Aus Scherben etwas Schönes bauen

Ein Mädchen sitzt auf einem Haufen Glasstücke. Die Scherben schneiden in ihre Haut. Sie weiß nicht, warum sie hier ist. Sie weiß nicht, was das für Scherben sind. Sie ist halb taub, denn gerade hat es geknallt. Sie sieht nach oben. Der Himmel tobt. Das Gewölbe, das sie schützte, ist weg. Stümpfe von Säulen ragen in die Nacht.

Wer ist dieses Mädchen? Was ist passiert? Wird sie sich retten können?

Diese Frage hat mich beschäftigt, seit ihr Bild im Frühjahr 2013 in meinem Inneren auftauchte. Ich kannte das Mädchen nicht. Aber ihr Leiden ließ mir keine Ruhe. Ihre Welt war zusammengebrochen. Die Scherben taten mir weh. Ich spürte das Ende einer aufwühlenden Geschichte. Oder war es vielleicht ein Anfang?

Es ließ mir keine Ruhe. Seit meiner Jugend hatte ich Geschichten schreiben wollen. Doch nie war mir etwas eingefallen, das mich lange genug faszinierte. Das Scherbenmädchen faszinierte mich, monatelang. Ich spürte in mich und fand weitere Bilder. Szenen, die ich nicht verstand und die scheinbar nicht zusammenhingen. Doch ich wusste, ich musste mich ihnen stellen. Ich schrieb sie auf, ich ordnete sie und versuchte sie zu verbinden. Eine Insel entstand, Fossilien, Figuren, sie bauten leuchtende Gebilde aus Glas und hüteten dunkle Geheimnisse. Der Schauplatz eines Romans, der Ausgangspunkt einer Handlung.

Im August 2013 suchte ich den Ort, wo diese Handlung stattfinden könnte. Ich kam auf die Insel Møn, angezogen von den Kreidefelsen und ihren Fossilien. Ich fand den perfekten Ort zum Schreiben. Seitdem wohne ich hier.

Die Natur draußen half mir, meinen Schauplatz weiter auszubauen. Drinnen im Haus untersuchte ich Glas. Lampen und Spiegel, Splitter und runde Stücke, die das Meer weichgeschliffen hatte. Ich las viel über Glas. Es kann trüb sein oder klar, es kann Einblicke ermöglichen und Wahrheit verzerren. Es ist hart und doch nicht fest, man kann aus Glasplatten Häuser bauen oder mit Mosaikteilchen Schmuckstücke gestalten. Ich schrieb Gedichte über Glas als Metapher für das menschliche Dasein.

Inzwischen wusste ich: Das Mädchen war ich selbst. Und der Scherbenhaufen war mein Leben.

Im Oktober 2012, heute vor fünf Jahren, starb mein Vater. Er war von einer Leiter gefallen. Das Firmament, unter dem ich gelebt hatte, brach zusammen. Drei Monate später starb meine Mutter, und wohin ich mich in meinem Leben drehte, ich griff in schmerzende Scherben. Nach und nach hob ich sie hoch, betrachtete die Bruchstücke meines Lebens und fragte mich, ob ich je wieder aufstehen und weitermachen konnte.

Doch dann kamen die Bilder: das Scherbenmädchen und weitere Szenen. Sie wollten in Worte gefasst werden. Ich reiste nach Møn, um zu schreiben. Die Kreidefelsen erinnerten mich daran, dass es Größeres gibt als unser kleines Leben. Die Leuchttürme und der Sternenhimmel malten eine Landkarte für meinen Roman. Und dann fand ich eine Künstlerin, die mir erklärte, wie sie mit Glas arbeitet.

Mette Folmer füllt Glasplatten mit Fischgräten, Metallen und Kreidekrümeln oder verbindet fließendes Glas mit Stein und Draht. Ihre Werkstatt auf dem Tranemarkegård liegt im Osten der Insel Møn.

„Glas hat seine eigene Seele“, sagte sie. „Man muss demütig an die Arbeit herangehen, offen bleiben für Veränderungen, nichts erzwingen wollen. Wenn ich mich beeilen will, schneide ich mich oder das Glas zerbricht. Aber wenn ich mich darauf einlasse, entstehen die schönsten Dinge. Ich freue mich jedes Mal darauf, den Ofen zu öffnen. Jede Luftblase ist ein Geschenk. Manchmal denke ich auch, dass etwas komplett danebengegangen ist. Aber dann kommt ein anderer und findet genau dieses Stück am schönsten.“

In ihrer Werkstatt durfte ich selbst ein Bild aus Glasstückchen machen. Auf einer farblosen Platte sollte ich Scherben anordnen, nach dem Brennen konnte ich mein Bild mit nach Hause nehmen. Ich hatte großen Respekt vor den vielen scharfkantigen Stücken. Zuerst sortierte ich nur Farben und Formen, fand keinen richtigen Plan. Dann entdeckte ich eine Engelfigur. Sie setzte ich an die Spitze meines Bildes, auf sie hin richteten sich alle Teile von selber aus. Allmählich entstand eine Landschaft, die Kreidefelsen von Møn mit zwei Krebsen im Wasser. Zum Schluss verschwand der Engel und machte einer Sonne Platz. Er hatte geholfen, meine Welt zu ordnen, nun wurde er nicht mehr gebraucht.

Das Glasbild liegt noch heute in meiner Schreibwerkstatt, direkt unter den Wandtafeln mit meiner Romanskizze. Mehrere Male habe ich den Plot schon umgebaut, Figuren erschaffen und wieder gestrichen, die Teile hin- und hergeschoben. Allzuviele Ideen haben die Sicht auf das Ganze getrübt. Nun will ich mein Schreiben wieder mehr auf den Ursprung ausrichten. Das Mädchen mit den Scherben, ihre Geschichte und die Frage: Wie kann man aus Scherben etwas Schönes bauen?

Ab nächster Woche schreibe ich den Roman neu. Dann ist National Novel Writing Month. Ich habe ein Ziel und ich freue mich darauf.

Ich möchte, dass der Scherbenhaufen nicht ein Ende, sondern ein Anfang ist.

Liebe Grüße von der Insel, Carmen Wedeland

Weine nicht um Glas, das zerbrochen,
– spricht Weltabor, der Weise.
Wer weint, sieht nicht klar.
Wirf die Scherben ins Meer!
Das weiche Wasser wird sie dir schleifen,
und jedes spitze, schneidende Stück
formt es zu rundem, rieselndem Sand.
Schmeichelnd umfließt er deine Hand,
und schmilzt du ihn ein, erhältst du zurück
das Glas, das zerbrochen war.

(Bruchstück aus einer frühen Romanversion)

Elf gute Gründe, auf eine Insel zu ziehen

Als ich meinen Freunden 2013 verkündete, ich würde alles hinter mir lassen und auf eine Insel ziehen, sagten erstaunlich viele: „Das will ich auch!“
Träumst du genauso vom Inselleben?
Darum solltest du gleich losziehen:

1. Weil der Blick auf Wellen so beruhigt

Eine Stunde am Meer, und alle Sorgen sind fortgespült. Ich atme mit den Wellen, mir wird bewusst, dass wir nur ein kleiner Teil des Kosmos sind. Mich tröstet dieser Gedanke jedes Mal. Ein Bild vom Meer bewirkt das nicht: Man muss es sehen und spüren, hören und schmecken, am besten noch durchs Wasser laufen, schwimmen und tauchen. Das ist Meditation mit allen Sinnen, für Seele, Körper und Geist.

2. Weil es Strände ohne Ende gibt

Eine Insel ist von Strand umgeben. Steinstrand, Sandstrand, Steilküste, Schilf. Egal wonach einem ist, es ist immer in Reichweite. Im Norden blendet auch im Sommer die Sonne nicht. Im Westen schießt man perfekte Sonnenuntergangsfotos. Im Osten können sich Frühaufsteher schon morgens sonnen.  Letztes Jahr habe ich 16 Strände besucht, diesen Sommer sieben weitere Strände, ganz einfach auf dem Weg zur Arbeit, und es gibt noch so viel zu entdecken. Fortgeschrittene Strandbesucher wissen, wo man am besten badet, wo man am schönsten wandert, wo es essbaren Tang gibt und wo im Winter der Bernstein antreibt.

3. Weil Brücken so erhebend sind

Eine Insel mit Brücken ist das Beste! Ich kenne kein tolleres Gefühl, als hoch auf den Farø-Brücken zu fahren, hinter mir die Insel Falster, vor mir die Insel Seeland, unter mir Farø, rechts liegt Bogø und dahinter Møn. Die Welt steht einem offen, man braucht nur zu wählen! Das blaue Meer wogt unter mir, an zwei Horizonten glänzen weitere Brücken, sie laden ein, durch die Luft zu fahren. Und wenn ich auf dem Damm von Bogø nach Møn fahre, ist es, als würde ich durchs flache Wasser gleiten, im Einklang mit dem Universum.

4. Weil eine Schifffahrt alle Sorgen wegspült

Eine Insel ohne Brücken ist auch besonders! Dann muss man mit dem Schiff dorthin. Mit großen Fähren. Mit schaukelnden Kähnen. Mit Segelbooten. Wer gerne segelt oder surft, sollte nicht im Landesinneren wohnen. Wer gerne Fotos macht, findet in den Häfen und auf See immer neue Blickwinkel. Und wer eine längere Fährfahrt macht, hat Zeit, sich die Füße zu vertreten, Zeit, das Leben an sich vorbeiziehen zu lassen und sich auf das Kommende einzustellen. Ich freue mich immer wieder darauf!

5. Weil die Luft so frisch ist und der Himmel so hoch

Die Luft riecht aufregend nach Salz, wenn man an der Nordsee ist, und einfach erfrischend an der Ostsee. Der Wind treibt die Wolken vor sich her; egal wie sehr es am Morgen regnet, am Nachmittag scheint die Sonne wieder. Und am Abend türmen sich rosa Wolken kilometerweit in den Himmel, der freie Horizont lässt das Herz aufgehen.

6. Weil selbst das Land nach See aussieht

Das nahe Meer macht etwas mit dem Land. Die Erde bildet Buchten und Watt und Kliffs. Die  Bäume werden vom Wind zurechtgeblasen. Die Möwen fliegen übers Land, die Häuser ducken sich in die Hügel, die Häfen wachsen ins Meer. Städte sind stolz auf ihre Fischertradition. Selbst große Städte wie Kopenhagen wirken durch das Meer entspannter. Die Luft ist frisch, das Meer lässt Licht zwischen die Häuser, die Brücken laden zum Flanieren ein. Und abends sitzt man gemütlich am Hafen und lässt die Beine übers Wasser baumeln.

7. Weil nur die Einheimische wissen, wie schön es im Winter ist

Natürlich kann man die maritime Stimmung auch als Tourist erleben. Man kann sogar jedes Jahr im gleichen Ferienhaus Urlaub machen und sich irgendwie wie ein Inselmensch fühlen. Und doch ist es anders, wenn die Touristensaison vorbei ist. Die Strände werden einsam. Die Wälder sind groß und leer. Das Wetter kann nochmal schön werden, warm im September und sonnig im November. Kahle Bäume geben den Blick auf die Landschaftsformen frei. Und wenn es im Winter schneit, dann glitzert die ganze Welt. Das geschieht hier in Dänemark nicht oft, meist ist die Pracht nach einem Tag verschwunden. Wer dann erst lange anreisen muss, hat das Schönste schnell verpasst. Meist haben die wenigen Inselbewohner all die Herrlichkeit für sich.

8. Weil die Menschen miteinander leben

Knapp 10.000 Menschen wohnen auf „meiner“ Insel Møn, wenn die Touristen abgereist sind. Am Ostrand, wo ich lebe, sind es im Winter gefühlte zwanzig. Und mit denen freundet man sich an, wenn man lange genug bleibt, ob im Chor, in der Nachbarschaft, bei Events. Denn alle gehen auf das gleiche Konzert, wenn denn mal eines stattfindet. Nach und nach lernt man Leute kennen, die man in der Großstadt vielleicht übersehen würde. Weil dort immer andere greifbar sind, die spannender erscheinen, die besser zu einem passen, vom Alter, vom Hintergrund, von den Hobbys her. Hier ist man auf seine Nachbarn angewiesen, probiert Neues, schließt Freundschaft über Generationen. Und viele sind aufgeschlossen und interessiert. Alleine die Tatsache, dass man auch hier wohnt, bei Regen und Sturm, gibt Bonuspunkte. Trotz aller Brücken bleibt die Vorstellung, dass man im Winter gemeinsam eingeschneit sein könnte, und dann halten Inselbewohner zusammen.

9. Weil Beschränkung auch befreit

Es ist gut, sich auf das Nahe zu konzentrieren. Das muss man auch, wenn man so abgelegen wohnt wie ich. Hinter der nächsten Biegung hört das Land auf: Im Osten und Süden kommt nach einem Kilometer das Meer. Im Norden sind vier Kilometer Wald. Nur nach Westen breitet sich die Insel aus, bis zum nächsten kleinen Supermarkt fahre ich fünf Kilometer, zur nächsten Kleinstadt ganze 17. Wenn ich abends zu Hause ankomme, ziehe ich nicht noch mal schnell los, bloß weil ich die Milch vergessen habe. Ich kann mich auch kaum spontan auf einen Kaffee verabreden. Alles geht langsamer, man beschränkt sich auf das Wesentliche, findet einen neuen Rhythmus. Will man pulsierendes Leben, ist das die Hölle. Will man in Ruhe an einem Roman arbeiten, im Garten werkeln oder wandern, ist es das Paradies 🙂

10. Weil es für jeden die richtige Insel gibt

Möchtest du weg von allem? Es muss ja nicht immer Dänemark sein. Wie wäre es mit einem kleinen Atoll vor Australien? Einer Vulkanlandschaft auf Neuseeland? Einem Waldstück in einem kanadischen See? Oder wenn das alles zu entlegen ist, gäbe es da noch ein paar Halligen oder diesen Vorort von Helsinki: die Insel Suomenlimna, wo die Schiffe ein Teil des Busnetzes sind. Ich bin zufrieden mit dem Kompromiss, den ich gefunden haben: Møn ist eine mittelgroße Insel, weg von den Hauptverkehrsstraßen und doch nur 90 Minuten von Kopenhagen entfernt.

11. Weil es ärgerlich ist, dass du Atlantis verpasst hast

 

Atlantis, die sagenhafte Hochkultur – leider seit Jahrtausenden passé. Rungholt, die reiche Stadt, in den Nordseefluten versunken. Und auch an den Kreidefelsen von Møn nagt das Meer, wie dieses Video vom letzten Herbst zeigt. Also: Finde dein Paradies, solange es noch da ist! Ob Malediven oder Mallorca, Britannien oder Borkum. Bevor der Klimawandel, die ganz normalen Unwetter, die menschlichen Konflikte alles kaputtgemacht haben.

Ich könnte sicher noch 100 gute Gründe hinzufügen, warum man sofort auf eine Insel ziehen sollte.  Falls ihr euch für Dänemark interessiert, schaut doch mal in das schöne Buch „111 Gründe, Dänemark zu lieben“, das meine Bloggerkollegin Maritta Demuth geschrieben hat. Der Reihentitel hat mich zu diesem Beitrag inspiriert.

Und falls ihr euch jetzt inspiriert fühlt, packt die Sachen und folgt eurem Traum – bevor er im Alltagsstress untergeht!

Liebe Grüße von der Insel, Carmen Wedeland

Jetzt erhältlich: Mein Buch „Handmade Hygge“

Der Herbst ist da! Die perfekte Zeit, um sich drinnen einzukuscheln, mit viel Lesestoff und einem entspannenden Hobby. Wenn euch dieser Gedanke glücklich macht, dann habe ich jetzt das richtige Buch für euch 🙂 Mein erstes Werk aus Dänemark ist gerade erschienen: Handmade Hygge – Strick-, Häkel- und Nähprojekte zum Wohlfühlen. Ihr könnt es direkt beim Verlag bestellen oder über Amazon oder beim Buchhändler eures Vertrauens; auch in Handarbeitsläden ist es zu finden.

Tatsächlich war das Interesse im Handel so groß, dass der Verlag schon die zweite Auflage angestoßen hat, kaum dass die erste gedruckt war! Liegt es daran, dass kreative Beschäftigung Spaß macht? Oder dass viele sich fragen, wie man im Hier und Jetzt glücklich wird? Hygge ist jedenfalls ein Lifestyle-Trend: die dänische Antwort auf den Alltagsstress, ein einfacher Weg zu Gemütlichkeit und Geborgenheit.

Für mich war die Arbeit am Buch sehr hyggelig. Ich habe die Einleitung verfasst, die erklärt, warum Hygge in unserer hektischen Welt so guttut und warum die Dänen zu den glücklichsten Menschen der Welt zählen. Ich beschreibe, wie sich Hygge im Jahreslauf verändert, vom Sommerhaus-Urlaub bis zu Weihnachtsbasteleien. Und viele Däninnen erklären, warum Handarbeiten sie so entspannt.

Ich habe Dutzende von Dänen gefragt, was für sie persönlich Hygge ausmacht. Auf meine erste Rundmail bekam ich die unterschiedlichsten Antworten, darunter die Überlegungen eines Geschäftsführers zu Hygge am Arbeitsplatz und die gesammelten Gedanken einer ganzen Schulklasse!

Die Antworten haben mir gezeigt, dass es trotz aller Unterschiede ein paar grundlegende Dinge gibt, die Hygge-Stimmung fördern. Genaueres steht im Buch, aber ich kann schon verraten, dass kreative Beschäftigung oft dazugehört! Das interessierte mich natürlich besonders, also habe ich Kursteilnehmerinnen meiner Lieblings-Handarbeitsschule hier auf Møn interviewt. An den Zuschneidetischen und Nähmaschinen entstanden angeregte Gespräche über Hygge, vom Frauenleben in den Siebzigern bis zu Schilderungen vom letzten Stricktreff. Auch meine eigenen Erfahrungen in Dänemark fließen in das Buch ein. Darunter Kochabende auf dem Land und in Kopenhagen, Einblicke in die Schlafzimmerdeko kreativer Däninnen und ein Gespräch mit der Malerin Lise Meijer zum Thema, wie man im Badezimmer Hygge schafft.

Lavendelherzchen zum Selberstricken

Heute möchte ich allen danken, die mit ihren Gedanken und Tipps zum Buch beigetragen haben: Tusind tak for hjælpen!

Lieben Dank auch an das Team vom frechverlag, der im März mit der Idee auf mich zukam, allen voran meiner Produktmanagerin Lisa-Marie Weigel für die hyggelige Zusammenarbeit!

Knapp drei Monate existierte das Buch für mich nur virtuell, von der Verlagsanfrage bis zur Manuskriptabgabe. Jetzt liegt es vor mir, in Hardcover, 176 Seiten stark und über 800 Gramm schwer. Mit meinen Texten und mit mehr als 40 Anleitungen für hyggelige Handarbeiten, von der genähten Patchworkdecke über das gestrickte Kuschelschaf bis zum gehäkelten Loopschal. Alle Handarbeitsanleitungen stammen von drei ausgewiesenen Expertinnen, ein Schnittmusterbogen ist auch dabei.

Noch bevor ich mein Werk selbst in der Hand hatte, kam schon die erste Rückmeldung hier auf meinem Blog. Ulrike vom Nordseeblog Watt & Meer hat sich das Buch gekauft und findet es „entzückend“ 🙂

Jetzt bin ich natürlich gespannt, was ihr zum Thema sagt! Braucht ihr mehr Hygge in eurem Leben? Womit macht ihr euch die kalte Jahreszeit gemütlich? Hättet ihr Lust auf Handarbeiten?

Einen hyggeligen Herbst wünsche ich euch allen!

P. S. Im Mai habe ich das Buch hier auf meinem Blog angekündigt.
Als kleinen Teaser gibt es hier ein deutsch-dänisches Hygge-Lied 🙂

P. P. S. Im April 2018 ist das Buch auf Dänisch erschienen! Zu bestellen zum Beispiel hier bei Saxo. Oder fragt im Buchladen eures Urlaubsortes danach.

Der Sieben-Strände-Sommer

Lebensqualität pur: Letzten Sommer habe ich es geschafft, neben der Saisonarbeit 16 Strände zu besuchen. Diesen Sommer kam zur Saisonarbeit noch ein hyggeliges, aber zeitaufwändiges Buchprojekt hinzu, und so wurden es diesmal „nur“ sieben Strände. Nicht viel, wenn man bedenkt, dass Dänemark mehr als 7.300 Kilometer Küste hat! Aber nun kenne ich viele schöne Strände rund um „meine“ Insel Møn, und ein paar auf der Nachbarinsel Seeland/Sjælland.

Hier die Ausflugsziele dieses Sommers im Uhrzeigersinn, beginnend auf West-Møn. Die Karte ganz am Ende zeigt, wo die Strände zu finden sind. Im September soll es hier übrigens warm und schön werden, besser als den ganzen Sommer. Zeit für noch mehr Strandbesuche!

Noch mehr Fotos gab es 2016 in diesem Beitrag:
Der 16-Strände-Sommer

Im Land der Legenden

Seit ein paar Jahren ist die nordische Mythologie vielerorts in Mode. Und hier in Dänemark und im übrigen Skandinavien sind die alten Sagen zu Hause. In ihre Welt kann man sich noch heute hineinträumen. So etwa in Lejre, dem „Land der Legenden“.

Lejre liegt westlich von Roskilde auf der dänischen Insel Seeland. Nach Kopenhagen braucht man mit dem Auto eine halbe Stunde und nach Møn (wo ich wohne) etwa zwei. Die hügelige Gegend mit ihren Flüssen und Fjorden war schon vor 10.000 Jahren besiedelt. In Alt-Lejre besuchte der Sagenheld Beowulf im 6. Jahrhundert n. Chr. die große Königshalle, bevor er das Ungeheuer Grendel tötete.  Die Reste der Königshalle kann man heute noch sehen, genau wie die Überbleibsel einer riesigen Schiffssetzung aus Wikingerzeiten. Im Vergleich zum 5000 Jahre alten Grabhügel Øm Jættestue, auch in der Gegend, ist das alles ziemlich neu 😉

Ein paar Jahre später, nämlich 1964, begann man im Versuchszentrum Lejre mit experimenteller Archäologie. Ganze Familien zogen in die Vergangenheit, bauten Häuser und Werkstätten und lernten auf diese Weise viel Neues über die alten Techniken. Aus den nachgebauten Anlagen entstand schließlich das Freilichtmuseum Sagnlandet Lejre – zu deutsch: Lejre, das Land der Legenden.

Dort war ich im August mit ein paar Freunden zu Besuch und ich kann es nur wärmstens empfehlen. Wir hatten den perfekten Tag erwischt: Die Sonne schien, die dänischen Sommerferien waren gerade vorbei, es war angenehm ruhig. Ein paar Handwerker demonstrierten den wenigen Gästen ihre Künste, eine Eisenzeitfamilie lud uns zum Gerstenbrei ein.

Wer mehr Action will, kommt in der Hochsaison hier sicher auf seine Kosten. Dann gibt es jeden Tag Demonstrationen in Bogenschießen und Brotbacken, Einbaumfahren, Schmieden und Töpfern. Auch für Kinder gibt es jede Menge Archäologie zum Anfassen und Ausprobieren. Da wir in Dänemark sind, findet man außerdem alle zwei Meter einen hyggeligen Picknicktisch oder Grillplatz, mit Aussicht auf Seen und Grabhügel.

In der Nähe des zentralen Picknickbereichs und Cafés liegt ein mittelalterlicher Kräutergarten (das Museum umfasst auch einige Rekonstruktionen aus jüngerer Zeit, bis ins 19. Jahrhundert hinein).

Wenn man aus diesem Bereich hinauswandert, prägen große Steine die Landschaft.

Der Grabhügel und das Steinlabyrinth sind schon beeindruckend, aber die Krönung des Stein-Erlebnisses ist die 80 Meter lange Schiffssetzung auf einem Hügel. Sie ist eine Kopie des Originals in Gammel Lejre. Zwischen den 28 mannshohen Steinen hat man einen fantastischen Blick auf die Landschaft.

Schiffssetzung (Rekonstruktion im Freilichtmuseum Sagnlandet Lejre, nach dem Wikinger-Original in Gl. Lejre)

Wir streiften mehrere Stunden durch die grüne Landschaft und entdeckten knorrige Bäume, liebliche Seen und immer wieder dezente Hinweise auf die Lebensweise der Vergangenheit.

Es gibt auch ein paar Werkstätten, wo alte Handarbeitstechniken demonstriert werden. Das finde ich natürlich ziemlich „hyggelig“ 😉

Aber den stärksten Eindruck hinterließ bei mir ein verborgener Ort, ganz im Osten des Geländes. Man wandert aus dem Eisenzeitdorf auf schmalen Pfaden in einen Wald. Am Fuß eines steilen Hügels liegt ein geheimnisvoller Teich, hellgrün leuchtend … und mit unheimlichem Inhalt bestückt. Willkommen am Opfermoor!

Seit meinem Besuch in Lejre spuken neue Ideen für eine ganze Kinderbuchserie in mir herum. Sonnige Hügel, strohgedeckte Hütten und fröhliche Familien. Und nachts … das Skelett, das aus dem Tümpel kommt 😉

Welche Landschaften erzählen euch Legenden?

75 Frühsommerfotos

… von Møn, der kleinen Nachbarinsel Nyord und der großen Schwesterinsel Seeland. Diesmal mit einem neuen Abrutsch an den Kreidefelsen und wie immer reichlich Blumen, Blättern und Meer 😉

Noch nicht genug? Hier gibt es mehr:
Nur schnell ein paar Fotos
Die Schönheit des Augenblicks
Noch mehr Momentaufnahmen aus Møn
Der 16-Strände-Sommer
Hundert bunte Inselbilder
99 Naturaufnahmen
93 Dänemark-Bilder
22 Winter-Visionen

Was bringt uns das neue große Eszett?

Eine Nachricht in den deutschen Medien hat mich sehr erfreut: Endlich gibt es das arme kleine ß auch als schön gestalteten Großbuchstaben. Nachzulesen zum Beispiel in der Eszett – pardon: in der SZ vom 29. Juni 2017.

großes und kleines Eszett in Druckschrift und Schreibschrift

Groß UND klein, so muss es sein: Eszett.

Was bringt uns das neue GROẞE Eszett?
Ich WEIẞ, wozu ich mehr MUẞE hätt.
Der neue Buchstabe spart viel SCHWEIẞ.
Benutzen wir ihn froh mit FLEIẞ!

Ein Zeichen weniger können wir MEIẞELN,
dafür das SCHEIẞHAUS öfter WEIẞELN,
STRAẞEN bauen, Häuser ABREIẞEN,
Metalle schnell ZUSAMMENSCHWEIẞEN,
Raketen in den Weltraum SCHIEẞEN,
im KREIẞSAAL keine Tränen VERGIEẞEN,
die GAUẞSCHEN Formeln nach MAẞ formulieren,
in FISCHLAND-DARẞ-ZINGST mit den Fischen parlieren,
aus GIEẞEN unsere Lieben GRÜẞEN –
kein Ort muss mehr das Eszett WEGSCHMEIẞEN,
er darf in GROẞSCHRIFT genauso HEIẞEN.

Ja, GROẞ ist der SPAẞ – die Gefahr leider auch!
Hans HEUẞ spürte das sofort im Bauch:
Weil HEIẞE SOẞEN schneller FLIEẞEN,
Aẞ er zuviel; dafür wird er BÜẞEN.
Doch unser Leben wird es VERSÜẞEN:
Lasst uns das GROẞE Eszett GENIEẞEN!

Carmen Wedeland, Møn 2017

Ich hoffe, euer Computer zeigt euch das Gedicht korrekt an, ansonsten hätte ich es hier noch als PDF: Was bringt uns das neue große Eszett?

Spaß mit Pflanzendruck

Ich habe mal wieder eine neue Kreativtechnik ausprobiert: Ecoprint und Sunprinting. Zwei verschiedene Möglichkeiten, um Stoffe mit Hilfe von Pflanzen zu färben und zu gestalten. Ob zarte Blütenabdrücke oder filigrane Blattsilhouetten, die Ergebnisse waren ziemlich zauberhaft 🙂

Die Gelegenheit bot sich vor Kurzem am Kursuscenter Emilielunden, der Handarbeitsschule auf Møn, wo ich seit ein paar Jahren an Nähkursen teilnehme. Gastlehrerin des Wochenendkurses war Mette Back und dank ihrer Anleitung konnten sieben neugierige Teilnehmerinnen schnell loslegen.

Beim Sunprinting färbt man Stoffe und dekoriert sie nachträglich mit den Silhouetten von Pflanzenteilen (oder anderen interessant geformten Gegenständen). Helle Baumwollstoffe, Leinen oder Seide sind gut geeignet. Die Pflanzen sollte man ein paar Tage vor Verwendung sammeln und etwas pressen, denn nur die flachen Teile hinterlassen Abdrücke.

Man breitet die Stoffe auf einer geeigneten Unterlage aus und steckt sie am besten mit Nadeln fest, damit sie glatt liegen. Man besprüht die Stoffe mit Wasser, damit sie leicht feucht sind. Danach bemalt man sie mit Textilfarbe (wir verwendet Farben und Bindemittel von Uniprint; ich weiß leider nicht, wie die Materialien in Deutschland heißen). Anschließend legt man die Pflanzenteile auf den Stoff und fixiert kritische Stellen mit Stecknadeln, damit sie sich nicht vom Stoff lösen.

Sunprinting: Ich experimentiere u. a. mit Farn, Plastikperlen und Pappbuchstaben.

Und dann heißt es: abwarten, bis der Stoff ganz trocken ist, und auf keinen Fall vorher die Pflanzen anheben. Denn unter den Pflanzen bleibt der Stoff länger feucht. Um das auszugleichen, ziehen die umliegenden Stoffbereiche die Farbe unter den Pflanzen hervor. Und wenn man dann – in der Sonne nach ein-zwei Stunden, in einem geschlossenen Raum nach einem Tag – endlich die Pflanzen absammeln kann, kommen fast röntgenartige Bilder zum Vorschein.

Ecoprinting ist eine völlig andere Technik. Hier verwendet man Farbstoffe, die die Pflanzen selber abgeben. Die Ergebnisse sind weniger berechenbar, verschwommener, aber mir gefallen sie vielleicht noch besser. Als Untergrund eignen sich helle Seiden-, Woll-, Baumwoll-, Leinen- oder Viskosestoffe. Pflanzen, die erfahrungsgemäß gut Farbe abgeben, sind z. B. Eukalyptusblätter, Zwiebelschalen, Rosenblätter, Geranien- und Stiefmutterblumen und das Laub vieler Bäume von Ahorn über Buche bis zu Zwetschge. Auch diese Pflanzenteile werden ein paar Tage vor der Verwendung gepresst, wobei es wichtig ist, sie in Plastik einzupacken, damit sie nicht austrocknen.

Man breitet die Stoffe aus und besprüht sie mit einer Mischung aus einem Teil Wasser und einem  Teil Essig. Die Pflanzenteile taucht man in eine Eisen- oder Kupfersulfatlösung (5 ml Sulfat in einem Liter Wasser verrühren) und tupft sie auf einem alten Handtuch ab. Dann verteilt man sie auf dem Stoff. Der Stoff wird anschließend auf einen Stab (z. B. abgesägter Besenstiel) aufgerollt und fest mit Baumwollstreifen umwickelt (Schnur geht auch, hinterlässt aber Abdrücke). Anschließend legt man die Stoffrollen in Wasserdampf. Der Dampf und die Sulfate sorgen dafür, dass die Farbstoffe aus den Pflanzen in den Stoff übertreten. Nach zwei Stunden im Dampf heißt es auspacken!

Wer will, kann auch noch ein Stück frisch gefärbten Stoff mit in die Rolle wickeln, dann bekommt man farbigen Stoff mit zusätzlichen Pflanzenabdrücken.

Ich habe bei dieser Gelegenheit entdeckt, dass mir Zwiebelschalen ganz ausgezeichnet stehen. Die Schalen von roten und gelben Zwiebeln, teils in Eisen-, teils in Kupfersulfat getränkt, auf Seide verteilt und einmal gefaltet, ergaben ein farbenfrohes Stück Stoff.

Nun freue ich mich umso mehr darauf, dass im Herbst der Nähkurs wieder anfängt. Ich will mir unbedingt ein seidiges Zwiebeltop nähen!

Habt ihr auch Spaß an solchen Kreativprojekten? Beides Druckverfahren sind nicht schwer und ich glaube, sie würden auch mit Kindern Spaß machen.

Einen schönen Sommer voller Blüten und Blätter wünsche ich euch 🙂

Magischer Mittsommer-Besuch

Es ist Sommersonnenwende. Der längste Tag ist vorbei, die kürzeste Nacht angebrochen.  Die Grenzen zwischen den Welten verschwimmen, und magische Wesen tauchen aus den Feenhügeln auf. Zwei davon, ein Pärchen Trolle aus dem Kliffwald, hat heute Abend mein Zuhause besucht. Es gefällt ihnen hier auf dem Bakkegaard (und sie lassen ihre Schöpferin Susanne Hegnsvang grüßen). Euch allen eine magische Mittsommerzeit!

Ein deutsch-dänisches Hygge-Lied

Auf hygge reimt tygge, aus gutem Grund:
Essen macht glücklich und gesund.
Tygge heißt kauen,
brygge heißt brauen,
wer hat nicht gerne was Leckres im Mund?
Ein Haus für die hygge,
hübsch anzuschauen,
das lasst uns bygge,
denn bygge heißt bauen.
Dazu hægge im Garten –
Traubenkirschbäume –,
ihr Duft füllt die Räume
und Vögelchen warten
darauf, von den Früchten
zu hugge, zu klauen.
Wenn sie sich trauen!
Wir schaukeln im Schatten
– den nennen wir skygge
in Hängematten
und träumen und dichten
und das ist hygge.

Carmen Wedeland, Møn 2017

Diese kleine Perle der Literatur habe ich letzte Woche produziert. Sie wird Teil des Buches „Handmade Hygge“, das am 11. September im frechverlag erscheint. Nach dem sprachlichen Exkurs geht es ans Eingemachte. Ich beantworte Fragen, die die Welt beschäftigen:

  • Wieso sind die Dänen so glücklich?
  • Weshalb ist Hygge die Geheimwaffe für Gestresste?
  • Warum solltest du heute noch einen Strickklub gründen?
  • Und: Was ist hyggeliger als Handarbeiten? (Auflösung ganz unten)

An den letzten Hygge-Texten häkele ich gerade fleißig herum, während Handarbeitsexpertinnen die Anleitungen schreiben. Wenn ihr wirklich gern wollt, könnt ihr das Buch aber jetzt schon vorbestellen, beim Verlag oder bei Amazon. Habe ich vor ein paar Tagen wohl auch schon erwähnt, da habe ich das Buchprojekt schon einmal angekündigt 🙂

Handmade Hygge: Strick-, Häkel- und Nähprojekte zum Wohlfühlen. Mit Schnittmusterbogen Von Carmen Wedeland, Barbara Sander, Manuela Seitter und Eva Scharnowski. Gebundene Ausgabe – erscheint am 11. September 2017.

Auflösung zur Frage: Was ist hyggeliger als Handarbeiten?
Handarbeiten, Essen und Reden gleichzeitig.