beispiel durch mehrere Lagen Stoff zu nähen, darunter Jeans und beschichtete Baumwolle. Manchmal musste ich die Nadel mit dem Handrad führen, Stecknadeln wurden durch Clips ersetzt. Das lag natürlich auch daran, dass ich diverse Innentaschen einbaute und alles möglichst haltbar verarbeitete. So wurden es unendlich viele Arbeitsschritte viele Abende voller Nähspaß.

Für die kniffligen Fragen griff ich auf zwei sehr gute Bücher zurück:

„Nähen – das Standardwerk“ vom Kreativverlag TOPP mit einer Fülle von Techniken zum Nachschlagen, und „Taschenlieblinge selber nähen“ vom Nähblog pattydoo, mit schönen Ideen und Links zu hilfreichen Online-Videos. (Achtung, das war jetzt Werbung. Unbezahlt und unabgesprochen. Ich kann beide Bücher einfach nur empfehlen!)

Leider habe ich vergessen, das Innenleben zu fotografieren, bevor ich die Tasche abschickte. Doch die Außenseite bekam ein Fotoshooting am Strand von Ulvshale, ein paar Kilometer nördlich von dem Laden, wo Sabine die Stickerei fand:

Ich glaube, trotz Wind und Wellen kann ich Stimmen hören. Es sind die Fischer auf der Tasche. Sie rufen: „Kauf mehr Stickereien! Nähe mehr Taschen!“

Seid ihr auch schon im Upcycling-Fieber? 🙂

P. S. Der Trödelladen mit den schönen Sachen liegt auf der dänischen Insel Møn, in der Udbygade 40, Stege, zwischen dem Insel-Hauptort und dem Strand von Ulvshale.  Auch sonst gibt es hier jede Menge Flohmärkte, Secondhand-Läden und Scheunen voller spannender Sachen. Man kann ja nicht immer nur am Strand sein!

Pausenbild

Eigentlich hatte ich dieser Tage so viel vor.
Schreiben. Was schaffen. Weichen stellen.
Ich glaube, ich lasse es alles bleiben.
Nur noch schauen. Staunen. Und Schnee schaufeln 🙂

(Aussicht auf die Ostsee von der Pension Bakkegaard Gæstgiveri Møns Klint auf der Insel Møn, 27. und 28. Februar 2018. Starker Ostwind, jede Menge Schnee und noch mehr Schneeverwehungen!)

P. S. Wer mehr Schneebilder sehen will – bitteschön:
22 Winter-Visionen

93 Dänemark-Bilder

… damit schließe ich ein weiteres schönes Jahr in meiner Wahlheimat ab. Neben meiner Lieblingsinsel Møn gibt es wieder Aufnahmen von der Nachbarinsel Seeland/Sjælland, insbesondere Lejre und Kopenhagen, und von einer Stippvisite auf dem Festland in Kolding.

Vorweihnachtliche Grüße und alles Gute für 2018!

P. S. Inzwischen habe ich wirklich viele Fotosammlungen veröffentlicht:
Nur schnell ein paar Fotos
Die Schönheit des Augenblicks
Noch mehr Momentaufnahmen aus Møn
Hundert bunte Inselbilder
99 Naturaufnahmen
75 Frühsommerfotos
22 Winter-Visionen

Aus Scherben etwas Schönes bauen

Ein Mädchen sitzt auf einem Haufen Glasstücke. Die Scherben schneiden in ihre Haut. Sie weiß nicht, warum sie hier ist. Sie weiß nicht, was das für Scherben sind. Sie ist halb taub, denn gerade hat es geknallt. Sie sieht nach oben. Der Himmel tobt. Das Gewölbe, das sie schützte, ist weg. Stümpfe von Säulen ragen in die Nacht.

Wer ist dieses Mädchen? Was ist passiert? Wird sie sich retten können?

Diese Frage hat mich beschäftigt, seit ihr Bild im Frühjahr 2013 in meinem Inneren auftauchte. Ich kannte das Mädchen nicht. Aber ihr Leiden ließ mir keine Ruhe. Ihre Welt war zusammengebrochen. Die Scherben taten mir weh. Ich spürte das Ende einer aufwühlenden Geschichte. Oder war es vielleicht ein Anfang?

Es ließ mir keine Ruhe. Seit meiner Jugend hatte ich Geschichten schreiben wollen. Doch nie war mir etwas eingefallen, das mich lange genug faszinierte. Das Scherbenmädchen faszinierte mich, monatelang. Ich spürte in mich und fand weitere Bilder. Szenen, die ich nicht verstand und die scheinbar nicht zusammenhingen. Doch ich wusste, ich musste mich ihnen stellen. Ich schrieb sie auf, ich ordnete sie und versuchte sie zu verbinden. Eine Insel entstand, Fossilien, Figuren, sie bauten leuchtende Gebilde aus Glas und hüteten dunkle Geheimnisse. Der Schauplatz eines Romans, der Ausgangspunkt einer Handlung.

Im August 2013 suchte ich den Ort, wo diese Handlung stattfinden könnte. Ich kam auf die Insel Møn, angezogen von den Kreidefelsen und ihren Fossilien. Ich fand den perfekten Ort zum Schreiben. Seitdem wohne ich hier.

Die Natur draußen half mir, meinen Schauplatz weiter auszubauen. Drinnen im Haus untersuchte ich Glas. Lampen und Spiegel, Splitter und runde Stücke, die das Meer weichgeschliffen hatte. Ich las viel über Glas. Es kann trüb sein oder klar, es kann Einblicke ermöglichen und Wahrheit verzerren. Es ist hart und doch nicht fest, man kann aus Glasplatten Häuser bauen oder mit Mosaikteilchen Schmuckstücke gestalten. Ich schrieb Gedichte über Glas als Metapher für das menschliche Dasein.

Inzwischen wusste ich: Das Mädchen war ich selbst. Und der Scherbenhaufen war mein Leben.

Im Oktober 2012, heute vor fünf Jahren, starb mein Vater. Er war von einer Leiter gefallen. Das Firmament, unter dem ich gelebt hatte, brach zusammen. Drei Monate später starb meine Mutter, und wohin ich mich in meinem Leben drehte, ich griff in schmerzende Scherben. Nach und nach hob ich sie hoch, betrachtete die Bruchstücke meines Lebens und fragte mich, ob ich je wieder aufstehen und weitermachen konnte.

Doch dann kamen die Bilder: das Scherbenmädchen und weitere Szenen. Sie wollten in Worte gefasst werden. Ich reiste nach Møn, um zu schreiben. Die Kreidefelsen erinnerten mich daran, dass es Größeres gibt als unser kleines Leben. Die Leuchttürme und der Sternenhimmel malten eine Landkarte für meinen Roman. Und dann fand ich eine Künstlerin, die mir erklärte, wie sie mit Glas arbeitet.

Mette Folmer füllt Glasplatten mit Fischgräten, Metallen und Kreidekrümeln oder verbindet fließendes Glas mit Stein und Draht. Ihre Werkstatt auf dem Tranemarkegård liegt im Osten der Insel Møn.

„Glas hat seine eigene Seele“, sagte sie. „Man muss demütig an die Arbeit herangehen, offen bleiben für Veränderungen, nichts erzwingen wollen. Wenn ich mich beeilen will, schneide ich mich oder das Glas zerbricht. Aber wenn ich mich darauf einlasse, entstehen die schönsten Dinge. Ich freue mich jedes Mal darauf, den Ofen zu öffnen. Jede Luftblase ist ein Geschenk. Manchmal denke ich auch, dass etwas komplett danebengegangen ist. Aber dann kommt ein anderer und findet genau dieses Stück am schönsten.“

In ihrer Werkstatt durfte ich selbst ein Bild aus Glasstückchen machen. Auf einer farblosen Platte sollte ich Scherben anordnen, nach dem Brennen konnte ich mein Bild mit nach Hause nehmen. Ich hatte großen Respekt vor den vielen scharfkantigen Stücken. Zuerst sortierte ich nur Farben und Formen, fand keinen richtigen Plan. Dann entdeckte ich eine Engelfigur. Sie setzte ich an die Spitze meines Bildes, auf sie hin richteten sich alle Teile von selber aus. Allmählich entstand eine Landschaft, die Kreidefelsen von Møn mit zwei Krebsen im Wasser. Zum Schluss verschwand der Engel und machte einer Sonne Platz. Er hatte geholfen, meine Welt zu ordnen, nun wurde er nicht mehr gebraucht.

Das Glasbild liegt noch heute in meiner Schreibwerkstatt, direkt unter den Wandtafeln mit meiner Romanskizze. Mehrere Male habe ich den Plot schon umgebaut, Figuren erschaffen und wieder gestrichen, die Teile hin- und hergeschoben. Allzuviele Ideen haben die Sicht auf das Ganze getrübt. Nun will ich mein Schreiben wieder mehr auf den Ursprung ausrichten. Das Mädchen mit den Scherben, ihre Geschichte und die Frage: Wie kann man aus Scherben etwas Schönes bauen?

Ab nächster Woche schreibe ich den Roman neu. Dann ist National Novel Writing Month. Ich habe ein Ziel und ich freue mich darauf.

Ich möchte, dass der Scherbenhaufen nicht ein Ende, sondern ein Anfang ist.

Liebe Grüße von der Insel, Carmen Wedeland

Weine nicht um Glas, das zerbrochen,
– spricht Weltabor, der Weise.
Wer weint, sieht nicht klar.
Wirf die Scherben ins Meer!
Das weiche Wasser wird sie dir schleifen,
und jedes spitze, schneidende Stück
formt es zu rundem, rieselndem Sand.
Schmeichelnd umfließt er deine Hand,
und schmilzt du ihn ein, erhältst du zurück
das Glas, das zerbrochen war.

(Bruchstück aus einer frühen Romanversion)