Wo dir Vögel und Grashüpfer guten Morgen sagen

Ein stiller Tag auf meiner Insel. Vom Waldrand spazieren zwei Fasanen heran. Ich atme die frische Luft: Hier ist die Welt noch in Ordnung! Die Fasanen scheren auseinander, laufen im Formationstanz durch das Feld. Dann nehmen sie die Köpfe tiefer und gehen zum Hahnenkampf über.

Die Natur kommt einem hier wunderbar nah. Und es geht nicht immer so friedlich zu wie mit der Taube, die letzten Sommer unsere Pension besuchte. Bertil tauften wir sie. Bertil stand im Innenhof herum, hüpfte im letzten Augenblick aus dem Weg, wenn Gäste ihre Koffer heranrollten, und übernachtete aufgeplustert auf dem Stein vor der Eingangstür. Eines Morgens spazierte er durch die offene Küchentür und folgte dem Koch in den Speiseraum. Er wurde dann wieder hinausgebeten.

Bertil, in Betrachtungen versunken

Ich entdeckte den Ring an Bertils Beinen und rief die Telefonnummer an, die darauf stand. So erfuhr ich, dass Bertil mehrere hundert Kilometer geflogen war. Der Vorbesitzer meinte, er sei erschöpft und desorientiert. So gab ich Bertil Wasser und Linsen und er begann, nicht dem Koch, sondern mir hinterherzuspazieren. Schließlich flog er weiter, vielleicht auf dem Weg zum Nordpol.

Dieses Jahr hat sich keine Taube hier niedergelassen. Doch irgendwo im Äther muss es eine Seite mit Hotelbewertungen geben, die unseren Hof für fliegende Viecher aller Art empfiehlt. Denn nun habe ich oft Gesellschaft von einem Grashüpfer. Vielleicht ist es auch eine Grille, aber zum Glück zirpt sie nicht. Dafür raschelt das Viech ganz schön, wenn es nachts versucht, durch den Türspalt zu kommen. Ich glaube, ich nenne es Grugru. So langsam haben wir eine Beziehung aufgebaut, sie verläuft nach festen Mustern. Ich scheuche Grugru in den Innenhof, am nächsten Morgen sitzt er wieder vor der Tür. Ich trage ihn in den Garten, am nächsten Tag sitzt er in der hintersten Zimmerecke. Ich trage ihn über die Straße zu den Nachbarn, die freuen sich sicher über Besuch.  Am nächsten Morgen, ich will gerade frühstücken, sitzt Grugru auf dem Fensterbrett und sieht mir zu.

 

Nun habe ich Grugru ins Treibhaus getragen, vielleicht mag er da seinen eigenen Hausstand gründen.

Ich glaube, ich gehe Grugru bald besuchen. Irgendwie ist es mir ohne Viecher zu einsam im Zimmer.

Dänisch lernen – wie geht das?

Nun wohne ich bald fünf Jahre in Dänemark. Im Sommer treffe ich hier viele deutsche Touristen. Manche machen seit Jahren in Dänemark Urlaub, einige träumen davon, hierher auszuwandern. Wenn sie merken, dass ich fließend Dänisch spreche, kommt häufig die Frage:

Wie hast du eigentlich Dänisch gelernt?

Ich konnte schon leidlich Dänisch, bevor ich hierherzog. Die Grundlagen lernte ich mit 18 Jahren bei einem Abendkurs an einer dänischen Schule in Südschleswig. Das ist die Gegend kurz vor der dänischen Grenze, wo ich aufgewachsen bin. Sie gehörte früher einmal zu Dänemark und noch heute lebt hier eine dänische Minderheit, die ihre eigenen Schulen betreibt. Leider gehöre ich nicht zu den Glücklichen, die zweisprachig aufgewachsen sind. Also fuhr ich einmal die Woche zum Unterricht; ich kann mich nicht mehr erinnern, ob der Kurs über ein halbes oder ganzes Jahr ging. In dieser Zeit lernten wir genug Dänisch, um uns in Alltagssituationen durchzuschlagen, und das konnte ich bei Ausflügen ins Nachbarland natürlich sofort umsetzen.

Das nächste Jahr las ich dänische Comics. Asterix, Tim und Struppi und andere Serien, die ich in der kleinen Schulbibliothek auslieh. Auch ein paar richtige Bücher waren irgendwann dran. Und abends sah ich Nachrichten im dänischen Fernsehen, unter Protesten meiner Eltern und Schwestern. Wir reden schließlich von einer Zeit, als sich eine Familie einen Fernseher als einzige Filmquelle teilte 😉 Heute gibt es ja viel mehr Möglichkeiten, von Nachrichten und Filmen bei Danmarks Radio über allerlei Online-Medien bis hin zu YouTube.

Nach dem Abitur spendierten mir meine Eltern einen weiteren Sprachkurs: diesmal drei Wochen intensiv, an der Internationalen Heimvolkshochschule in Helsingør, nördlich von Kopenhagen. Ich teilte mit einer Ungarin das Zimmer, hörte einem japanischen Opernsänger beim Üben zu und schloss Freundschaft mit einem schottischen Sprachgenie … die meisten Unterhaltungen fanden auf Dänisch statt. Weil mir das so gut gefiel, belegte ich ein Jahr später in den Semesterferien noch einen Kurs: diesmal ganze zwei Monate an der Brandbjerg Højskole in Jelling. Ich belegte Kurse in kreativem Gestalten, europäischer Kulturgeschichte und Dänisch, wir machten Ausflüge und sangen morgens fleißig Lieder aus dem højskolesangbog. Für einen Højskole-/Heimvolkshochschul-Kurs waren die zwei Monate ein kurzer Aufenthalt, viele Dänen verbringen an solchen Institutionen ein halbes oder ganzes Jahr, um sich in allerlei Fachgebieten weiterzuentwickeln. Weitere Informationen gibt es auf der gemeinsamen Webseite der Heimvolkshochschulen, oben rechts versteckt sich dezent der Link zur englischen Seite 😉

Nach diesen zwei Monaten sprach ich schon ziemlich fließend, doch leider rostete mein Dänisch in den folgenden Jahren vor sich hin. Zwar hatte ich die Wochenzeitung Politiken Weekly abonniert, um an meinem bayerischen Studienort nicht all mein Dänisch zu vergessen (heute könnte man einfach alle möglichen Online-Zeitungen lesen). Ich suchte den Kontakt zu Dänen und aus ein paar lockeren Treffen entstand ein skandinavisch-deutscher Studentenverein, doch leider war die Umgangssprache Deutsch (und Facebook, Skype oder andere Austauschmöglichkeiten gab es noch nicht). Ich wohnte in Süddeutschland, zwei Jahre lang sogar in China, und als ich mit 40 Jahren das erste Mal die Pension auf Møn anrief, die inzwischen mein Zuhause geworden ist, musste ich mir vorher zurechtlegen, wie man auf Dänisch ein Zimmer bestellt.

Im August 2013 begann der fünftägige Urlaub, aus dem eine mehrmonatige Auszeit und schließlich ein Umzug wurde. Schon vom ersten Tag an redete ich konsequent Dänisch, wann immer es irgend ging. Auch, wenn mein Gegenüber gut Deutsch oder Englisch konnte. Ich wollte ja üben. Und das hat sich wirklich ausgezahlt!

In der ersten Woche meldete ich mich beim Kirchenchor an, schon drei Tage nach meiner ersten Probe sollten wir in einer Kirche singen. Beim anschließenden Kaffeetrinken hatte ich wirklich zu kämpfen, ich verstand vielleicht zwei Drittel der Unterhaltung und das auch nur, solange ich mich konzentrierte. Doch ich machte weiter. Las die Lokalzeitung, zunächst nur einen Artikel pro Mahlzeit, danach war ich erledigt. Ging sonntags in die Kirche und folgte der Predigt, bis mir die Ohren rauschten. Ließ mich überreden, einen kleinen Erfahrungsbericht auf Dänisch zu schreiben, auch wenn es mich Stunden kostete und ich Dänen zum Korrekturlesen brauchte. Augen zu und durch!

Ist Dänisch schwer?

Auch das werde ich immer wieder gefragt. Was soll ich dazu sagen? Es kommt darauf an, wie gern man Sprachen lernt und wie sprachbegabt man ist. Ich bin so ein Sprachfreak, dass ich auch Chinesisch nicht wirklich schwer fand, man braucht nur Zeit, Lust und ein gutes Lernumfeld …

Mal ehrlich, im Vergleich zu vielen Sprachen ist Dänisch für Deutsche geschenkt. Man kann viele Wörter raten (mus heißt Maus, hus heißt Haus). Die Grammatik ist einfacher (ich bin, du bist, er ist: jeg er, du er, han er). Viele Sprichwörter und Wortbildungen kommen uns aus dem Deutschen bekannt vor (at gå i hundene: vor die Hunde gehen).

Das größte Problem ist für viele die Aussprache. Die ist wirklich gewöhnungsbedürftig. Hier wäre es am besten, man würde die Verwandtschaft zum Deutschen vergessen, denn die hunde (Hunde) werden ausgesprochen wie hunne.  Das jeg (ich) wie jai. Dänisch klingt, als hätte man beim Sprechen eine Kartoffel im Mund, sagte man südlich der Grenze oft. Man muss lernen, die Wörter zu verschleifen, je undeutlicher, desto besser, und wenn es dann noch authentisch klingen soll, am besten noch den „Stoß“ einbauen, dieses Krächzen vor und nach vielen Vokalen, dem ich auch nach 27 Jahren Dänisch-Sprechen ausweiche. So etwas lernt man nicht von Büchern.

Lohnt es sich, Dänisch zu lernen?

Trotz aller Hängepartien, die man unterwegs vielleicht erlebt, finde ich, es lohnt sich auf jeden Fall. Zumindest, wenn man oft in Dänemark ist oder vielleicht sogar hierher auswandern will. Auch wenn viele Dänen bereitwillig auf Deutsch umschalten, auch wenn man auf Reisen mit Englisch gut durchkommt: Es macht mehr Spaß, wenn man mehr mitbekommt. Was um einen herum geredet wird. Was in den Nachrichten kommt. Was im Kleingedruckten steht, und zwar in der aktuellen Version. Inzwischen verstehe ich 99 Prozent der Unterhaltungen im Chor. Lese die ganze Lokalzeitung in einer Mittagspause. Arbeite für diverse dänische Kunden und schreibe fehlerarm auf Dänisch. Nur meine Aussprache verrät mich als Ausländerin, doch ich bilde mir ein, ich komme immer öfter unerkannt davon 🙂

Wie ist es mit euch? Warum und wie lernt ihr Dänisch, was findet ihr schwer dabei und hat es sich trotzdem gelohnt?

Liebe Grüße aus Møn, Carmen Wedeland

Von der Auszeit zum Arbeitsalltag

Gestern Abend: Sommer in Dänemark. Das Meer glitzert tiefblau am Horizont. Schmetterlinge tanzen in der warmen Luft. Und ich sitze seit Stunden an der Steuererklärung.

Bild von 2015. Damals hatte ich noch (Aus)Zeit zum Fotografieren.

Oft horchen Urlauber interessiert auf, wenn sie meine Geschichte mitbekommen. Eine Auszeit im Ausland, spontan ausgewandert? Das klingt ja traumhaft.

Es stimmt: Ich habe einen Traum verwirklicht.
Ich wohne, wo andere Urlaub machen.
Doch inzwischen ist es mein Alltag geworden.

Viele träumen davon, für immer nach Dänemark zu ziehen. Weil die Dänen so nett und entspannt sind. Weil die Landschaft so schön ist, mit all den Stränden und Inseln. Weil sie sofort in Urlaubsstimmung kommen, wenn sie nur ein Foto von ihrem „gelobten Land“ sehen.

Ja, viele Dänen sind nett. Manche wahrscheinlich auch nicht. Für mich sind die Leute um mich rum nicht einfach „die Dänen“. Es sind Individuen wie wir alle, Uffe und Carsten und Inge und Susanne. Es sind meine Freunde und Nachbarn, Arbeitgeber und Kollegen. Jeder hat seine Eigenarten. Genau wie „die Chinesen“, die ich in zwei Jahren Peking kennen gelernt habe. Genau wie „die Bayern“, bei denen ich viele Jahre lebte. Man kann überall tollen Menschen begegnen.

Ja, die Landschaft ist schön. Der Ostteil bezaubert mit vielen Inseln, der Westteil mit weiten Stränden. Ich vermute allerdings stark, dass es auch in Dänemark langweilige Ecken gibt. Wahrscheinlich sogar ein paar hässliche. Leider hatte ich noch keine Zeit, die zu suchen. Denn ich muss arbeiten, die Auszeit ist vorbei. Aber das Arbeiten kann ja auch an schönen Orten stattfinden. Ich habe meinen Neigungen nachgegeben und arbeite z. B. als Rezeptionistin in einer Pension mit Meerblick und einem Labyrinthpark mit jeder Menge Grün.

Bin ich deshalb dauernd in Urlaubsstimmung? Nein. Mein neuer Alltag hat mich im Griff. Samt Steuererklärung, TÜV und Zahnarztbesuch. Doch von solchen Tiefpunkten abgesehen, finde ich meinen Alltag meist fast besser als Urlaub. Denn ich habe die Gelegenheit genutzt, diesen Alltag neu zu definieren. Schließlich hatte hier niemand bestimmte Erwartungen an mich Eingewanderte. So konnte ich mich, nach vielen Jahren als Texterin und Redakteurin, zur Abwechslung auch in den Tourismus stürzen; ich putze ein bisschen und wasche ab, ich nähe und singe in verschiedenen Dorfkirchen. Solche Jobs wären mir in Deutschland nie untergekommen. Das alles hat mir neue Erkenntnisse gebracht, über die Welt, das Leben und mich selbst. Und am Ende der Touristensaison habe ich mir einen kleinen Urlaub redlich verdient. (Ich werde ihn in Deutschland verbringen.)

Für die kleinen Auszeiten im Arbeitsalltag  werde ich zwischendurch in die Wellen hüpfen. Eine Mondscheinwanderung an den Kreidefelsen machen. Mit Susanne Kaffee trinken, mit Carsten & Co. singen.  Und wenn ich wieder an der Steuererklärung sitze, tröstet mich der Meerblick doch ein kleines bisschen 🙂

22 Winter-Visionen

Es ist heiß hier in Dänemark. Der Mai war der wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, und der Juni geht genauso weiter. Wir schwitzen bei um die 30 Grad, seit Wochen hat es kaum geregnet. Ich wollte heute eigentlich Unkraut jäten, auf unserer südlichen Terrasse, doch in der Sonne halte ich es nicht aus. Es wird wohl auch von selbst verdorren.

Zur Erfrischung für mich – und für alle anderen im Nordteil Mitteleuropas, die es langsam zu heiß finden – poste ich ganz antizyklisch ein paar Winterbilder. Denn noch vor zehn Wochen war Dänemark von Schnee bedeckt, Ostersonntag habe ich erstmal zwei Stunden den Innenhof freigeschaufelt. Damals wuchsen uns die Verwehungen über den Kopf, jetzt finde ich die weiße Pracht wunderschön 🙂

Liebe Grüße von der Insel und ein gutes Wochenende euch allen, Carmen Wedeland

P. S. Hier habe ich auch andere Jahreszeiten abgelichtet:
Nur schnell ein paar Fotos
Die Schönheit des Augenblicks
Noch mehr Momentaufnahmen aus Møn
Hundert bunte Inselbilder
99 Naturaufnahmen
75 Frühsommerfotos
93 Dänemark-Bilder

Mondschein-Wandern an Møns Klint

Manchmal muss man den Alltag hinter sich lassen. Den Augenblick genießen, im Hier und Jetzt. Denn To-Do-Listen verblassen, doch magische Momente bleiben in Erinnerung.

Darum war ich neulich mit einer Freundin zusammen wandern. Nachts.

Eigentlich war ich völlig übermüdet. Eigentlich hatte ich tausend andere Dinge zu tun. Und doch war es der perfekte Zeitpunkt. Ein lauer Abend im Mai, ein Sonnenuntergang und eine Vollmondnacht.

Es duftete nach Flieder, als wir gegen neun Uhr abends das Haus verließen. Jetzt in den Weißen Nächten wird es in Dänemark nicht richtig dunkel, doch etwas schummerig war es schon, als wir den Buchenwald jenseits des Dorfes betraten. Eine halbe Stunde schlängelte sich der Pfad bergan, dann öffnete sich plötzlich die Landschaft. Wir waren auf dem Kongsbjerg, dem „Königsberg“ von Møn, mit 139 Metern über dem Meeresspiegel bietet er einen fantastischen Ausblick. Die Sonne versank im Westen, davor lagen die Hügel in graugrünen Schichten, das Meer füllte den Horizont.  In der Ferne leuchteten Schiffe, und vor unseren Füßen blühte wilde Akelei. In den Büschen schlug die Nachtigall, als wir die Hügel hinabstiegen.

Gegen halb elf waren wir wieder zu Hause – und starteten gleich zum zweiten Teil: Nach dem Sonnenuntergang wollten wir den Vollmond würdigen. Und wo anders ist der Mond schöner als über dem Meer? Wir wanderten wieder eine halbe Stunde, diesmal auf Landstraße und Feldweg Richtung Radarturm. Dort, am Rand der Kreidefelsen, überraschte uns ein starkes Licht. Wir spekulierten über Außerirdische, doch es war ein Forscher, der Nachtfalter anlockte und in sein Notizbuch schrieb. Wir rissen uns von dem blendenden Licht los und tasteten uns bei Mondschein und Blätterschatten die Treppe zum Strand hinab.

Meeresrauschen, Schiffsgeblinke, eine Landschaft in Schwarz und Weiß. Jeder Feuerstein vor unseren Füßen war in klaren Konturen gezeichnet. Wie Pappmachee ragten die Felsen in den Himmel, seltsam zweidimensional in dem fahlen Licht. Und über dem Wasser hing der Mond, die Wellen zogen silberne Kreise.

Eine der größten Attraktionen Dänemarks – die Kreidefelsen von Møns Klint – in den Sommerferien gut besucht, bei Tag tausendfach fotografiert. Doch in diesem magischen Augenblick waren wir ganz allein. Meine Kamera kann diesem Erlebnis nicht gerecht werden, genauso wenig wie Worte. Ihr müsst es eigentlich selbst erfahren.

Wir wanderten zwischen Brandung und Felsen. Seltsam schwankend, denn Entfernungen waren im Mondlicht schwer abzuschätzen: Der Boden wirkte unebener, als er war. Oder waren wir doch zu müde? Ich denke nicht, das Erlebnis hatte uns wach gemacht. Wir bewunderten die Verwirbelungen der Felsen, bis diese schließlich in sanftere Hänge übergingen. Ein schmaler Pfad führte durch dichtes Gebüsch, dann waren wir wieder oben an der Steilküste … wo uns ein neues Schauspiel in den Bann zog.

Der kleine Leuchtturm, Møns Fyr, kaum höher als die umliegenden Bäume, doch sein Innenleben hat einen weiten Wirkungskreis. In der Kuppe dreht sich ein orangefarbener Diamant, seine Strahlen tasten die Felder ab, fahren über das Meer hinaus und lassen das Laub der Bäume in Flammen aufgehen. Wie die Nachtfalter des Insektenforschers wurden wir von dem Licht angezogen, gerade noch kriegten wir die Kurve und fanden wieder zur Straße zurück. Im Licht von Mond und Sternen wanderten wir nach Hause, besungen von einer Nachtigall und gebadet in Rapsduft.

Eigentlich hatte ich tausend andere Dinge zu tun. Eigentlich war ich völlig übermüdet gewesen. Doch ich schlief tief und wachte glücklich auf.  Und die magischen Momente bleiben in Erinnerung.

Meine erste Nachtwanderung auf Møn, im Mai 2014. Noch immer eine Lieblingserinnerung 🙂

Meervideos aus Møn

Wind, Wellen und Wasser, so weit das Auge reicht.
Sanfte Sonnenuntergänge. Brausende Brandung.
Der Vollmond über dem schwarzen Meer.

Nach einem langen Arbeitstag mag ich nichts mehr lesen. Erst recht nicht etwas schreiben. Aber ich habe es in den letzten Monaten doch immer wieder ans Wasser geschafft. Und habe immer wieder das Meer gefilmt.

Vielleicht mögt ihr euch auch durch ein paar Wellen-Videos klicken. Die meisten sind von der Insel Møn, eines von der Nachbarinsel Seeland. Zwei sind von 2016, da waren die Kreidefelsen so spannend am Abbröckeln. Und das letzte ist senkrecht, weil ich gerade keinen Nerv habe, die Undreh-Funktion zu finden. Passt auf, dass euch das Wasser nicht aus dem Bildschirm läuft 😉

Liebe Grüße aus Dänemark!
Carmen Wedeland

 

 

Traumgedichte

Morgen beginnt der Mai. Osterglocken leuchten aus dem Nebel, es duftet nach Frühling. Eine magische Zeit: eine Vollmondnacht. Ein Zustand des Schwebens, wo man nicht weiß, ob man träumen oder dichten soll.

Für mich hängen Träume und Gedichte eng zusammen. Gedichte sind ein Versuch, etwas Unbegreifliches in Worte zu fassen. Stimmungen, Farben, Gefühle werden aus dem Unterbewussten geholt und so vielschichtig umschrieben, dass man sich immer wieder neu in ihnen verliert. Welten tauchen auf und vergehen.

Manche Gedichte begleiten mich schon seit Jahrzehnten. Immer wieder entdecke ich neue Nuancen in ihnen. Als ich mein Schlafzimmer einrichtete, habe ich einige Gedichte ausgewählt, die mit Träumen zu tun haben, mit anderen Welten und dem Schaurig-Schönen der Schöpfung. Eines Nachts habe ich sie an meine Wand geschrieben, in silberner Schrift, in welligen Linien.

Vielleicht träumt ihr heute Nacht auch von anderen Welten und fernen Zeiten. Vielleicht inspiriert euch die Vollmondnacht, ein schöne Melodie, ein geliebter Mensch. Vielleicht mögt ihr auch meine Lieblingsgedichte lesen und mit mir in meine Traumwelt abtauchen.

Clemens Brentano: Sprich aus der Ferne!

Sprich aus der Ferne,
Heimliche Welt,
Die sich so gerne
Zu mir gesellt!

Wenn das Abendrot niedergesunken,
Keine freudige Farbe mehr spricht,
Und die Kränze still leuchtender Funken
Die Nacht um die schattigte Stirne flicht:

Wehet der Sterne
Heiliger Sinn
Leis durch die Ferne
Bis zu mir hin.

Wenn des Mondes still lindernde Tränen
Lösen der Nächte verborgenes Weh;
Dann wehet Friede. In goldenen Kähnen
Schiffen die Geister im himmlischen See.

Glänzender Lieder
Klingender Lauf
Ringelt sich nieder,
Wallet hinauf.

Wenn der Mitternacht heiliges Grauen
Bang durch die dunklen Wälder hinschleicht
Und die Büsche gar wundersam schauen,
Alles sich finster, tiefsinnig bezeugt:

Wandelt im Dunkeln
Freundliches Spiel,
Still Lichter funkeln,
Schimmerndes Ziel.

Alles ist freundlich wohlwollend verbunden,
Bietet sich tröstend und trauernd die Hand,
Sind durch die Nächte die Lichter gewunden,
Alles ist ewig im Innern verwandt.

Sprich aus der Ferne,
Heimliche Welt,
Die sich so gerne
Zu mir gesellt!

Eduard Mörike: Die Geister am Mummelsee

Vom Berge was kommt dort um Mitternacht spät
mit Fackeln so prächtig herunter?
Ob das wohl zum Tanze, zum Feste noch geht?
Mir klingen die Lieder so munter.
O nein!
So sage, was mag es wohl sein?

Das, was du da siehest, ist Totengeleit,
und was du da hörest, sind Klagen.
Dem König, dem Zauberer, gilt es zu Leid,
sie bringen ihn wieder getragen.
O weh!
So sind es die Geister vom See!

Sie schweben herunter ins Mummelseetal –
sie haben den See schon betreten –
sie rühren und netzen den Fuß nicht einmal –
sie schwirren in leisen Gebeten –
O schau,
am Sarge die glänzende Frau!

Jetzt öffnet der See das grünspiegelnde Tor;
gib acht, nun tauchen sie nieder!
Es schwankt eine lebende Treppe hervor,
und – drunten schon summen die Lieder.
Hörst du?
Sie singen ihn unten zur Ruh.

Die Wasser, wie lieblich sie brennen und glühn!
Sie spielen in grünendem Feuer;
es geisten die Nebel am Ufer dahin,
zum Meere verzieht sich der Weiher –
Nur still!
Ob dort sich nichts rühren will?

Es zuckt in der Mitten – o Himmel! ach hilf!
Nun kommen sie wieder, sie kommen!
Es orgelt im Rohr und es klirret im Schilf;
nur hurtig, die Flucht nur genommen!
Davon!
Sie wittern, sie haschen mich schon!

William Wordswort: The Surface of Past Time
(The Prelude, Book Fourth, Zeile 256-276)

As one who hangs down-bending from the side
Of a slow-moving boat, upon the breast
Of a still water, solacing himself
With such discoveries as his eye can make
Beneath him in the bottom of the deep,
Sees many beauteous sights – weeds, fishes, flowers,
Grots, pebbles, roots of trees, and fancies more,
Yet often is perplexed, and cannot part
The shadow from the substance, rocks and sky,
Mountains and clouds, reflected in the depth
Of the clear flood, from things which there abide
In their true dwelling; now is crossed by gleam
Of his own image, by a sunbeam now,
And wavering motions sent he knows not whence,
Impediments that make his task more sweet;
Such pleasant office have we long pursued
Incumbent o’er the surface of past time
With like success …

Gerard Manley Hopkins: As Kingfishers Catch Fire

As kingfishers catch fire, dragonflies draw flame;
As tumbled over rim in roundy wells
Stones ring; like each tucked string tells, each hung bell’s
Bow swung finds tongue to fling out broad its name;
Each mortal thing does one thing and the same:
Deals out that being indoors each one dwells;
Selves — goes itself; myself it speaks and spells,
Crying Whát I dó is me: for that I came.
I say móre: the just man justices;
Keeps grace: thát keeps all his goings graces;
Acts in God’s eye what in God’s eye he is —
Chríst. For Christ plays in ten thousand places,
Lovely in limbs, and lovely in eyes not his
To the Father through the features of men’s faces.

Das folgende dänische Gedicht habe ich hier ins Deutsche übersetzt:

B. S. Ingemann: I sne står urt og busk i skjul

I sne står urt og busk i skjul,
det er så koldt derude,
dog synger der en lille fugl
på kvist ved frosne rude.

Giv tid! giv tid! – den nynner glad
og ryster de småvinger,
giv tid! og hver en kvist får blad,
giv tid! – hver blomst udspringer.

Giv tid! og livets træ bli’r grønt,
må frosten det end kue,
giv tid! og hvad du drømte skønt,
du skal i sandhed skue.

Giv tid! og åndens vinterblund
skal fly for herlig sommer,
giv tid! og bi på herrens stund,
– hans skønhedsrige kommer.

Gustaf Munch-Petersen: Det underste land

o stor lykke
stor lykke har de faaet,

som er født i det underste land –
overalt kan i se dem
vandrende
elskende
grædende –
overalt gaar de,
men i deres hænder bærer de smaa ting
fra det underste land –

o større end alle lande
herligere
er det underste –
opad vrider jorden sig
i en spids –
og nedad
udad synker det tunge
levende blod
ind i det underste land –

smalle forsigtige fødder
og tynde lemmer
og ren er luften
over de aabne opadstigende veje –
i lukkede aarer
brænder længselen hos dem,
der er født oppe under himlen –

men o
i skulde gaa til det underste land –!
o i skulde se folket fra det underste land,
hvor blodet flyder frit mellem alle –
mænd –
kvinder –
børn –
hvor glæden og fortvivlelsen og elskoven
tunge og fuldmodne
straaler i alle farver mod jorden –
o jorden er hemmelighedsfuld som en pande
i det underste land –

overalt kan i se dem
vandrende
elskende
grædende –
deres ansigter er lukkede,
og paa indersiden af deres sjæle sidder jord
fra det underste land –

Habt ihr ein Lieblingsgedicht (oder -lied), das euch zum Träumen bringt?

Liebe Grüße von der Insel, Carmen Wedeland