Musik als Muse

Gestern wollte ich endlich an meinem Roman weiterarbeiten. Dutzende Ideen warten schließlich darauf, geordnet und ausformuliert zu werden. Aber nach mehreren Monaten Sommerjob war ich müde. Ich hörte Musik und driftete ab. Und so endete der Abend mit einer Shoppingtour auf Amazon, wie schon so manche Abende vorher. Doch ich hoffe, dass diese Einkäufe mich später beim Schreiben unterstützen werden. Denn ich kaufte Musik, noch mehr Musik. Und Musik hilft mir beim Schreiben, ganz allgemein oder auch für bestimmte Zwecke. Hier eine Auswahl meiner Lieblingsstücke:

Treppenhaus Stift MelkGeorg Friedrich Händel: „The Messiah“
Der grüne Tee in meiner Musiksammlung, denn klassische Musik fördert die Konzentration. Mit über zwei Stunden Spielzeit ist das Oratorium lang genug, um komplexe Produktbeschreibungen für meinen Kunden zu bearbeiten. Leider werde ich das Stück bei keinem Konzert mehr genießen können, ohne dass vor meinem inneren Auge Tabellen und Bullet Points erscheinen. Eine ähnliche Wirkung hat auf mich z. B. die „Johannespassion“ von Bach. Beides funktioniert aber nur, weil ich die Stücke schon längst in- und auswendig kenne, so dass mich der Text nicht mehr ablenkt.

Feuerwerk in ChinaMichael Gioacchino: „Super 8“
Diesen Tipp habe ich von der Website eines anderen Schriftstellers und wenn ich noch wüsste, von wem, würde ich mich überschwänglich bei ihm bedanken. Ich habe mir angewöhnt, die Filmmusik zu hören, wenn ich Romanszenen aus der Sicht meines Protagonisten entwerfe. Inzwischen sehe ich die Welt schon aus seinen Augen, sobald die ersten Takte laufen! „Super 8“ ist die Cocktailkarte in meiner Kollektion: Die Stücke versetzen mich in ganz unterschiedliche Stimmungen, meist schwingt etwas Unheilvolles und Dringliches mit. Ähnlich gut funktioniert die Filmmusik zum „Herrn der Ringe“ von Howard Shore – nur dass ich hier der Versuchung widerstehen muss, alle paar Seiten Orks durch mein Buch jagen zu lassen.

Glaspalast in IndienAgnes Obel: „Aventine“
Dieses wunderschöne Album wäre die Weißweinschorle in meiner Musikbar, und seit dem ersten Hören assoziiere ich es mit einer weiteren Hauptfigur meines Romanprojekts. Klaviertöne wie glitzernde Glasperlen, schwingende Saiten und eine Stimme, die Felsen vibrieren lassen könnte – Obels Musik malt meine Fantasy-Insel vor mein inneres Auge, so, wie sie meine Protagonistin liebt. Sie ist Glaserin und rein zu Recherchezwecken habe ich vor Kurzem ein Album mit Glasharmonika-Musik angeschafft: William Zeitler, „Music of the Spheres“. Auch das ist so schön, dass ich den ganzen Abend in Insel-Erscheinungen schwelgen könnte, statt sie endlich verständlich aufzuschreiben 🙂

Statuen in KärntenHerbert Howells: „Requiem/Take Him, Earth, For Cherishing“
Natürlich wird meine Romaninsel in ihrer ganzen Schönheit irgendwann untergehen – oder? Das glückliche Leben mancher Figuren wird jedenfalls schmerzvolle Veränderungen erfahren.  Melancholie, Loslassen, Versöhnung und Hoffnung – so eine Stimmung strebe ich gegen Ende meines Buches an. Und finde sie in der o. g. Sammlung englischer Chorwerke von Howells. (Um in der Getränkemetapher zu bleiben: dem Salbeitee mit gaaaanz viel Honig in meiner Sammlung.) Ähnlich ergreifend finde ich auch das „Pater Noster“ von Michael Bojesen, eine sehr moderne Komposition, die für mich nun bis zum Jüngsten Tag mit meiner Kurzgeschichte „Siebenfinger“ verbunden sein wird: helle Stimmen, die aus dem Jenseits rufen …

Habt ihr auch solche Musikstücke, die euch in eine andere Welt versetzen und eure Kreativität beflügeln?

(P. S. Die Fotos haben geografisch oder geschichtlich nichts mit den Stücken zu tun, aber sie versetzen mich in eine ähnliche Stimmung 😉 )

 

 

Sportliche Erfolge

Den Nachrichten entnehme ich, dass es bei einem gewissen Großereignis in Südamerika an deutschen Medaillen mangelt.

In aller Bescheidenheit möchte ich daher auf ein paar sportliche Erfolge hinweisen, die ich in letzter Zeit erringen konnte 🙂

Dazu muss ich sagen, dass meine früheren Anerkennungen in diesem Bereich übersichtlich waren. Okay, beim Münchner Stadtlauf vor mehreren Jahren gab es Jubel im Publikum, als ich nach weit über einer Stunde ins Ziel einlief kroch. Man dachte allerdings, ich hätte als eine der ersten Läuferinnen die 20 Kilometer geschafft. Nach ein paar Sekunden des Triumphs gab ich klein bei und holte mir als eine der Letzten die 10-km-Urkunde ab.

Immerhin, eine Urkunde! Bei den Bundesjugendspielen war das noch anders. Mein Handstand ohne Hilfestellung wurde nicht gewürdigt, etwas anderes konnte ich nicht. Keine Urkunde, keine Medaille. Kein Erfolgserlebnis.

Ich bin halt von der langsamen Truppe. Doch jetzt, nach jahrzehntelangem Anlauf, ist mir der Sprung aufs Siegertreppchen gelungen. Wenn auch in einem anderen Metier. Letzte Woche bekam ich das gleich vierfach dokumentiert:

Storyolympiade LogoStoryolympiade: „Labyrinthe“

Jawoll, Olympia – ich habe Bundesjugendspiele und Stadtlauf abgeschüttelt und bin bei den ambitioniertesten unter den Amateuren angekommen! Gerade habe ich den Vertrag unterschrieben: meine Kurzgeschichte „Kurven“ erscheint in der Sieger-Anthologie der Storyolympiade 2015-16, beim Verlag Torsten Low. Das Thema lautete „Labyrinthe“.  Die Storyolympiade ist ein größerer Schreibwettbewerb in der Phantastik-Szene: 219 Autoren nahmen diesmal teil, 24 wurden ausgewählt. Zwei nannten ihre Geschichte „Gedankengänge“, darunter ich … mein neuer Titel „Kurven“ zeigt vielleicht noch besser, in welche Richtung es geht … 🙂

„Phantastische Sportler“

Auch meine Kurzgeschichte „Der Auswechselspieler“ wird in einer Anthologie veröffentlicht. Das Buch erscheint ebenfalls im Verlag Torsten Low, Herausgeber sind Wolfgang Schroeder und Markus Heitkamp mit Unterstützung der Geschichtenweber. Insgesamt 20 Autoren schafften es in die Mannschaft, 80 Geschichten waren eingereicht worden. Das freut die Sportlerin, die früher niemand in seinem Team wollte! Meinen Protagonisten freut es auch, denn er steht gern im Rampenlicht. Auf acht Beinen. Solange nicht ausgewechselt wird …

Zurück zu den WurzelnMarburg-Award: „Zurück zu den Wurzeln“

Vom Rampenlicht wechseln wir jetzt ins Düstere. Meine bisher horrormäßigste Geschichte, „Siebenfinger“, ist in der diesjährigen Sammlung des Marburger Vereins für Phantastik abgedruckt worden. Hier werden alle eingereichten Geschichten veröffentlicht, dieses Jahr 25. Der Band erschien in kleiner Stückzahl zum Marburg-Con im April und um Kosten zu sparen, habe ich mein Exemplar erst letzte Woche bei einem Deutschlandbesuch abgeholt. Meine Geschichte handelt von gruseligen Gewächsen … auf einem Friedhof im Frühling.

Mütter Anthologie Hg Anja Bagus Edition Roter Drache 2016„Mütter“

Schnell wieder zu den schönen Dingen. Diese anheimelnde Kurzgeschichtensammlung erschien im März bei Edition Roter Drache und jetzt habe ich zum ersten Mal in meiner steilen Autorenkarriere eine Rezension bekommen, die mich namentlich erwähnt. „Abgefahren“ findet Scratchcat vom UnArtMagazin meine Story „Die Stars der Krabbelgruppe“. Das rechne ich mir doch gleich als weitere Medaille an. Denn die Geschichte ist wirklich nur in den ersten Zeilen anheimelnd. Danach entbrennt ein Wettkampf, wie ihn sich nur Mütter liefern können, deren Mundwerkzeuge nicht von dieser Welt sind.

So, ich hoffe, euch ist der Sport jetzt auch so egal wie mir und ihr habt Lust bekommen, schräge Geschichten zu lesen oder selber zu schreiben. Viel Spaß und viel Erfolg dabei 🙂

P. S. Mehr zu den Hintergründen der genannten Geschichten findet ihr hier:
Labyrinth des Lebens
Ideen-Invasion
Meine erste Geschichte erscheint!

 

Die besten Blogs für Buchautoren

Im Mai habe ich vier Ratgeber für Romanautoren vorgestellt, die ich immer wieder zur Hand nehme.

Jetzt kommen die besten Blogs für Buchautoren – natürlich wieder aus meiner völlig subjektiven Sicht 🙂

Richard Norden:
Autorennewsletter/WritersWorkshop.de

Jeden Samstag freue ich mich, wenn der „Autorennewsletter“ von Richard Norden in meinem E-Mail-Postfach landet. Man kann ihn auf der Seite WritersWorkshop.de abonnieren oder die alten Beiträge auf seinem Blog nachlesen. Norden liefert anschauliche Tipps zum Handwerk des Schreibens, sein aktuelles Schwerpunktthema sind beispielsweise „Protagonisten“:

Eine der häufigsten Fragen rund um Protagonisten ist, wie man Romane mit mehreren Protagonisten schreibt. Die Antwort auf diese Frage gefällt den meisten allerdings nicht: „Nach Möglichkeit gar nicht.“

Diese etwas launisch klingende Antwort hat einen Grund. Die meisten Romane werden besser und stärker, wenn man sich auf einen einzigen Protagonisten beschränkt.

Aber wird das nicht langweilig? (…)

Darüber grüble ich seit letztem Samstag nach … Richard Nordens Ausführungen dazu gibt’s in seinem Artikel „Wie viele Protagonisten kann ein Roman vertragen?“.

 

Stephan Waldscheidt:
Schriftzeit.de

Stephan Waldscheidt hat es im Mai schon auf meine Ratgeber-Empfehlungsliste geschafft, mit seinem Buch Schreibcamp – Die 28-Tage-Fitness für Ihren Roman. Seine Website schriftzeit.de enthält noch viel mehr plakative, anschauliche und überzeugende Schreibtipps. Jeder einzelne davon macht mir Lust, mein komplettes Buchprojekt umzukrempeln und es noch, noch, noch besser zu machen. Zum Beispiel dieser:

Ich bin ein großer Fan von detailreichem Schreiben. (…) Dennoch findet sich in manchen Romanen eine erdrückende Detailfülle bei Beschreibungen. Das können genaue Beschreibungen von Dingen sein, wie etwa die eines Portals, die sich über mehrere Seiten erstreckt (Umberto Eco, »Der Name der Rose«). Oder minutiöse Aufzeichnungen von Abläufen (»Sie hob das rechte Bein, drehte sich auf dem linken um die eigene Achse und trat dem Angreifer mit der ausgestreckten Zehe zwischen die zweite und dritte Rippe von oben. Der Angreifer fiel nach hinten, wischte bei dem Versuch, sich irgendwo zu halten, mit der linken Hand Gläser vom Tisch, und zog mit der rechten gleichzeitig seine Pistole und schnippte mit dem Daumen den Sicherungshebel …«).

Das ist realistisch, oder? In der Realität ist dieses Portal so detailreich, Eco hätte ein ganzes Buch darüber schreiben können statt nur zehn oder zwanzig Seiten. In der Realität sind Bewegungen von Menschen bei einem Kampf so komplex, dass man jeder Kampfsekunde mindestens zwei, drei Sätze widmen müsste, um sie einzufangen.
Die Realität ist: Sie können das Leben nicht einmal ansatzweise erschöpfend beschreiben. Sie schaffen es nicht einmal, auch nur ein Prozent der Wirklichkeit in Ihrem Roman abzubilden. (…)

Also versuchen Sie es gar nicht erst. Jedes Buch hat einen Mechanismus mit eingebaut, der dafür sorgt, dass die Geschichte den Detailreichtum bekommt, den sie braucht, um zu wirken. Man nennt diesen Mechanismus umgangsprachlich auch »Leser«.

Ihre Aufgabe als Autor ist es, Kondensationskerne in den Kopf Ihrer Leser zu pflanzen, aus denen die Story entsteht.

Wie man das anstellt, erklärt Stephan Waldscheidt in seinem Artikel „Realistische Romane schreiben“, aus dem obiges Zitat stammt.

 

Writers Write

Der Blog einer Schreibschule aus Südafrika liefert prägnante Tipps zum Schreiben, gewürzt mit Checklisten, Grafiken und immer viel Humor. Hier ein Auszug aus Mia Bothas Artikel zu der Frage, wie man Schauplatz, Handlung und Dialog geschickt verknüpft:

As I have mentioned, I prefer dialogue to narrative. So much so, I actually skip blocks of description when I read. This is obviously not ideal, but then again neither is my wine habit. And I’m not giving that up either. (…)

How do I include setting detail without inducing a coma with blocks of description? Remember, I love writing that shows. There are authors who excel at telling and who write brilliant, intoxicating descriptions. I don’t. I want stuff to happen. (…)

Consider this example:

“Why did you choose this place?” His nose is scrunched. His upper lip is pulled up at the corner. “It’s very dark in here.”
“You said you didn’t mind where we ate.” She sighs, closing her eyes for a moment.
“Well, I mind now.” He tries to move his chair, but it catches on the thick carpet. “How do they expect you to move your chair?” He tugs it again.
“Do you want to go somewhere else?”
“I’ll survive I suppose,” he says and flicks open the menu. “When in Rome,” he mumbles, “although I suppose Rome would find the association rather insulting.” (…)

Das ausführliche Beispiel findet ihr in Mia Bothas Blogbeitrag „How To Convey Setting In Dialogue – Without Sounding Like A B&B Brochure“.

 

Andreas Eschbach: Übers Schreiben

Andreas Eschbach schreibt natürlich vor allem Bestseller, aber bis 2007 hat er viele Artikel rund um den Schriftstelleralltag verfasst, die er auf seiner Website im Bereich „Übers Schreiben“ archiviert hat. Unterhaltsam, hilfreich und erfrischend desillusionierend:

Zum Thema Schreiben pflegte Georges Simenon zu sagen:

„Wenn Sie im Leben etwas anderes tun können als zu schreiben,
dann rate ich Ihnen: Tun Sie das.“

Dieser Teil meiner Website ist für all diejenigen gedacht,
die sich außerstande sehen, diesen weisen Rat zu befolgen.

Was finden Sie hier? Nicht das x-te Buch über das Handwerk des Schreibens, sondern schlicht und einfach eine Menge Fragen, die mir irgendwann in den vergangenen Jahren per Mail gestellt wurden, samt der Antworten, die ich darauf gegeben habe. Ich habe mich bemüht, das Ganze in Themenbereiche zu untergliedern, aber das kann und soll nicht darüber hinwegtäuschen, daß es hier so unsystematisch und widersprüchlich zugeht wie im richtigen Leben.

Klingt interessant? Stammt aus Andreas Eschachs gesammelten „Fragen und Antworten“, mit denen man sich wunderbar vom Schreiben ablenken zum Schreiben inspirieren lassen kann.

Was sind eure Lieblingsblogs für Buchautoren?

Was Bücherschreiber vom Brexit lernen können

Ich bin eine Träumerin. Jahrelang verfolgte ich mein Romanprojekt und nicht das Weltgeschehen. Dabei könnte gerade das Weltgeschehen jedes Romanprojekt weiterbringen. Bestseller dank Brexit – so geht’s:

Brexit Bestseller 05Die klare Botschaft bringt’s
„Jede Woche 350 Millionen Pfund mehr für das britische Gesundheitswesen!“ Mit solchen plakativen Versprechen kann man öde EU-Vorschriften, -Verflechtungen und ihre Folgen locker übergehen und dem Publikum helfen, sich schnell eine Meinung zu bilden. Wir alle brauchen  Orientierung in dieser faktenüberfrachteten Welt!

Komplikation für Politiker: Einzelne Nervensägen werden hinterher nachbohren, wie diese Versprechen nun umzusetzen seien. Aber als Buchautor? Nur los! „Wenn Mathilda ihren Greg kriegt, wird ihr Leben endlich gut!“ Ein paar Kapitel Spannung, dann: Sie kriegt ihn und alles wird gut. Das Buch ist zu Ende; spätere Details wie Ehekrisen, Kindergeschrei und Rentnerelend kümmern niemanden. Die Leser(innen) sind happy und kaufen dein nächstes Buch.

Brexit Bestseller 02Polarisieren mit Personen
Warum ist David Cameron gescheitert? Wie tickt Nigel Farage und was wird er erreichen? Wie wirkt sich der Brexit auf Leute aus, an denen mir liegt – meine englische Freundin, deren Urlaub gerade viel teurer geworden ist; meine deutsche Klassenkameradin, die seit Jahrzehnten in London arbeitet;  mich selbst und andere Nomaden, wenn in weiteren Ländern die Anti-Stimmung steigt? Ich brenne darauf, es zu erfahren!

Bis dahin schreibe ich weiter. Baue packende Protagonisten und aufregende Antagonisten auf, bringe sie in Schwierigkeiten, zwinge sie, ihr Leben zu hinterfragen. Damit die Leser mit (und vor) ihnen zittern, bis sie wissen, wie die Geschichte ausgeht.

Brexit Bestseller 04Initialzündung statt Infodump
Beitrittsverhandlungen der EU … Vorschriften und Verflechtungen … gähn. Das war bisher der Punkt in den Nachrichten, wo jeder Fernsehzuschauer zum Fußball überwechselte. Heute dagegen: Hilfe! Großbritannien tritt aus! Wie lauten die Vorschriften für so einen Fall? Wie eng sind wir überhaupt mit denen verflochten? Wird Schottland sich nun doch noch lossagen und der EU wieder beitreten? Superspannend, wollen wir wissen!

Was lernen Bücherschreiber vom Brexit? Langweile den Leser nicht mit Hintergründen. Dynastien, Gesetze und Wirtschaft deiner Romanwelt interessieren erstmal keinen. Beginne mit einem Knaller – der König wird ermordet, eine Mannschaft meutert, die Heldin entdeckt, dass sie adoptiert ist. Der Leser ist alarmiert und legt dein Buch nicht mehr aus der Hand. In der folgenden Handlung kannst du die Hintergründe einbauen, nicht als statische Beschreibung der Vergangenheit, sondern als heiß machende Hinweise auf künftige Entwicklungen.

Beflügelt der Brexit auch eure Fantasie?

Vier Ratgeber für Romanautoren

In den letzten Jahren haben sich in meinem Bücherregal eine ganze Reihe Schreibratgeber angesammelt. Manche sind ein wenig eingestaubt, andere ziehe ich dagegen immer wieder zu Rate oder nutze sie, um mich in finsteren Stunden vom Sinn des Autorendaseins zu überzeugen. Hier meine Favoriten für Romanautoren:

Louise Doughty:
Ein Roman in einem Jahr. Eine Anleitung in 52 Kapiteln
Eine wunderbare Hilfe, um sich dem Traum vom eigenen Buch anzunähern. Vielfältige Übungen regen an, sich eine Sammlung von Ideen zuzulegen und sie fast unmerklich zu einer Romanhandlung zu verdichten. Ich habe das Buch zweimal begeistert durchgelesen, vom Schreiben geträumt und mit Freundinnen übers Schreiben diskutiert. Erst beim dritten Mal habe ich die Übungen endlich gemacht – und das hat es wirklich gebracht: Viele davon sind zu Keimzellen meines eigenen Romans geworden.

„Schreiben Sie ein oder zwei Absätze aus der Sicht Ihrer Hauptfigur über ein Ereignis, bei dem sie sich den Daumen bricht. Nein, das müssen Sie nicht unbedingt in Ihren fertigen Roman einarbeiten – obwohl ich den Gedanken reizvoll finde, dass im zweiundzwanzigsten Jahrhundert Dissertationen über die seltsame Anhäufung gebrochener Daumen in der Literatur zu Anfang des neuen Jahrtausends diskutieren könnten. (…) Sie werden Dinge über [Ihre Hauptfigur] erfahren, die Sie bisher nicht gewusst haben …“

  • Louise Doughty, Ein Roman in einem Jahr. Eine Anleitung in 52 Kapiteln

Hans Peter Roentgen:
Vier Seiten für ein Halleluja. Ein Schreibratgeber der etwas anderen Art

Unterhaltsam und umbarmherzig: Roentgen durchleuchtet Texte auf ihre Schwachpunkte. Grausliche Texte, aber auch gute Texte: Sie alle können besser werden. Jedes Kapitel beginnt mit ein paar Seiten eines anderen Schreibanfängers, danach wird erklärt, welche Schwächen sich durch diesen Text ziehen und was man erreicht, wenn man sie gezielt ausbügelt.

„Streichen Sie alle Dialoge der Dackelgeschichte auf das Notwendigste zusammen. Prüfen Sie dann, welche Konflikte jetzt deutlicher werden. (…) Nehmen Sie sich dann einen Dialog aus einem Ihrer eigenen Texte vor. Überprüfen Sie diesen nach dem gleichen Muster. Überarbeiten Sie ihn. Legen Sie beide Versionen nebeneinander. Welcher ist besser?“

  • Hans Peter Roentgen, Vier Seiten für ein Halleluja. Ein Schreibratgeber der etwas anderen Art

Elizabeth George:
Wort für Wort oder Die Kunst, ein gutes Buch zu schreiben

Der Ratgeber für alle, die endlich in die Tiefe gehen wollen. Über 300 eng beschriebene Seiten geben erschöpfend Auskunft, von der Ideenfindung über die Recherche (sehr viel Recherche!) bis zur Ausarbeitung (sehr viel Arbeit!). Am Anfang erschlug mich die Fülle an Arbeitsschritten und Textauszügen, inzwischen habe ich aber immer wieder auf diesen Ratgeber zurückgegriffen, um mir zu konkreten Fragen fundierte Tipps zu holen. Sehr interessant finde ich auch die Schilderungen aus dem Arbeitsalltag der Bestsellerautorin, gerade weil auch sie noch bei jedem Buch mit Selbstzweifeln kämpft.

„Ich nähere mich dem Ende der Neufassung und bekomme langsam Angst. Der Juli scheint so nah. Ich habe … das Gefühl, als bekäme ich die Geschichte nicht richtig in den Griff … Ich werde daran denken, dass ich immer Angst gehabt habe und mich durch diese Angst hindurch und an ihr vorbei gearbeitet und den Mut nicht verloren habe.“

  • Elizabeth George: Wort für Wort oder Die Kunst, ein gutes Buch zu schreiben

Stephan Waldscheidt:
Schreibcamp – Die 28-Tage-Fitness für Ihren Roman

Jetzt wird es wieder kurz und knackig – genau so, wie es die müde Autorin braucht, wenn sie auf dem Schlauch steht und den Überblick verloren hat, woran ihr Buchprojekt kränkelt. In 28 pointierten Kapiteln gibt Stephan Waldscheidt Tipps, nach welchen Kriterien man seine Geschichte durchleuchten sollte, um sie noch spannender, anschaulicher und runder zu machen. Mehr Konflikt, mehr Gefühle, mehr Spannung lassen sich mit seinen plastischen Anregungen nachträglich ins Buch zaubern oder auch von vornherein einbauen.

„Sie lieben die Charaktere Ihres Romans? Ach, Liebe wird unterschätzt.
Sie sind auch nicht der Anwalt Ihrer Charaktere. Sie sind Ihr Strafgericht.“

  • Stephan Waldscheidt: Schreibcamp – Die 28-Tage-Fitness für Ihren Roman

Neben diesen meinen Lieblingsbüchern nutze ich auch einige Webseiten und Newsletter für Autoren immer wieder – dazu mehr in einem späteren Beitrag.

Welche Schreibratgeber würdet ihr empfehlen?

Update: In einem späteren Beitrag habe ich zunächst die aus meiner Sicht besten Blogs für Buchautoren vorgestellt.

Die Farbe des Schreibens

Meer bei Spejlsby, Møn

Meer bei Spejlsby, Møn

Neulich las ich, dass die Menschen früher die Farbe Blau nicht als gesonderte Farbe wahrgenommen hätten. Es gab kein Wort dafür, darum machte sich niemand einen Begriff davon.  Noch heute soll es einen Stamm geben, der ein blaues Quadrat nur mit Mühe von einer Menge grüner Quadrate unterscheiden kann. (Nachzulesen zum Beispiel hier.)

Kein Wort, keine Vorstellung von Blau?

Blaumeisen müssten Vergissmeinnicht-Meisen heißen, blaue Flecken wären lila und die blue jeans wahrscheinlich green jeans oder gray jeans, je nach Schattierung.

Wenn ich mir das Meer heute so ansah, konnte ich mir das fast vorstellen. Das Wasser ließ sich bei näherem Hinsehen besser als grün, braun und lila beschreiben.

Trotzdem, der Gesamteindruck war blau – ein Blau, das glücklich macht.

In meinem Leben hat die blaue Farbe lange gefehlt. Es gab nur Grün und Braun und Lila.  Ich gestaltete gerne Dinge. Ich spielte mit Sprache. Ich las Bücher und sah Filme, besonders Fantasy und Sci-Fi. Ich textete sogar beruflich. Aber kreativ schreiben, ich?

Ich hatte kaum eine Vorstellung vom „Schreiben“. Ich sah das Blau vor lauter Grün-Braun-Lila nicht.

2013 erschienen dann plötzlich all diese Bilder in meinem Kopf. Eine Romanhandlung drängte sich auf, ein Schauplatz wuchs aus dem Nichts, Botschaften wollten mitgeteilt werden. Ich fand einen Ort für das Schreiben, die Insel Møn und mein Künstler-Refugium auf dem Bakkegaard. Ich gönnte mir Zeit für das Schreiben, über ein Jahr, in dem der Roman mein Hauptprojekt war.  Und plötzlich erkannte ich das Gesamtbild in all dem Grün und Braun und Lila. Es war blau. Ein Blau, das glücklich macht.

Inzwischen kann ich mir ein Leben ohne kreatives Schreiben nicht mehr vorstellen. Genau wie die Farbe Blau durchzieht es meinen Tag.  Trotzdem habe ich immer Angst, dass ich das irgendwann nicht mehr erkenne. Darum habe ich mir einen Raum für das Schreiben gestaltet, meine Schreibwerkstatt und mein Traumzimmer. Ich lasse mich auch ständig ans Schreiben erinnern: mein Postfach füllen Autoren-Newsletter und Blog-Kommentare, meine Facebook-Timeline Bemerkungen anderer Autoren. Ich tausche mich mit anderen Schreibenden aus, und einige freundliche Leute sehen mich als Schriftstellerin, selbst wenn ich oft daran zweifle, dass ich jemals etwas Vernünftiges fertigstellen werde.

All das sind Fassetten des Schreibens, Fassetten von Blau, und sie machen mich glücklich.

Gibt es vielleicht noch andere Dinge in unserem Leben, die so grundlegend sind, dass wir sie überhaupt nicht wahrnehmen? Die uns glücklicher machen, wenn wir sie endlich erkennen?

Habt ihr das Blau für euch gefunden?

Ideen-Invasion

In den letzten Wochen habe ich zwei seltsame Storys geschrieben. Beide mit insektenartigen Aliens im Mittelpunkt. Die volle Montur mit Mundwerkzeugen, Fassettenaugen, Fangarmen und zu vielen Beinen. Beide Geschichten waren für Ausschreibungen. Die eine hatte das Thema „Mütter“, die andere „Phantastische Sportler“.

Insektenartige Aliens, bei den Vorgaben? Ich weiß auch nicht, wo diese Ideen herkommen.

Ich habe noch mehr solche Kurzgeschichten in der Pipeline. Ein Dutzend wimmelt nur so von Schaben, Spinnen und Schmetterlingen. Eine Handvoll beherbergt gruselige Gewächse. Und dann gibt es noch abseitige spirituelle Themen, Klamauk und Spielereien.

Woher kommen die Ideen?

Bei manchen habe ich wirklich keine Ahnung. Ich schwör’s, das Zeug stammt nicht von mir. Es ist, als würde mein Klon die Regie übernehmen und nachts ohne mein Zutun in die Tasten hauen. Kein Wunder, dass tatsächlich die meisten meiner Texte rund um Mitternacht entstehen, wenn mein echtes Ich schon den Schlaf der Gerechten schläft. Carmen Wedeland ist schließlich ein Pseudonym, das sich eine vernunftgesteuerte Person zugelegt hat, die in Wirklichkeit Spinnenweben von den Wänden saugt und den Innenhof von Unkraut befreit.

Eine nicht zu leugnende Inspirationsquelle ist der „BLV Naturführer Insekten“ von 1978, den ich als Kind geschenkt bekam und ausführlich studierte. Am liebsten waren mir die Schmetterlingsfotos, aber irgendwann stößt man zwangsläufig auf den Eintrag zur Fortpflanzung der Grabwespen. Das hat meinen Glauben an einen gütigen Gott nicht unerheblich erschüttert. (Googelt es selber, wenn ihr schlecht schlafen wollt.)

Wahrscheinlich wurde ich damals infiziert, die Ideen reiften gut 30 Jahre in mir heran, und nun müssen sie alle auf einmal schlüpfen.

Dabei wollte ich ja eigentlich einen Roman schreiben, der auf einer Kreidefelsen-Insel spielt. Meeresmythen, Glaskunst … Grotten. Ihr ahnt es vielleicht: Die Insel ist schon längst überrannt – in diesem Fall von Krebsen, einer handlichen Variante der Gliederfüßer, verwandt mit den Spinnen. Skurril, schön und schauderhaft.

Ähnlich wie meine Hauptfiguren entwickeln auch meine Handlungsstränge regelmäßig ein Eigenleben. Und nachdem mir 30 Jahre lang ums Verrecken keine Idee kam, worüber ich mal eine schöne Fantasy-Geschichte schreiben könnte, sprudeln die Ideen jetzt in den unpassendsten Momenten. Ich habe es mir schon zur Angewohnheit gemacht, immer ein großes Notizbuch dabeizuhaben, um alles sofort aufzuschreiben.

Nicht dass ich all die Geistesblitze jemals verwerten könnte, aber wenigstens plagen sie mich etwas weniger, wenn sie vorläufig auf Papier gebannt sind. Bei Konzertbesuchen oder beim Küchendienst ist das halbwegs praktikabel. Unter der Dusche, wo die allermeisten Ideen zuschlagen, habe ich mein Notizbuch allerdings nicht dabei. Da muss ich die herumwuselnden Spinnen (also, in meinem Kopf!) aushalten, bis ich das Shampoo abgespült und den Schreibtisch erreicht habe.

Zum Glück bin ich mit diesem Problem nicht allein. Im National Novel Writing Month haben geplagte Autoren für die Ideen-Invasion einen schönen Begriff geprägt: das Plot Bunny. Also das „Handlungskarnickel“, das klingt auf Deutsch nur nicht so wendig, wie es in Wirklichkeit ist. Das Plot Bunny ist eine Geschichtenidee, die plötzlich aus einem Loch kriecht, in die du dich verliebst, die du fütterst und in dein Haus lässt – und schon hüpft es auf und ab, geht dir auf die Nerven, vermehrt sich unkontrolliert und übernimmt die Herrschaft über dein Leben. Ausführliche Beschreibungen vieler gefährlicher Unterarten gibt es hier im inoffiziellen NaNoWriMo-Wiki, und im November kann man die Viecher sogar in speziellen Verliesen Spieleparadiesen verwahren lassen, um sich endlich auf ein einziges Romanprojekt zu konzentrieren.

Heute Nacht habe ich vielleicht Ruhe, weil ich die Story mit den sportelnden Spinnentieren soeben abgeschlossen habe.

Aber wer weiß, was Carmen morgen Nacht wieder treibt? Zuletzt faselte sie etwas von abgeschnittenen Fingern und einem Friedhof im Frühling. Klingt nach einer Geschichte aus der Gruselige-Gewächse-Kategorie, aber es würde mich nicht wundern, wenn sich das eine oder andere Insekt einschliche.

In diesem Sinne: Es ist Mitternacht. Wovon träumt ihr so?

Update: Meine erste Kurzgeschichte erscheint am 18. März. Mehr dazu im folgenden Blogeintrag 🙂
Update 2: Dieses Jahr erscheinen mindestens vier meiner Kurzgeschichten. Mehr dazu im Beitrag Sportliche Erfolge.

Elfchen zur Weihnachtszeit

Weihnachten – Wintersonnenwende – jul: Eine Zeit, in der zauberhafte Dinge geschehen. In Dänemark bevölkern die „Nissen“, kleine Wichtel, das Haus. Und mein Blog wird von „Elfchen“ übernommen.

Ein Elfchen ist eine nette kleine Schreibübung: ein Gedicht, das aus elf Wörtern besteht. Das „klassische“ Elfchen verteilt diese elf Wörter so:

  • Zeile 1: ein Wort, das Thema deines Gedichts
  • Zeile 2: zwei Wörter, die das Thema beschreiben
  • Zeile 3: drei Wörter, die das Thema weiter vertiefen
  • Zeile 4: vier Wörter, die deine Gedanken dazu wiedergeben
  • Zeile 5: ein Wort als Fazit

Eine schöne Form für Stimmungsbilder! Hier ein paar Versuche von mir:

Møn Ulvshale und Nyord Winter 2015
wintermeer
glänzend grau
wellen unterm sonnenlicht
brücke in das ewige
staunen

 

Møn Bakkegaard Adventskranz 2015
Kerze
Zieht Licht
Aus dem Dunkel
Zauber der verborgenen Welt
Mysterium

 

Island Gletschersee JökulsarlonAls Souvenir aus Island:

gletscher
gleitet meerwärts
in sonne gelöst
in kälte gebunden das
mammut

 

AlpenwinterwolkenAngereichert mit Alliterationen:

wolken,
windes wanderer:
wabernde, wie wunschgespinste,
wehet weither wehmut, weiße
wunderländer

 

Keramik von Heidi Bruun PedersenVorwärts und rückwärts lesbar:

ei
erst, dann
huhn? so? oder
so: huhn, dann erst
ei?

 
Oder die festlich-befreite Form – mit der ich euch allen schöne Feiertage wünsche, wo und wie ihr sie auch begehen mögt:

dichte nacht
bedeckt das feld
bedrängend
beklemmend
herab sinkt die stille

wolf
umkreist die herde
am boden
zitternd
duckt sich das lamm

stille
harren
schweigend die schäfer
starr das lamm
abwartend der wolf

aufschießend, strahlend
erleuchtet, erhellt
den offenen himmel
freudvolle nacht
ein stern

lobt jubelt und singt
umrundet die welt
befreit und bewegt, löst angst und leid
verbindet und heilt, hoffnung macht
neues leben

schäfer
eilen zum licht
beschwingt
vom glauben getragen
verlassen die herden

lamm
befreit, allein
vertraut ohne zagen
himmel auf erden
dem gesang

mit ihm
lauscht dem lied
voll fried
paradieses klang
bruder wolf

30 Tage für meinen Roman

Ich habe gewonnen!

National Novel Writing Month Winner 2015

Ich habe die Herausforderung des National Novel Writing Month angenommen und diesen November 50.000 Roman-Wörter geschrieben. Das entspricht etwa 170 Buch-Normseiten.

Wow, Carmen hat in 30 Tagen einen Roman geschrieben?
Nuuuun … nein.
Ein richtiger Roman hat eher so 100.000 bis 150.000 Wörter, ein Fantasy-Epos gerne auch mehr. Mit 50.000 Wörtern hat man allenfalls ein Kinderbuch oder eine Novelle fertig.

In diesem Wettbewerb geht es darum, 30 Tage an seinem Roman zu schreiben. Nicht unbedingt, ihn abzuschließen – und vor allem nicht so, dass er druckreif wäre. Das ist für Normalsterbliche kaum möglich. Es geht darum, einen Entwurf von mindestens 50.000 Wörtern zu produzieren, und zwar so schnell wie möglich.

Den inneren Kritiker abschalten, nicht mehr grübeln, nicht mehr aufschieben, nicht weitere Details recherchieren und Plot-Alternativen prüfen. Optimiert wird später, wenn der erste Entwurf fertig ist, wenn man weiß, worauf alles hinausläuft, was funktionieren wird und wo noch Lücken gähnen. Jetzt hieß die Aufgabe: Sich einfach auf den Hosenboden setzen und schreiben! Im Durchschnitt 1.667 Wörter am Tag. Dafür brauchte ich am ersten Tag vier Stunden, in der letzten Woche teils nur 40 Minuten.

Was ist daran so schwer?
Im Nachhinein frage ich mich das auch. Ich hatte alle Voraussetzungen, um schnell weiterzukommen – eine detaillierte Fantasy-Welt, spannende Figuren, drei Meter Handlungsplan … Doch noch mehr hatte ich Ausreden: Alles nicht gut genug, keine Zeit wegen Sommerjob, keine Zeit wegen Besuch … irgendetwas fällt einem immer ein und schon ist wieder eine Woche herum und man hat vergessen, worum es in dem Buch eigentlich gehen sollte. Die große Romanverhinderungsstimme flüstert Tag und Nacht:

  • Lieber noch ein bisschen warten, bis ich wirklich die Zeit habe, mich ausgiebig in die Geschichte zu vertiefen.
  • Wenn ich erstmal schreibe, dann soll es auch wirklich gut werden, schließlich habe ich schon so lange daran herumgeplant, der nächste Schritt muss ein druckreifer Text sein.
  • Und sowieso wartet die Welt nicht auf dieses Buch und ich bin allein hier vor diesem Bildschirm und alles ist furchtbar, also lieber schnell auf Facebook oder raus und sich ablenken.

Der National Novel Writing Month hat all das geändert. Wenn man auf der Website einen Account anlegt, bekommt man jede Menge nützliche Tools, die genau diese Probleme angehen:

  • Ein unbarmherziges Balkendiagramm zeigt den täglichen Fortschritt und was passiert, wenn man nur einen oder zwei Tage sein Soll nicht erfüllt.
  • Wenn man aber wieder etwas geschafft hat, gibt es Belohnungen: dafür, dass man überhaupt anfängt; für die ersten 1667 Wörter; dann wieder für 5000, 10.000 …; wenn man zehn Tage am Stück geschrieben hat, wenn man an einem Schreibtreffen teilgenommen hat oder beim Schreiben zuviel Kaffee trinkt 🙂
  • Ermutigende E-Mails, „Pep Talks“ und der Austausch im Forum hämmern einem ein, dass man einfach drauflosschreiben soll, überarbeitet wird später. Am hilfreichsten fand ich die „Word Wars“ – Wettschreiben gegen die Zeit: Man verabredet mit anderen im Forum, dass man beispielsweise von 20 bis 20.30 Uhr schreiben wird, und postet anschließend, wie viele Wörter man geschafft hat. Es gibt nichts zu gewinnen und niemand schimpft, wenn man nicht in die Pötte kommt – aber dieses ganz einfache Mittel hat bei mir bewirkt, dass ich die 30 Minuten konzentriert sitzen blieb, nur auf mein Dokument sah und in die Tasten haute. Und im Schnitt ca. 1000 Wörter produzierte, an denen ich sonst vielleicht zwei Stunden herumgetüftelt hätte. Das Beste daran: In dieser halben Stunde übernahmen oft meine Figuren völlig die Regie. Meine Hauptfigur fand einen unterirdischen Gang, den ich selber noch nicht kannte und super spannend finde. Mein Antagonist hat mir mit der Weinflasche eins übergezogen und mir endgültig klargemacht, dass ich auch aus seiner Perspektive schreiben muss. Und und und. Manches davon muss ich am Ende vielleicht wieder streichen – aber ich glaube, dass ich allein durch das Ausschalten meines grübelnden Gehirns mehr Kreativität freisetzen konnte als sonst.
  • Für diese Wettschreiben ist eigentlich zu jeder Tages- und Nachtzeit jemand im Forum zu haben. Auch für jede Frage, jede Sorge und jede Anekdote, die man mit anderen Schreibern teilen möchte. Weltweit haben Hunderttausende Autoren am „NaNo“ teilgenommen, allein im kleinen Dänemark waren es über 2000. In finsteren Momenten, wo man am Sinn des Ganzen zweifelt, ist es schön zu wissen, dass andere ähnlich spinnerte Projekte verfolgen und vielleicht genau das Problem gerade bewältigt haben, vor dem man momentan steht.

Man könnte natürlich schummeln – seinen Fortschritt muss man selber eintragen und niemand prüft am Ende, ob die 50.000 Wörter wirklich dein eigener, selbst geschriebener, lesbarer Roman sind. Aber damit betrügt man ja nur sich selbst!

National Novel Writing Month Winner

Ich finde, ich habe wirklich gewonnen:

  • Nach mehreren Monaten voller kreativer Vermeidungsstrategien fiebere ich jetzt danach, das Ding zu Ende zu schreiben und die letzten Lücken zu füllen.
  • Ich habe erkannt, dass Schreiben schnell gehen kann und dass man dafür nicht unbedingt eine jahrelange Auszeit braucht. (Ganz nebenbei bemerkt, habe ich im November wieder angefangen, als freie Texterin zu arbeiten, und gleich einen größeren Auftrag gestemmt, so dass die meisten Romanworte erst abends ab neun entstanden!)

Nano 2015 Ein Drittel Plot geschafft

Also: Genug Pause gemacht – jetzt heißt es: Weiterschreiben! Denn trotz der 50.000 Wörter – und weiteren 20.000, die ich vor November schon hatte – bin ich grad mal im Mittelteil meines Drei-Meter-Handlungsplans angekommen …

Nano Now What Months

 

Und wenn die Geschichte zu Ende geschrieben ist?
Dann geht die Arbeit erst richtig los: Denn nach dem Schreiben ist vor dem Überarbeiten!

Vielleicht seid ihr 2016 auch dabei? Vor dem nächsten „NaNo“ im November gibt es im April und Juli jeweils ein „Camp NaNo„, wo man sich selbst einfachere Ziele setzen kann, z. B. ein paar Kurzgeschichten mit zusammen 10.000 Wörtern zu schreiben. Macht Spaß, bringt viel und kostet nix! Ich will es auf jeden Fall wieder probieren.

Update, 26.10.16: Der nächste NaNo naht und ich mache wieder mit.

Was Schriftsteller von Schneidermeistern lernen können

Ich stehe hier stolz wie Oskar in meinem ersten selbst gefertigen Kleidungsstück. Sieht aus wie eine Daunenweste, ist aber aus Recyclingmaterial: Reste von IKEA-Bettüberwürfen, -Kissenhüllen und den dazugehörigen Stoffsäckchen wollten zu neuem Leben erweckt werden. Nebenbei passt das Outfit perfekt zu meinem Sofa, genau wie meine Laptophülle und meine Wärmeflaschentasche.

Die Weste war mein Projekt für einen Nähkurs, den ich gerade abgeschlossen habe. Hier auf Møn gibt es eine sehr gute Schneidermeisterin, Charlotte Wiegand, die in ihrem Kursuscenter Emilielunden Anfänger und Fortgeschrittene unterrichtet. Mein Kurs bestand aus einer unerfahrenen Mittvierzigerin – mir – und einem munteren Trupp älterer Damen, die in meinen Augen unglaublich professionelle Dinge fabrizierten und mir blutiger Anfängerin erstmal zeigen mussten, wie man die Stoffschere richtig hält. Egal, ich lerne und es macht Spaß!

Natürlich wollte ich mich mit dieser kreativen Betätigung vor allem auch vom Romanschreiben ablenken, aber wie schon bei meinem Sommerjob als Rezeptionistin, musste ich feststellen, dass man auch beim Nähen vieles lernt, das einem beim Schreiben zugute kommen kann.

Geduld für gründliche Vorarbeit

Überlegen, was du nähen willst, warum dir das Teil gefallen würde, ob es einen besonderen Stoff braucht oder durch einen ausgefallenen Kragen besticht. Passende Stoffe und Fäden beschaffen, vielleicht auch noch Futter, Schrägband und Reißverschlüsse. Deine eigenen Maße nehmen, am besten mit sachkundiger Hilfe. Ausgangs-Schnittmuster an deine tatsächlichen Maße anpassen. Zusammenkleben, anprobieren, justieren, dann erst im Stoff ausschneiden und nochmal zusammenstecken, anprobieren, justieren! Das alles dauert Stunden und du hast noch keinen einzigen Stich genäht!

Beim Schreiben gut überlegen, was deine Botschaft sein soll, was das Spannende an der Geschichte ist und in welcher Form sie sich darstellen lässt. Dann Material sammeln, recherchieren, ordnen, Schauplatz und Charaktere anlegen. Dann Handlung planen, überlegen, ob sie alle Inhalte wiedergibt, probieren, ob er für den unbeteiligten Leser verständlich wäre, Löcher ausbessern! Das alles dauert Wochen und du hast noch kein einziges Wort geschrieben!

Der gute Zuschnitt ist wichtig

Jeder Zentimeter zuviel oder zuwenig kann sich rächen, weil nachher das Kleidungsstück an den unmöglichsten Stellen zwickt oder Falten wirft. Egal wie toll der Stoff und wie mühsam das Nähen, du wirst es ganz hinten im Kleiderschrank verstecken.

Überleg dir genauso gut, wie viele Figuren du in dein Buch zwängst, wie viel Weltenbeschreibung du unterbringst und wie du den Spannungsbogen aufbaust. Es wäre doch schade, wenn der Leser überfordert ist oder sich langweilt – und dein Buch ganz hinten im Regal versteckt.

Noch mehr Geduld für saubere Ausführung

Wieder auftrennen, wenn eine Naht nicht ordentlich sitzt. Alles von vorn, wenn du ein Stück Stoff aus Versehen falschrum angenäht hast. Eine Woche warten, bis der Faden nachgeliefert wird, der dir ausgegangen ist. Wirklich sorgfältig an Details arbeiten, wie Schrägband und Reißverschluss. Von der Ferne sieht man das nicht alles, aber wenn du das Kleidungsstück am Leib trägst, wirst du dich ewig ärgern, wenn mittendrin Fäden rausstehen, Muster schief laufen oder du vergessen hast, einen Aufhänger einzunähen, bevor du den Kragen befestigt hast.

In diesem Sinne: Texte gut formulieren, schöner Sprachrhythmus, keine Klischees oder Sachen, die nicht in die Zeit oder Welt passen. Stimmige Überschriften, nachvollziehbare Entwicklungen, keine Tippfehler. Der begeisterte Leser wird vielleicht nach sieben Kapiteln die eine oder andere Scharte gnädig übersehen. Aber es wird dich selbst stören, wenn du es mit einmal mehr Zurücktreten und Drüberschauen leicht hättest optimieren können.

Habt ihr ein Hobby, das euch beim Schreiben oder bei eurer Arbeit weitergeholfen hat?