Buchmesse-Begegnungen

VorCarmen Wedeland Leipziger Buchmesse 035 ein paar Tagen war ich auf der Leipziger Buchmesse, aus sehr erfreulichem Anlass: Meine erste Geschichte erschien in der Kurzgeschichtensammlung „Mütter“ bei Edition Roter Drache. Gleich am ersten Buchmesse-Morgen durchquerte ich Halle 2 und fand unter Tausenden Büchern das eine Werk.

Es sieht  schön aus und liegt schmeichelnd in der Hand, außerdem enthält es 30 schräge, spannende und schaurige Geschichten. Das ideale Geschenk für den Muttertag 😉

Danach warteten Hunderte Fans nicht auf mein Autogramm, also hatte ich die Möglichkeit, fünf Hallen voller Literatur zu erkunden. Tiefschürfende Gespräche, bahnbrechende Erkenntnisse, wegweisende Vertragsangebote. Was man als aufstrebende Autorin halt so macht.

So schlenderte ich also gemütlich durch die Gänge. Schlich an den Verlagen vorbei, die später meine großen Romane herausbringen werden, sobald ich sie fertig schreibe. Sah gepflegte Menschen an den großen Ständen der Geisteswissenschaft, die Gebäck aßen und Gespräche führten. Sah auch die Jungs wieder, die vom Hauptbahnhof bis zum Messegelände die vollgestopfte Straßenbahn mit Fußballliedern und „Annkatrin aus Berlin“ unterhalten hatten – in nur zwanzig Minuten waren sie mir ans Herz gewachsen, rein räumlich betrachtet. Sah Manga-Fans mit rosa Perücken und Puschelschlappen und überlegte, wo ich mich in diesem kulturellen Kosmos einordnen könnte. Noch war ich ja frei, frei von Fans, Fototerminen und Fachgesprächen. Kein Gebäck mit Geistesgrößen, keine johlenden Horden (mehr) um mich herum, noch nicht mal Kugelschreiber oder lustige Leinenbeutel konnte ich abgreifen, wie früher auf der Frankfurter Buchmesse.

Zum Glück servierten die Frankfurter in einer Ecke kostenlose Kartoffelsuppe. Danach war ich gestärkt für eine Kaffeepause mit Crêpe. Wenn ich so in mich hineinhorchte, hatte ich gar nicht viel Lust, mir lauter Bücher anzusehen. Meine Seele musste erstmal hinterherkommen.

Ein bisschen sehnte ich mich nach Møn zurück, meinem Insel-Refugium, wo gerade jetzt der Frühling ausbricht, Vogelgezwitscher über den Feldern, in Licht gebadete Strände und all das. Ich dachte an die lange Fahrt vom Vortag, über vier Inseln und die Ostsee. Ich dachte an Vincent, einen jungen Portugiesen, den ich vom Fährhafen Gedser bis kurz vor Berlin mitgenommen hatte. Er reist mit Rucksack und Didgeridoo um die Welt, ohne großen Plan, so wie es ihm gerade kommt. Den Winter über hat er auf einem Biobauernhof auf Lolland mitgeholfen, nun will er weiter nach Sibirien, auf der Suche nach spiritueller Erkenntnis. Zur Finanzierung schwebt ihm vor, diesen Abschnitt zu verfilmen. Am Ende der Reise will er irgendwo eine nachhaltig wirtschaftende Öko-Kommune aufbauen. Wir hatten uns viel zu sagen. Allein dafür hat es sich gelohnt, aus dem Refugium herauszukommen.

Aufraffen und rein ins Getümmel! Ich hörte mir ein Podiumsgespräch an, Social Media Marketing für Selfpublisher. Eigentlich habe ich gar keine Lust auf Reklame, vor allem nicht, bevor ich überhaupt meinen Roman fertig habe, aber die anwesenden Erfolgsautoren wirkten sehr überzeugend und sagten, man könne gar nicht früh genug damit anfangen.  Da fällt mir ein – eine Kurzgeschichte von mir kann man ab jetzt käuflich erwerben, eine ziemlich gute sogar, in der Sammlung „Mütter“, vielleicht zum Muttertag? Es ist nicht zu früh, dafür ein gutes Geschenk zu finden.

Ich nahm ein paar gute Ideen mit und stellte fest: Ich brauche mehr Identifikationsfiguren. Also weiter zur Fantasy-Leseinsel und Händeschütteln mit meiner Herausgeberin. Jawoll, ich habe eine Herausgeberin!

Anja Bagus schreibt Steampunk-Fantasy, die in ihrer selbst erfundenen, wirklich fantastischen und philosophisch sehr interessanten Ætherwelt spielt. Sie ist sozusagen die Mutter der „Mütter“, einer ziemlich coolen Anthologie, die man seit Neuestem kaufen kann, direkt im Verlags-Shop, versandkostenfrei, auch über den Muttertag hinaus.

Anja Bagus Leipziger Buchmesse Fantasy-Lesung

Anja Bagus liest aus „Rheingold“

Ganz in der Nähe beim gleichen Verlagsshop gibt es auch mehrere von Anjas Ætherwelt-Romanen. Sie las dann aus ihrem neuesten Roman „Rheingold“, zwei faszinierende Textpassagen und sehr aussdrucksstark vorgetragen, wieder ein gutes Vorbild. So langsam ordnete ich mich ein in diesem Kosmos.

Mit neuer Energie schlenderte ich weiter, nahm nicht nur einen Burrito, sondern auch ein paar Bücher in die Hand (nicht gleichzeitig), wechselte hier und da ein paar Worte, kam in Entdeckerstimmung und passierte schließlich den Waffencheck zur Manga-Comic-Con. Erst hatte ich da gar nicht hingewollt, aber die Mädels in Plüschschlappen überzeugten mich (und der Typ im Spitzenkorsett erst!). Bilder sind wichtiger als Buchstaben, das weiß ich noch aus meiner Redaktionsarbeit, und auch der gepflegteste geisteswissenschaftliche Stand kann einpacken, wenn eine Gruppe geflügelter Wesen mit wippenden Fühlern vorbeischreitet. Neuer Plan: Nächstes Jahr komme ich im Insektenkostüm zur Messe! Hätte ich schon dieses Jahr tun sollen, passend zu meiner Kurzgeschichte „Die Stars der Krabbelgruppe“, die ist nämlich voller bizarrer Insekten.

Ein bisschen Verkleidung hatte ich immerhin dabei, und die trug ich dann am nächsten Tag zur Release Party „meines“ Buches. Fürs Insekten-Nähen hatte es nicht mehr gereicht, aber ich hatte mir eine Kette in Buchcover-Optik gebastelt, helle Herzen und rote Rosen auf schwarzem Grund, und fühlte mich gut gestählt für die Lesung im „Dark Flower“ in der Leipziger Innenstadt.

Es war ein tolles Event: Autoren zum Anfassen, Geschichten mit Herzblut – bei manchen troff es nur so aus den Zeilen. Ich erlebte, was eine Einleitung im Plauderton bringt (Axel Hildebrand, Tatort-Drehbuchautor), wie gut ein schauriges Gitarrenstück zwischendurch tut (Luci van Org, einfach genial) und wie herzlich auch „Erstleser“ willkommen geheißen wurden. Natürlich war ich zu schüchtern spät dran bescheiden gewesen, um mich selbst für einen Auftritt anzumelden, also genoss ich meine relative Anonymität unter 400 ca. 40 Anwesenden und sammelte anderer Leute Autogramme. Mit einem Rucksack voller Bücher verließ ich die Veranstaltung, im Kopf die magischen Worten meines Verlegers: „Wär schön, wenn du beim nächsten Band wieder dabei wärst.“

Leipzig 2017! Ich schreibe, ich komme – und ich lese.
Im Insektenkostüm.
In meinem Kosmos.

Mixed-Media-Malworkshop

Letzten Samstag habe ich neue Kreativtechniken ausprobiert – mit erstaunlichem Ergebnis.

Mixed-Media-Malworkshop 00

Wo kommt dieser Dschungel aus Farben und Formen nur her?

Ich war beim Mixed-Media-Malworkshop der Künstlerin Lise Meijer, die mit gemustertem Papier, viel Farbe, Fantasie und Liebe traumhafte Welten schafft. Im Februar habe ich unter ihrer Anleitung schon ein kreatives Vision Board erstellt, das mir immer noch hilft, meine Träume zu visualisieren und über den Augenblick hinauszusehen.

Diesmal waren wir sechs experimentierfreudige Frauen, die sich in einem Raum voller Mal- und Bastelutensilien trafen. Und zu meiner Freude durften wir nicht sofort zu Papier und Pinsel greifen. Denn es ging nicht nur um handwerkliche Techniken und schon gar nicht darum, möglichst viel zu produzieren. Es ging (wie beim Vision Board) auch darum, offen zu werden für den kreativen Prozess – und etwas zu schaffen, das über uns selbst hinausging.

Das ist mir wohl gelungen – denn ich hätte nie gedacht, dass all dieses Rosalila, die Tupfen, Schmetterlinge und Stoffblumen in mir stecken 🙂

Um das zu erreichen, mussten wir erstmal den Alltag weit hinter uns lassen. Mit Musik und Tanz machten wir uns locker (und warm). Dann leitete uns Lise an, den Zugang zu dem zu finden, was uns wichtig war: Aus Zeitschriften rissen wir Bilder, die uns ansprachen, und notierten darauf Wörter, die uns bedeutsam erschienen. Ohne lange nachzudenken, sollten wir außerdem einen Text über einen Menschen schreiben, den wir bewundern – und ihn anschließend unter einer anderen Fragestellung lesen (die ich erst verrate, wenn ihr es ausprobiert habt). Aus diesem Text sollten wir zentrale Begriffe herausfischen. Dann bekamen wir jede zwei kleine Leinwände; auf der ersten sollten wir gemusterte Papierfetzen spontan verteilen, so dass sie als Basis für ein Bild dienen konnten.

Dann zeigte uns Lise weitere Techniken, mit denen sie ihre Bilder aufbaut. Ich habe sie vor allem auf der zweiten Leinwand ausprobiert.

Schließlich bekamen wir freie Bahn, mit einem der Hintergründe weiterzuarbeiten. Ist es noch zu erkennen? Ich habe den zweiten genommen. Und bearbeitet. Und bearbeitet. Mit allen Techniken, die wir gesehen hatten, und mit jeder Menge Material, das mich ansprach.

Wäre ich nicht so völlig vertieft gewesen, hätte ich vielleicht zwischendurch gestoppt 🙂 Gerade nach Schritt zwei, als die verlaufenden Farben und die weißen Punkte so ein schönes Muster ergaben. Aber es war noch so leer, mir fehlte da irgendwie die Action! Und es ging ja darum, zu spielen, offen zu sein, über sich hinauszugehen. Im Dialog mit dem Material – die Blümchen sprangen mich an und gehörten unbedingt auf die entstehende Waldlichtung. Und im Gedanken an die Begriffe, die uns an diesem Tag wichtig erschienen. Ganz unterschiedliche Bilder sind dabei herausgekommen, jedes auf seine ganz andere Art sehr schön.

Eine Erscheinung ist es bei mir geworden … und genauso, wie ich über das Ergebnis staune, bin ich auch sehr glücklich damit. Denn es steckt tatsächlich sehr vieles darin, was ich auch in meinen Romanfragmenten und Kurzgeschichten ausdrücken möchte. Ich bin also auf dem richtigen Weg – und will versuchen, diese Techniken auch auf das Schreiben zu übertragen. Auch wenn dann mehr Rosalila, Schmetterlinge und Blumen in meinen Texten erscheinen 🙂

Habt ihr beim Kreativsein auch schon Erstaunliches erlebt?

Erschaffe deine eigene Traumwelt

Ich habe viele glückliche Tage in Traumwelten verbracht. Als Kind streifte ich durch die Wälder von Narnia und die Paläste von Tausendundeiner Nacht, als Erwachsene reiste ich durch Wurmlöcher und Rollenspiel-Wüsten. Doch erst jetzt bin ich dabei, meine eigene Traumwelt von Grund auf zu bauen, die Kulisse für meinen ersten Fantasy-Roman. In meinen ersten paar Monaten auf Møn wuchs diese Welt wie von selbst, in meinem Kopf, auf Landkarten und im Laptop … also wurde es Zeit für eine gute Vermeidungsstrategie.

Denn welcher Autor will schon innerhalb von ein-zwei Jahren sein Buch fertigstellen? Vielleicht sogar reich und berühmt werden? Klar, das will man nicht. Also macht man statt Schreiben alles mögliche andere. Abwaschen, aufräumen … naja, ein wenig kreativer darf es werden. Zum Beispiel:

Traumwelt Zengarten Fantasy auf Møn

Der Fantasy-Zen-Garten/Sandkasten für Erwachsene

Man nehme eine Fläche, an der man angenehm stundenlang spielen kann, z. B. seinen Schreibtisch oder eine Kommode – ich habe mir eine aus einem IKEA-Küchenelement gebaut, 80 cm tief und dann noch mit Abstand zur Wand aufgestellt.

Auf diese Fläche setze man einen Behälter. Für die kleine Schreibtischlösung (in Griffweite von der Tastatur) täte es ein Schuhkarton. Ich gönne meiner Spielwiese eine Sperrholzplatte, 140 x 112 cm groß, mit einer ca. zehn Zentimeter hohen Leiste drumherum. Man lege diesen Behälter mit einer schalldämmenden Unterlage aus.

 

Dann fülle man diesen Behälter mit Baumaterial! Ich empfehle …

  • Aquarienkies – nicht ganz billig, aber angenehm, um auch mit bloßenHänden darin zu wühlen, außerdem sauber und farblich sortiert zu haben. Wer eine Wohnung ohne Kinder, Teppiche oder Ritzen hat, kann auch Sand nehmen.
  • schöne größere Steine und knorrige Holzstücke (wer reinen Zen will, höre hier auf zu lesen)
  • farbige Steine, Murmeln, Muscheln, Mosaikplättchen
  • Häuser für Wichtel und Feenvolk
  • weitere Bauwerke nach Lust und Laune
  • Spiegel und Glasscheiben, die schöne Wassereffekte ergeben
  • Mensch- und Tierfiguren (da muss ich noch auf die Suche gehen … vielleicht ein Heer Gummidinosaurier?)

 

Dann heißt es: Schaffe, schaffe, Weltle baue!

Wie bitte? Ich wollte doch nur spielen – und jetzt habe ich schon wieder eine Traumwelt geschaffen. Wenn ich nicht aufpasse, entstehen darin bald zwei Kreidefelsen, ein paar Leuchttürme … und Ungeheuer besiedeln die Tiefe. Und schon gibt es Stoff zum Schreiben.

 

Wie würde eure Traumwelt aussehen?

Wer es ausprobieren will – kommt mich doch auf Møn besuchen. Im Juni, Juli und August kann man mein Zimmer sogar mieten und den ganzen Tag im Kies wühlen. Und zwar in der Pension Bakkegaard Gæstgiveri Møns Klint. Weitere Fotos von meiner Traumwelt gibt es hier, und in den nächsten Monaten schreibe ich noch etwas mehr über meine Gedanken bei der Ausgestaltung. Denn da ist Raum für viele Vermeidungsstrategien!

Update: Knapp ein Jahr später haben meine Gäste und ich viel in meinem „Zengarten“ gespielt. Hier ein Rückblick: Kleine Welten auf der Wohnzimmerkommode

Wie ich nach Møn kam, um zu schreiben

Vor anderthalb Jahren habe ich mein Leben spontan geändert. Ich habe meine Arbeit und die Menschen, die mir wichtig waren, hinter mir gelassen, um auf eine Insel zu ziehen und ein Buch zu schreiben. Oft werde ich gefragt, wie es dazu gekommen ist. Letztes Jahr im Sommer hatte ich die Ehre, dazu eine Rede halten zu dürfen, am Johannisfeuer in der Pension Bakkegaard Gæstgiveri Møns Klint, die inzwischen mein Zuhause geworden ist. Die Rede war auf Dänisch; nun habe ich meinen eigenen Text endlich in meine Muttersprache übersetzt ;-), und ihr könnt ihn nachlesen.

Als Teil meines Projektes „Integration in Dänemark“ noch ein kurzer Einschub auf Dänisch …

I dag får I mulighed for at læse min båltale, som jeg holdt på Bakkegaard Gæstgiveri Møns Klint til Skt. Hans sidste år. Den fortæller, hvordan jeg kom til Møn og ændrede hele mit liv for at blive forfatter. Se her min historie som PDF: Hvordan jeg kom til Møn – båltale til Skt Hans.

Hier also meine Geschichte, natürlich nicht ohne Fotos:

 

Rede zur Johannisnacht
in der Pension Bakkegaard Gæstgiveri Møns Klint, Juni 2014

Guten Abend!

Es freut mich sehr, dass ich heute Abend hier am Johannisfeuer eine Rede halten darf – und es überrascht mich auch ein wenig …

… denn eigentlich wollte ich auf Møn nur fünf Tage Urlaub machen, und das war im August letztes Jahr. Jetzt bin ich von München nach Møn gezogen, ich schreibe ein Buch und habe ein neues Leben begonnen.

Sie stehen also an einem gefährlichen Ort – denn all diese Umwälzungen begannen mit einem kurzen Besuch hier auf dem Bakkegaard.

„Fünf Tage Urlaub an diesem schönen Ort? Haben Sie ein Glück, dass Sie soviel Zeit haben“, sagten ein paar andere Touristen zu mir, als wir damals aufs Meer blickten. Sie hatten die Kreidefelsen gesehen und mussten schnell weiter.

Ich konnte in diesem Urlaub überhaupt nichts schnell machen, denn ich war kurz vor der Abreise mit dem Fuß umgeknickt. Ich musste es langsam angehen – wie sich zeigte, war das mein großes Glück.

Was ich noch konnte, war Auto fahren, und so fuhr ich zu den Kreidefelsen, genau wie Scharen andere Touristen an jenem schönen Tag im August. Und dann ging ich Dänemarks längste Treppe hinab. 497 Stufen. Machbar in zehn Minuten – wenn man schnell ist. An Krücken brauchte ich fast eine Stunde. Als ich endlich am Strand war, setzte ich mich auf einen Stein, denn ich konnte keinen Meter weitergehen. Mir tat der Fuß weh, und mir tat die Seele weh. Mein Vater war gestorben, meine Mutter war gestorben, und meine Ehe war in die Brüche gegangen, das Ganze im Laufe von neun Monaten, und ich wusste nicht mehr, was ich mit meinem Leben anfangen sollte.

 

Ich saß also auf dem Stein und sah aufs Meer und die Kreidefelsen. Ich saß dort über eine Stunde lang.

Die Wellen rollten heran, wie sie an allen Küsten heranrollen, überall auf der Erde. Sie rollten heran und rollten hinweg, rollten heran und rollten hinweg. Ich sah aufs Meer und atmete mit den Wellen und wurde ganz ruhig.

Eine Gruppe Schüler kam vorbei, warf Steine ins Wasser und ging schnell weiter. Ich blieb sitzen, dort auf dem Stein.

Ich konnte unmöglich schnell weitergehen. Hinter mir erhoben sich die Kreidefelsen in den Himmel. Über hundert Meter Kreide. Strahlend weiß vor dem blauen Himmel. Steiler als alle Hänge der Alpen. Uralt, überwältigend und schön.

Scharen von Touristen kamen die Treppe herunter, machten Fotos und stiegen schnell wieder hinauf. Ich blieb sitzen, dort auf dem Stein, und zum ersten Mal seit vielen Monaten tat mir nichts weh.

Mein Leben war im Lauf eines Jahres dreimal zusammengebrochen. Doch als ich dort auf dem Stein saß, begriff ich, dass alle meine schlimmen Erfahrungen im Vergleich zu den Kreidefelsen verschwindend gering wogen. Zehntausend Jahre dauert es, bis eine Handbreite dieser Felsen entsteht. Millionen von Kokkolith-Algen waren abgestorben, und ihre Skelettreste hatten diese unglaublich schöne Kreide gebildet. Die Kreide war auf den Meeresboden gepresst und wieder hochgehoben worden, Stücke waren abgebrochen und ins Meer gefallen, und doch war aus dem Ganzen etwas Neues geworden, riesig und wunderbar. Das Leben kann zusammenbrechen, und etwas Fantastisches kann daraus entstehen. Wie konnte ich noch traurig sein? All meine schmerzlichen Erlebnisse waren Teil eines größeren Plans. Etwas völlig Neues und Fantastisches war am Entstehen, das spürte ich, als ich dort auf dem Stein saß.

 

Fünf schöne Tage verbrachte ich hier auf dem Bakkegaard. Ich machte kurze Spaziergänge und las viel, und ich machte Notizen – zu Kreide und Meerwasser und der Pflanzenwelt hier auf der Insel.

Ich war nämlich auch nach Møn gekommen, um Ideen für einen Fantasy-Roman zu sammeln. Nach all den Katastrophen in meiner Familie war das das Einzige, wozu ich wirklich Lust hatte. Als Kind hatte ich immer davon geträumt, mit Bäumen und Tieren und Elfen zu sprechen. Mit 13 schrieb ich mein erstes Märchenbuch, 41 Seiten über eine Prinzessin und ein Hirtenmädchen, die entdeckten, dass sie Zwillinge waren und gegen eine Räuberbande kämpfen mussten (hier in einer maschinengeschriebenen Prachtausgabe mit meinen eigenen Illustrationen).

 

Leider machte ich damit nicht weiter. Ich vergaß meine Fantasy-Welt und wurde Journalistin und schrieb über ernsthafte Themen wie Deutschlands Ausbildungssystem und Arbeitsmarkt. Später bekam ich einige große Unternehmen als Kunden, und statt von Magie und Heldentaten schrieb ich von industriellen Produkten und Marketingstrategien. Zum Beispiel eine Chronik für Bosch und Siemens Hausgeräte (hier in einer gedruckten Prachtausgabe mit professionellen Illustrationen). Und damit verdiente ich richtig viel Geld, also war das wohl besser, als Märchenbücher zu schreiben.

So vergingen über 25 Jahre ohne weitere Fantasygeschichten von meiner Seite. Und ich dachte, ich sei mit meinem Leben zufrieden.

Bis zu dem Tag, als mein Vater von einer Leiter fiel und starb. Da merkte ich: Wenn man einen Traum hat, muss man ihn sofort verfolgen, denn es kann jederzeit zu spät sein. Drei Monate später starb meine Mutter an Krebs, und ich erbte genug Geld, um gleich mehrere Träume zu verfolgen, doch in all den Jahren hatte ich vergessen, was mein Traum eigentlich war.

Aber im April letzten Jahres tauchte der Anfang einer Geschichte in meinem Kopf auf: von einer Insel, die auf Fossilien erbaut ist, wo die Menschen magisches Glas herstellen und im Luxus leben, ohne zu ahnen, dass ihre Insel von einem vorzeitlichen Ungeheuer bedroht ist und in einer Sturmflut versinken wird, wenn sie nicht lernen, zusammenzuarbeiten und ihre Insel zu retten.

Diese Geschichte zu schreiben war das Einzige, wozu ich in jenem traurigen Sommer letztes Jahr in München noch Lust hatte.

Also kam ich nach Møn, um zu erleben, wie es auf einer Insel aussieht, die auf Fossilien erbaut ist. Ich fand die Fossilien und noch viel mehr: Ich fand Kreidefelsen, Glaskünstler und einen magischen Ort, der Kreativität ausstrahlt. Und nach meiner Stunde auf dem Stein bei den Kreidefelsen dachte ich: Langsam ergibt das hier alles Sinn!

Ich kehrte nach München zurück und sagte allen meinen Bekannten: Ich habe beschlossen, mein altes Leben hinter mir zu lassen, nächste Woche fahre ich auf eine dänische Insel und schreibe ein Fantasy-Buch.

Und alle sagten: Das will ich auch!

Keine Ahnung, warum sie heute nicht hier sind … aber ich kam, und die nächsten Monate wurden die glücklichsten meines Lebens.

 

Ich wohnte auf dem Bakkegaard und ging viel spazieren, im Kliffwald und am Strand. Jedes Mal kam ich mit neuen Ideen zurück. Ich beschloss, dass meine Fantasy-Insel Kreidefelsen wie Møn haben musste – noch besser, ich brauchte zwei Inseln mit zwei Kreidefelsen, die einander gegenüberlagen. Und ich brauchte Leuchttürme, nicht nur einen wie hier in der Nähe, sondern mehrere in unterschiedlichen Farben. Außerdem brauchte ich einen Zauberwald und jede Menge Höhlen und Erdlöcher mit lebenden Fossilien.

Am Ende hatte ich fast 100 Seiten Beschreibungen meiner Welt.

Auch meine Figuren erwachten zum Leben, und sie begannen zu heiraten und Kinder zu kriegen, und im Dezember waren es plötzlich zehn Hauptfiguren und etwa 30 Nebenfiguren. Ich liebte jede einzelne von ihnen!

Ich beschloss, dass die Glaskünstlerin in Kapitel 2 einen Leuchtturm bauen sollte, in Kapitel 4 würde er zusammenbrechen, in Kapitel 8 würde das Fossil zum Leben erwachen … Bald umfasste mein Plot 50 Seiten, und ich fühlte mich wie eine Göttin! Ich erschuf eine Welt und bestimmte über Leben und Tod. Ich war allmächtig!

 

Und dann ging irgendetwas schief. Jedes Mal, wenn ich von einem Spaziergang zurückkam, hatten die Figuren angefangen, meine Pläne umzuschreiben. Sie saßen auf der Tastatur und riefen mir entgegen: Deine Pläne für Kapitel 2 und 4 und 8 sind Quatsch. Und im Übrigen haben wir uns jede Menge Nebenhandlungen ausgedacht, die auch noch in dein Buch müssen.

Am Ende hatte ich Hunderte Seiten voller Ideen, aber keinen einzigen Satz geschrieben!

Doch dann, in einer finsteren Januarnacht, begann ich endlich zu schreiben. Nach einer Woche hatte ich anderthalb Kapitel in nobelpreiswürdigem Deutsch und dachte: „Wahnsinn! An Ostern bin ich wohl fertig, dann erscheint das Buch und ich werde reich und berühmt.“ Also schickte ich den Text ein paar Testlesern. Und die wurden ganz verwirrt von meinen zehn Hauptfiguren, und die Handlung begriffen sie überhaupt nicht.

Ein paar Tage lief ich weinend herum, und meine zehn Hauptfiguren saßen auf der Tastatur und ließen die Köpfe hängen. Und im Februar strich ich die Hälfte von ihnen und begann von vorn. Ich schrieb wieder anderthalb Kapitel und fand selbst, dass ich das Ganze jetzt im Griff hatte. Die Testleser sagten, der Text sei jetzt besser.

Doch dann las ich das Ganze selbst noch einmal und fand, dass irgendetwas ganz und gar nicht stimmte. Der Text drückte nicht den Kern dessen aus, was ich gern sagen wollte. Wenn ich die Botschaften, die mir vorschweben, wirklich vermitteln will, muss ich wohl noch mehr Nebenhandlungen und eine Hauptfigur streichen.

Inzwischen arbeite ich an der dritten Version meiner ersten Kapitel. Nun glaube ich nicht mehr, dass Autoren allmächtige Schöpfer sind. Einen Roman zu schreiben, das ist mehr, als würde man die Entstehung der Kreidefelsen beobachten. Jede Menge winziger Ideen werden geboren und sterben ab, sie sinken auf den Meeresboden und werden zusammengepresst, sie tauchen wieder auf, strahlen in der Sonne und fallen in sich zusammen. Und der ganze Prozess dauert Millionen Jahre.

 

Trotzdem bin ich überglücklich, dass ich letztes Jahr im August hierherkam, um fünf Tage Urlaub zu machen. Ich habe einen Ort gefunden, an dem ich mein Leben verbringen will, und Vivi und Uffe haben mich willkommen geheißen, gemeinsam mit vielen anderen freundlichen Menschen hier auf Møn. Deshalb bleibe ich hier auf dem Bakkegaard wohnen, denn das war das Beste, was ich in meinem ganzen Leben gemacht habe: Ich kam hierher, saß auf einem Stein an den Kreidefelsen und versuchte nicht, schnell weiterzukommen.

Danke, dass ihr mir Gesellschaft geleistet habt!

Visionen für 2015

Vision Board Workshop 028

Traraaaaaaaa! Nach wochenlangem Kämpfen, Grübeln, Zweifeln, Listen-Schreiben und Auf-den-Bildschirm-Starren fand ich … die Antwort auf alle meine Fragen. Meine Visionen für das Jahr 2015. Meine Träume, meine Ziele auch darüber hinaus.

Aber ich fand sie nicht, weil ich wochenlang kämpfte, grübelte, zweifelte, Listen schrieb und auf den Bildschirm starrte. Nein, meine Visionen kamen wie von selbst, in einem spielerischen Prozess, der die reine Freude war. Und der (leider) nur ein paar Stunden dauerte.

Ich habe gestern an einem „Vision Board Workshop“ teilgenommen. Unter Anleitung der Künstlerin Lise Meijer, deren Bilder ihr hier auf ihrer Website bewundern (und kaufen) könnt, trafen sich fünf Frauen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen, Wünschen und Talenten, um ihre Visionen auf kreativem Weg greifbar zu machen. Wir schrieben, wir meditierten, wir tanzten sogar unsere Träume, und dann ging es auf „Schatzsuche“.

 

Wie findet man in der Unordnung auf dem Fußboden, in den wirren eigenen Gedanken nun die eine, strahlende, lockende Vision, die einen für das ganze Jahr beflügelt? Ihr müsst schon selbst so einen Workshop mitmachen, um es zu erleben. Ich kam mit vielen guten Vorsätzen … Schreiben. Malen. Lesen. Spazierengehen. Mehr Leute treffen. Noch mehr Zeit für mich haben. Geld verdienen und Gutes tun …

Meine Vision für 2015, die all dies umfasst und noch mehr, heißt ab heute:

SCHÖPFEN.

Neues schaffen, nicht nach einem starren Plan, nicht im Kampf gegen Widerstände, nicht unter Druck. Sondern im Zusammenspiel aus Gedanken und Gefühlen, intuitiv, auf meine innere Stimme hörend, inspiriert von der Natur, der Kunst und den vielen tollen Menschen, die ich in den letzten Jahren kennenlernen durfte.

Danke, dass ihr da seid, mit all euren unterschiedlichen Träumen und Begabungen. Wir beflügeln und ergänzen einander, wie Stimmen in einem großen Chor.

Was ist eure Vision für 2015?

Inselauszeit

Ulvshale und Nyord im Schnee 048

Neujahrsmorgen: Start in die Zukunft.
Das Laufband rollt an. Es geht los.
Ich will vieles schaffen.
Gute Vorsätze: Sport treiben, Aufträge abarbeiten, vorankommen.

Ich beginne von vorn.

Neujahrsmorgen: Stille Zeit.
Ich bleibe lange liegen. Ruhe. Träume.
Ich werde Schönes schaffen.
Gutes verwirklichen: Singen … schreiben … innehalten.

Ich bin angekommen,
auf meiner Insel aus Zeit.