Traumgedichte

Morgen beginnt der Mai. Osterglocken leuchten aus dem Nebel, es duftet nach Frühling. Eine magische Zeit: eine Vollmondnacht. Ein Zustand des Schwebens, wo man nicht weiß, ob man träumen oder dichten soll.

Für mich hängen Träume und Gedichte eng zusammen. Gedichte sind ein Versuch, etwas Unbegreifliches in Worte zu fassen. Stimmungen, Farben, Gefühle werden aus dem Unterbewussten geholt und so vielschichtig umschrieben, dass man sich immer wieder neu in ihnen verliert. Welten tauchen auf und vergehen.

Manche Gedichte begleiten mich schon seit Jahrzehnten. Immer wieder entdecke ich neue Nuancen in ihnen. Als ich mein Schlafzimmer einrichtete, habe ich einige Gedichte ausgewählt, die mit Träumen zu tun haben, mit anderen Welten und dem Schaurig-Schönen der Schöpfung. Eines Nachts habe ich sie an meine Wand geschrieben, in silberner Schrift, in welligen Linien.

Vielleicht träumt ihr heute Nacht auch von anderen Welten und fernen Zeiten. Vielleicht inspiriert euch die Vollmondnacht, ein schöne Melodie, ein geliebter Mensch. Vielleicht mögt ihr auch meine Lieblingsgedichte lesen und mit mir in meine Traumwelt abtauchen.

Clemens Brentano: Sprich aus der Ferne!

Sprich aus der Ferne,
Heimliche Welt,
Die sich so gerne
Zu mir gesellt!

Wenn das Abendrot niedergesunken,
Keine freudige Farbe mehr spricht,
Und die Kränze still leuchtender Funken
Die Nacht um die schattigte Stirne flicht:

Wehet der Sterne
Heiliger Sinn
Leis durch die Ferne
Bis zu mir hin.

Wenn des Mondes still lindernde Tränen
Lösen der Nächte verborgenes Weh;
Dann wehet Friede. In goldenen Kähnen
Schiffen die Geister im himmlischen See.

Glänzender Lieder
Klingender Lauf
Ringelt sich nieder,
Wallet hinauf.

Wenn der Mitternacht heiliges Grauen
Bang durch die dunklen Wälder hinschleicht
Und die Büsche gar wundersam schauen,
Alles sich finster, tiefsinnig bezeugt:

Wandelt im Dunkeln
Freundliches Spiel,
Still Lichter funkeln,
Schimmerndes Ziel.

Alles ist freundlich wohlwollend verbunden,
Bietet sich tröstend und trauernd die Hand,
Sind durch die Nächte die Lichter gewunden,
Alles ist ewig im Innern verwandt.

Sprich aus der Ferne,
Heimliche Welt,
Die sich so gerne
Zu mir gesellt!

Eduard Mörike: Die Geister am Mummelsee

Vom Berge was kommt dort um Mitternacht spät
mit Fackeln so prächtig herunter?
Ob das wohl zum Tanze, zum Feste noch geht?
Mir klingen die Lieder so munter.
O nein!
So sage, was mag es wohl sein?

Das, was du da siehest, ist Totengeleit,
und was du da hörest, sind Klagen.
Dem König, dem Zauberer, gilt es zu Leid,
sie bringen ihn wieder getragen.
O weh!
So sind es die Geister vom See!

Sie schweben herunter ins Mummelseetal –
sie haben den See schon betreten –
sie rühren und netzen den Fuß nicht einmal –
sie schwirren in leisen Gebeten –
O schau,
am Sarge die glänzende Frau!

Jetzt öffnet der See das grünspiegelnde Tor;
gib acht, nun tauchen sie nieder!
Es schwankt eine lebende Treppe hervor,
und – drunten schon summen die Lieder.
Hörst du?
Sie singen ihn unten zur Ruh.

Die Wasser, wie lieblich sie brennen und glühn!
Sie spielen in grünendem Feuer;
es geisten die Nebel am Ufer dahin,
zum Meere verzieht sich der Weiher –
Nur still!
Ob dort sich nichts rühren will?

Es zuckt in der Mitten – o Himmel! ach hilf!
Nun kommen sie wieder, sie kommen!
Es orgelt im Rohr und es klirret im Schilf;
nur hurtig, die Flucht nur genommen!
Davon!
Sie wittern, sie haschen mich schon!

William Wordswort: The Surface of Past Time
(The Prelude, Book Fourth, Zeile 256-276)

As one who hangs down-bending from the side
Of a slow-moving boat, upon the breast
Of a still water, solacing himself
With such discoveries as his eye can make
Beneath him in the bottom of the deep,
Sees many beauteous sights – weeds, fishes, flowers,
Grots, pebbles, roots of trees, and fancies more,
Yet often is perplexed, and cannot part
The shadow from the substance, rocks and sky,
Mountains and clouds, reflected in the depth
Of the clear flood, from things which there abide
In their true dwelling; now is crossed by gleam
Of his own image, by a sunbeam now,
And wavering motions sent he knows not whence,
Impediments that make his task more sweet;
Such pleasant office have we long pursued
Incumbent o’er the surface of past time
With like success …

Gerard Manley Hopkins: As Kingfishers Catch Fire

As kingfishers catch fire, dragonflies draw flame;
As tumbled over rim in roundy wells
Stones ring; like each tucked string tells, each hung bell’s
Bow swung finds tongue to fling out broad its name;
Each mortal thing does one thing and the same:
Deals out that being indoors each one dwells;
Selves — goes itself; myself it speaks and spells,
Crying Whát I dó is me: for that I came.
I say móre: the just man justices;
Keeps grace: thát keeps all his goings graces;
Acts in God’s eye what in God’s eye he is —
Chríst. For Christ plays in ten thousand places,
Lovely in limbs, and lovely in eyes not his
To the Father through the features of men’s faces.

Das folgende dänische Gedicht habe ich hier ins Deutsche übersetzt:

B. S. Ingemann: I sne står urt og busk i skjul

I sne står urt og busk i skjul,
det er så koldt derude,
dog synger der en lille fugl
på kvist ved frosne rude.

Giv tid! giv tid! – den nynner glad
og ryster de småvinger,
giv tid! og hver en kvist får blad,
giv tid! – hver blomst udspringer.

Giv tid! og livets træ bli’r grønt,
må frosten det end kue,
giv tid! og hvad du drømte skønt,
du skal i sandhed skue.

Giv tid! og åndens vinterblund
skal fly for herlig sommer,
giv tid! og bi på herrens stund,
– hans skønhedsrige kommer.

Gustaf Munch-Petersen: Det underste land

o stor lykke
stor lykke har de faaet,

som er født i det underste land –
overalt kan i se dem
vandrende
elskende
grædende –
overalt gaar de,
men i deres hænder bærer de smaa ting
fra det underste land –

o større end alle lande
herligere
er det underste –
opad vrider jorden sig
i en spids –
og nedad
udad synker det tunge
levende blod
ind i det underste land –

smalle forsigtige fødder
og tynde lemmer
og ren er luften
over de aabne opadstigende veje –
i lukkede aarer
brænder længselen hos dem,
der er født oppe under himlen –

men o
i skulde gaa til det underste land –!
o i skulde se folket fra det underste land,
hvor blodet flyder frit mellem alle –
mænd –
kvinder –
børn –
hvor glæden og fortvivlelsen og elskoven
tunge og fuldmodne
straaler i alle farver mod jorden –
o jorden er hemmelighedsfuld som en pande
i det underste land –

overalt kan i se dem
vandrende
elskende
grædende –
deres ansigter er lukkede,
og paa indersiden af deres sjæle sidder jord
fra det underste land –

Habt ihr ein Lieblingsgedicht (oder -lied), das euch zum Träumen bringt?

Liebe Grüße von der Insel, Carmen Wedeland

Vom Flohmarktfund zur feinen Tasche: Nähprojekt für Upcycling-Fans

Diese Tasche mit nordischem Touch macht sich gerade auf den Weg zu meiner Freundin Sabine.

Sabine liebt Flohmärkte. Sie war Anfang April bei mir zu Besuch und wir durchstreiften wieder mal ihre Lieblings-Trödelläden hier auf der Insel Møn. Zwischen jeder Menge Gläser und Töpfe, Besteck und Textilien fand Sabine eine alte Stickerei.

Ob ich ihr daraus eine Tasche nähen könne?

Klar, sagte ich, Nähen macht Spaß, die Tasche kannst du am Ende deines Urlaubs mit nach Hause nehmen.

Es hat dann doch zwei Wochen länger gedauert, denn mich packte das Nähfieber und ich wollte die Tasche möglichst gut gestalten. Über 20 Stunden Arbeit dürften drinstecken. Aber Spaß hat es wirklich gemacht!

Sabine wünschte sich eine Tasche in der ganzen Größe der Stickerei, etwa 70 x 40 cm. Ein farblich passender Stoffrest ergab die Rückseite, ich verpasste ihm noch eine kleine Reißverschlusstasche. Beide Teile verstärkte ich mit Bügelvlies, damit sie etwas mehr Stand hatten, und versäuberte sie mit Zickzackstich, damit sie nicht ausfransten. Ein orangefarbener Stoffrest wurde zu Paspelband, mit dem ich beide Teile einfasste.

Die Seitenteile machte ich aus den Beinen einer kaputten Jeans.  Auch den Reißverschluss konnte ich auf der Oberseite mit Jeansstreifen einfassen, Gesäßtaschen und Gürtelschlaufen bekamen ebenfalls neue Aufgaben. Nur die Innentasche und die Tragegurte nähte ich aus einem Neukauf: beschichteter Stoff vom Baumarkt, abwischbar und wasserdicht.

Das Grunddesign, das Sabine und ich uns ausgedacht hatten, war einfach, doch manche Details erwiesen sich als kniffelig. Zum Beispiel durch mehrere Lagen Stoff zu nähen, darunter Jeans und beschichtete Baumwolle. Manchmal musste ich die Nadel mit dem Handrad führen, Stecknadeln wurden durch Clips ersetzt. Das lag natürlich auch daran, dass ich diverse Innentaschen einbaute und alles möglichst haltbar verarbeitete. So wurden es unendlich viele Arbeitsschritte viele Abende voller Nähspaß.

Für die kniffligen Fragen griff ich auf zwei sehr gute Bücher zurück:

„Nähen – das Standardwerk“ vom Kreativverlag TOPP mit einer Fülle von Techniken zum Nachschlagen, und „Taschenlieblinge selber nähen“ vom Nähblog pattydoo, mit schönen Ideen und Links zu hilfreichen Online-Videos. (Achtung, das war jetzt Werbung. Unbezahlt und unabgesprochen. Ich kann beide Bücher einfach nur empfehlen!)

Leider habe ich vergessen, das Innenleben zu fotografieren, bevor ich die Tasche abschickte. Doch die Außenseite bekam ein Fotoshooting am Strand von Ulvshale, ein paar Kilometer nördlich von dem Laden, wo Sabine die Stickerei fand:

Ich glaube, trotz Wind und Wellen kann ich Stimmen hören. Es sind die Fischer auf der Tasche. Sie rufen: „Kauf mehr Stickereien! Nähe mehr Taschen!“

Seid ihr auch schon im Upcycling-Fieber? 🙂

P. S. Der Trödelladen mit den schönen Sachen liegt auf der dänischen Insel Møn, in der Udbygade 40, Stege, zwischen dem Insel-Hauptort und dem Strand von Ulvshale.  Auch sonst gibt es hier jede Menge Flohmärkte, Secondhand-Läden und Scheunen voller spannender Sachen. Man kann ja nicht immer nur am Strand sein!

Englische Gedichte übersetzt: George Herbert, Love III

Heute ist Gründonnerstag. Aus diesem Anlass möchte ich wieder ein Gedicht vorstellen, das ich übersetzt habe: LOVE III.

Es stammt von George Herbert (1593 – 1633), einem englischen Theologen, der zu den berühmten metaphysical poets zählt.

Herberts Gedichte behandeln religiöse Themen auf sehr persönliche und oft rätselhafte Weise. Ich habe versucht, mich einem dieser Rätsel anzunähern.

Hier das Werk im Original:

LOVE III

LOVE bade me welcome: yet my soul drew back,
Guiltie of dust and sin.
But quick-ey’d Love, observing me grow slack
From my first entrance in,
Drew nearer to me, sweetly questioning
If I lack’d anything.

A guest, I answer’d, worthy to be here:
Love said, You shall be he.
I, the unkind, ungratefull? Ah, my deare,
I cannot look on thee.
Love took my hand and smiling did reply,
Who made the eyes but I?

Truth Lord; but I have marr’d them: let my shame
Go where it doth deserve.
And know you not, sayes Love, who bore the blame?
My deare, then I will serve.
You must sit down, sayes Love, and taste my meat.
So I did sit and eat.

George Herbert, aus: The Sacred Temple (1633)

Das ist meine Übersetzung:

LIEBE III

„Sei mir willkommen“, grüßte Liebe mich,
Der ich als Sünder kam.
Als hastig meine Seele von ihr wich,
Gequält von Schuld und Scham,
Da folgte Liebe voller Sorge mir:
„Sag, woran fehlt es dir?“

„Es fehlt ein Gast, der deiner würdig wär.“
Sie sprach: „Du darfst nicht gehn,
Sei du mein Gast.“ – „Ich bin zu böse, Herr,
Dich auch nur anzusehn.“
Doch Liebe lächelte: „Weißt du, mein Gast,
Durch wen du Augen hast?“

„Herr, ich verdarb, was ich von dir bekam.
Bestrafe mich gerecht.“
„Weißt du, wer starb und alles auf sich nahm?“
„Dann dien ich als dein Knecht.“
„Ich lade dich zum Hochzeitsmahle ein.“
So nahm ich Brot und Wein.

George Herbert.
Übersetzt von Carmen Wedeland, Karfreitag bis Ostermontag 1993.

Weitere Übertragungen, teils mit etwas anderer Interpretation, gibt es zum Beispiel hier beim Blog Theaterliebe.

Aus dem Dänischen habe ich folgende Gedichte/Liedtexte übersetzt:
Grundtvig, Skyerne gråner – Grau sind die Wolken. Passend zum Herbst, Luciafest und zu Weihnachten.
Ingemann, I sne står urt og busk i skjul – Der Schnee bedecket Busch und Baum. Passend zum Winter und zum Frühling.

Liebe Grüße von der Insel und gute Osterfeiertage euch allen, Carmen Wedeland

Dankbar für 20 Dinge

Heute bin ich für 20 Dinge dankbar. Das bin ich jeden Tag, weil ich es so beschlossen habe.

Jeden Abend vor dem Einschlafen mache ich mir bewusst, was wieder für gute Dinge passiert sind. Denn ich denke, Glücklich-Sein kann man üben.

Sich freuen und dankbar sein.
Den Tag an sich vorbeiziehen lassen.
Zur Ruhe kommen und gut schlafen.

Es funktioniert immer wieder. Entweder fallen mir 20 Dinge ein und ich bin glücklich. Oder ich schlafe ein, bevor ich bei Nr. 20 angelangt bin.

Wahrscheinlich wird euch die folgende Liste auch zu einem dieser beiden Ergebnisse bringen 🙂

 

Heute bin ich, in frei assoziierter Reihenfolge, dankbar:

1. Für den Geruch nach Frühling bei meinen Spaziergang durch die Hügel.

2. Für die Hühner der Nachbarn, die im Skiurlaub sind. Also die Nachbarn fahren Ski, nicht die Hühner. Die Hühner haben fleißig Eier gelegt und mich von ihrer Stange freundlich angegluckert, als ich ihr Häuschen für die Nacht schloss.

3. Dafür, dass mir Menschen ihre Tiere anvertrauen; dass mir andere Menschen ihren Briefkasten oder ihren Hausschlüssel anvertrauen; überhaupt für die gute Gemeinschaft in unserem kleinen Dorf.

4. Für den Fuchs, der die Hühner heute verschonte und bei den Kühen am Waldrand herumsaß. Er ließ mich ziemlich nah herankommen, bevor er mit wehender Rute davonsprang.

5. Für meine neue Arbeit als Kirchensängerin. Die mir quasi zugelaufen ist – wenige Wochen nachdem ich überhaupt die Idee dazu bekam. Heute habe ich bei zwei Trauerfeiern gesungen, ein überraschend wohltuendes Erlebnis, in einer Kapelle voller Blumen, guter Worte und schöner Lieder.

6. Für meinen Gesangslehrer, der mir in bisher nur zwei Stunden überraschend Hilfreiches beigebracht hat. Und für die vielen Chorleiter, die mir im Lauf meines Lebens wichtige Grundlagen vermittelt haben.

7. Für ein ganz und gar nicht kirchliches Lied, das ich im Radio gehört habe und das jetzt mein neuer Ohrwurm ist (Malaeducazione von Guè Pequeno).

8. Für die Bücherei in unserem Insel-Hauptort Stege, wo man stundenlang in einer der gemütlichen Leseecken sitzen kann, um zu lesen, oder zu essen, oder was man sonst in der Pause zwischen zwei Trauerfeiern machen will.

9. Für die freundliche Insel, auf der ich wohne, wo alles, was man im Alltag braucht, einfach zu erreichen ist, auf schönen Wegen ohne Stau und Stress.

10. Für die Muse – wo auch immer sie herkommt –, die mich in diesen Wochen wieder beim Schreiben beflügelt, so dass ich morgens mit Freude den Computer einschalte.

11. Für meine gewohnte Arbeit als Teilzeit-Tellerwäscherin. Sechs Gäste waren zum Saisonstart in die Pension gekommen und wider Erwarten hatte ich in der Winterpause nicht vergessen, wo die Suppenkelle hängt.

12. Für meine Vermieter und Teilzeit-Arbeitgeber, die reizendsten Menschen der Welt, die sich über alles und jedes freuen und von denen ich in Sachen Dankbarkeit noch viel lernen kann!

13. Für die Kleidung, die ich gerade trage: eine Hose und eine Weste, die ich selbst genäht habe. Aus Jeans-Stretch, mit Taschen, Reißverschluss, Ziernähten und allem Pipapo.

14. Für meine Nählehrerin, die mir all das und noch mehr beigebracht hat.

15. Für die Kleidung, die ich gerade gewaschen habe: sieben neuwertige Teile, für zusammen 30 Euro gestern im Rotkreuzladen erstanden.

16. Für das gute Essen, das ich heute wieder in meinem Kühlschrank fand. Nachdem ich es gestern selbst gekocht hatte, versteht sich.

17. Für das neue Hintergrundbild auf meinem Computer. Es ist ein Schnappschuss aus dem Kopenhagener Aquarium Den Blå Planet, wo ich diese Woche mit einer Freundin war.

18. Für die Menschen um mich herum. Die mir vertrauen und mir Arbeit geben. Die mich unterstützen, wenn ich Hilfe brauche. Die Freud und Leid mit mir teilen. Die meinen Blog lesen und machmal etwas dazu schreiben. Danke, dass ihr alle da seid!

19. Für mein unglaublich bequemes Bett, in das ich bald fallen werde.

20. Und für meine innere Uhr, die seit ein paar Tagen freiwillig auf Sommerzeit umgestellt hat und mich morgen hoffentlich fröhlich aufstehen lässt.

Wofür seid ihr heute dankbar?

Pausenbild

Eigentlich hatte ich dieser Tage so viel vor.
Schreiben. Was schaffen. Weichen stellen.
Ich glaube, ich lasse es alles bleiben.
Nur noch schauen. Staunen. Und Schnee schaufeln 🙂

(Aussicht auf die Ostsee von der Pension Bakkegaard Gæstgiveri Møns Klint auf der Insel Møn, 27. und 28. Februar 2018. Starker Ostwind, jede Menge Schnee und noch mehr Schneeverwehungen!)

Der Ruf, der aus der Kälte kam

Neulich wäre unsere Nachbarin fast gestorben. Doch dann passierte DAS.

Solche Sätze nerven, oder? Am besten scrollt man gleich weiter. Wer draufklickt, macht sich lächerlich. So würde es mir jedenfalls vorkommen.

Mich nervte neulich auch etwas. Freitagmorgen in den Winterferien, ich hatte geduscht und öffnete das Fenster. Der Dampf mischte sich mit der eisigen Luft, während ich mir Schaumfestiger in die Haare knetete. Ein komisches Geräusch kam von draußen, äh!, äh!, hatten wir seit Neuestem Pfauen in der Nachbarschaft? Ich ging in die Küche, machte Frühstück und aß. Jetzt die Einkaufsliste schreiben, aufräumen und wenn die Haare trocken waren, würde ich einkaufen fahren, denn übers Wochenende hatte sich Besuch angekündigt. Ich beobachtete die Rehe auf dem Feld.

Hm, eigentlich hat hier niemand Pfauen.
Ich ging zurück ins Bad. Da war das Geräusch wieder.

Die Kinder von nebenan? Ich öffnete die Tür.
Da, wieder das Geräusch. Eher ein Ruf.

Äh! Äh!
Was sollte der Blödsinn?
Ich machte mir einen Tee.
Das Geräusch störte mich, auch wenn ich es jetzt nicht mehr hören konnte.
Es ging mir nicht aus dem Kopf.
Wenn es nun Hilferufe waren?

Im Hof war niemand zu sehen. Meine Haare waren immer noch nass. Ich wollte nicht raus, ich bildete mir das alles ein.

War da wieder was? Es nervte. Äh! Äh!

Ich kam mir lächerlich vor, als ich Mantel und Mütze anzog. Warme Stiefel, Schal und Handschuhe. Wahrscheinlich war ich paranoid. Aber zur Sicherheit würde ich jetzt einmal um den Hof patrouillieren. Wäre doch zu blöd, wenn ich später erführe, dass da jemand um Hilfe gerufen hatte und ich hatte nicht reagiert. Ich stellte mir vor, dass jemand eingesperrt war oder mit einer kippligen Leiter kämpfte. Oder eben doch die Kinder Quatsch machten.

Da war das Geräusch wieder. Äh!
Kein Pfau. Aber auch kein Wort. Oder?
Oder hieß es etwa … Hjælp!? Das dänische Wort für Hilfe?

Dann hörte ich deutlich: Hallo?
Ich rief zurück: Hallo? Das Wort hallte durch die Ortschaft.
Stille.

Ich rief nochmal, es fühlte sich falsch an. Spielte mir jemand einen Streich?
„Hvor er du?“, rief ich, „wo sind Sie?“ – und plötzlich kam eine Antwort.
Ich verstand kein Wort, doch ich folgte dem Klang.
Und dann sah ich die Nachbarin von gegenüber.

Sie lag auf dem Grundstück nebenan und hatte sich den Fuß gebrochen. Eine Viertelstunde hatte sie gerufen, niemand war gekommen. Ich weckte ihren Mann, wir riefen den Krankenwagen, packten sie in Decken, brachten heißen Tee. Nach zehn Minuten kam ein Sanitäter und verabreichte Schmerzmittel. Doch bis der Krankenwagen eintraf, verging etwa eine Stunde. Während der es ihr langsam immer schlechter ging.

Nach einer Woche Krankenhaus ist sie nun wieder zu Hause. Mit mehreren Schrauben im Fuß. Drei Wochen darf sie nicht auftreten, ihre Körpertemperatur ist immer noch niedrig. Und sie sinniert, ob sie ohne mein Eingreifen überlebt hätte.

Darüber sinniere ich auch – und es ist kein gutes Gefühl.
Kann man mitten in unserem Dorf sterben, weil niemand etwas hört und zu Hilfe kommt?

Vielleicht hätte ein anderer das Fenster geöffnet und rechtzeitig reagiert. Die meisten Nachbarn waren nicht zu Hause.
Vielleicht hätten die Kolleginnen ihren Mann aus dem Bett geklingelt, um zu fragen, wo sie bleibe. Die Anrufliste war leer.
Vielleicht hätte sie zur Straße kriechen und ein Auto stoppen können. Hier fahren im Winter täglich mehrere Autos vorbei. In der Viertelstunde war sie nicht weit gekommen.

Vielleicht hätte ich in Ruhe meinen Tee trinken können und nichts Schlimmes wäre passiert.
Vielleicht ist nicht gut genug.

Leute, es ist kalt da draußen. Verlasst euch nicht darauf, dass schon nichts passiert. Oder dass ein anderer sich kümmert.
Hört hin, wenn euch etwas komisch vorkommt.
Geht der Sache nach, auch wenn es euch und andere stört.
Es kann sein, dass ihr damit Leben rettet.
Oder zumindest etwas Wärme in das Leben eines Menschen bringt.

P. S.
Das gilt auch für anderes Situationen.
Konflikte in der U-Bahn. Geschrei bei den Nachbarn. Geraunte Berichte, halb ausgesprochene Bitten.
Ein paarmal habe ich reagiert. Ein paarmal zu spät. Ein paarmal gar nicht.

Ich bereue weniges, was ich getan habe. Aber vieles, was ich nicht getan habe.

Ich werde weiter integriert

Gut vier Jahre treibe ich mich nun auf meinem Inselchen herum. Dänemark und ich gewöhnen uns immer mehr aneinander. Indizien dafür habe ich schon früher aufgezählt:

Nun kommt es, wie es kommen musste: Ich werde weiter integriert.

Kommunikation

Besuch in Kopenhagen: Der Lieblingsinder meiner Freundin war nur per App erreichbar.

Drehe mich überrascht um, wenn ich jemanden Deutsch reden höre. Auch, wenn ich gerade in Deutschland bin.

Habe jetzt endlich eine dänische Handynummer. Hat lange gedauert, weil ich in einem Mobilfunkloch einer Oase des Friedens lebe. Dank Wlan-Calling kann ich nun am Leben teilhaben, zu Hause und unterwegs. Pizza bestellen, auf dem Flohmarkt einkaufen, Fahrpläne finden: Alles mit Apps sehr viel einfacher. Denn Dänemark ist durchdigitalisiert!

Mobilität

Habe reisemäßig aufgerüstet: Mein BroBizz, ein kleiner grauer Kasten fürs Auto, öffnet magisch allerlei Mautschranken und zieht ganz dezent im Hintergrund das Geld ein, ob auf der Brücke nach Schweden oder im Parkhaus am Flughafen.

Auch ohne Auto könnte ich professionell pendeln. Mit meiner Rejsekort kann ich die öffentlichen Verkehrsmittel in ganz Dänemark* nutzen: einchecken, auschecken und das Geld fließt unauffällig vom Konto. Nie wieder grübeln, ob für ein paar Stunden Großstadt Einzel- oder Tagestickets besser sind – die Rejsekort berechnet alle Rabatte von selbst.

* die öffentlichen Verkehrsmittel in ganz Dänemark: außer da, wo ich wohne, denn hier gibt es nur in der Urlaubszeit Busse 😉

Gesundheitswesen

Habe schon fünf dänische Krankenhäuser von innen gesehen. Nicht, weil ich fünfmal krank gewesen wäre: Der Verdacht auf eine Krankheit reicht, um eine monatelange Irrfahrt über die Inseln starten zu lassen. Zum MRT durfte ich nach Nykøbing (70 km südwestlich von mir), für die Verkündung des Ergebnisses nach Slagelse (110 km nordwestlich von mir) und weil das Ergebnis grenzwertig war, sogar noch nach Kopenhagen (140 km nördlich von mir). Jetzt bin ich offiziell gesund (genau wie vor der Odyssee) und als Bonus berechtigt, in die allgemeinen Klagen zum überlasteten Gesundheitswesen einzustimmen.

Staat und Gesellschaft

Habe 2017 nicht nur den Deutschen Bundestag, sondern auch den Gemeinderat von Vordingborg mitgewählt. Letzteres mit größerem Erfolg: Nur Stunden nach der Stimmenzählung gab es einen Regierungswechsel, samt Koalitionspapier und neuem Bürgermeister.

Habe probeweise den Wissenstest für den Erwerb der dänischen Staatsbürgerschaft gemacht. 40 Fragen zur Geschichte, Kultur, Politik und Aktuellem … ich hatte 34 Richtige (gut geraten) und damit bestanden! Vielleicht sollte ich es in echt  probieren, wenn ich fünf Jahre hier gewohnt habe?