Was Romanautoren von Rezeptionisten lernen können

Statt an meinem Buch weiterzuarbeiten, habe ich diesen Sommer viel Zeit damit verbracht, in der Pension Bakkegaard Møns Klint mitzuhelfen, in der ich wohne. Ich habe Hunderten Gästen die Wanderwege an den Kreidefelsen beschrieben; einigen, die sich mehr Zeit nahmen, auch die verschlungeneren Pfade zu Treibholzansammlungen, Orchideenwiesen oder alten Opfersteinen. Ich habe Teller und Gläser gespült, Bettzeug verfrachtet und Unkraut gejätet.

Es war teils anstrengend, meist erfreulich, und immer wieder lehrreich. Meine Mappe mit Zeugnissen und Diplomen ziert jetzt auch ein dänischer Lebensmittelhygieneschein; ich kann unsere Kasse mit 119 Tasten bedienen und mindestens die Hälfte von dem verstehen, was mir unsere vielen schwedischen Gäste in perlendem Singsang mitteilen wollen. Und ich habe vieles gelernt, das ich in den nächsten Monaten gut anwenden kann, wenn es wieder still auf der Insel wird und ich an meinem Schreibtisch sitze:

Du kannst nicht jedermanns Geschmack treffen.
Die Zimmer in unserer Pension sind sehr unterschiedlich gestaltet, jedes von einem anderen Künstler aus Møn. Jeder Künstler hatte die Freiheit, sein eigenes Universum abzubilden, und wie unterschiedlich die Ergebnisse sind, könnt ihr in dieser Bildergalerie begutachten. So mancher Raum, der bei dem einen Gast nur verhaltene Zustimmung findet, löst bei dem anderen Begeisterung aus und den Wunsch, nächstes Jahr genau HIER mehrere Tage zu verbringen. Ich finde das spannender als die stromlinienförmig gestalteten Hotels, die man auf der ganzen Welt finden kann. Wer erzählt schon seinen Freunden nach dem Urlaub, wie gleichmäßig beige das Schlafzimmer war?

Ich bin vorsichtiger geworden darin, Dinge zu verurteilen, wenn sie mir selbst nicht gefallen – sie können bei anderen genau ins Schwarze treffen. Und wenn mir beim Schreiben schräge Ideen kommen, werde ich sie nicht gleich ausmerzen, sondern fröhlich weiterwuchern lassen – es sei denn, ALLE Testleser reagieren verhalten und gar niemand kann etwas damit anfangen 🙂

Nimm dir Zeit zu erzählen.
In meinen ersten Tagen als Rezeptionistin dachte ich, ich sollte die Ankommenden nicht lange aufhalten. Erklärung der Essenszeiten, Herumführen in der Pension, Wander- und Ausflugstipps – alles möglichst in drei Minuten, damit unsere Gäste schnell ihren Urlaub genießen konnten. Inzwischen weiß ich: Die Begrüßung ist Teil des Urlaubs, kann Spaß machen und ruhig etwas länger dauern. Es steigert die Urlaubsfreude noch mal, wenn man nach dem Panorama-Ausblick vom Speiseraum auch noch die Leseecke im hintersten Wohnzimmer gezeigt bekommt. Über die 497 Treppenstufen bis zum Kreidefelsenstrand kann man lachen, wenn man erfährt, dass man die Nachbartreppe hinauf NUR ca. 480 Stufen überwinden muss. Und wenn ich nebenbei mitbekomme, welche besonderen Interessen die Besucher haben, kann ich ihnen auch speziellere Tipps geben (Treibholz, Orchideen, Opfersteine).

Ich glaube, ich bin ruhiger geworden, auch in hektischen Situationen – denen man auf diese Weise viel von ihrer Hektik nehmen kann. In meinen Texten will ich mir Zeit nehmen, Situationen auszumalen und die Leser ganz in meine Welten hineinzunehmen. Das ist Teil des Erlebnisses, dafür sind sie gekommen. Und im Gegensatz zu meiner journalistischen Arbeit, wo ich möglichst viele Fakten in möglichst wenig Zeilen pressen musste, habe ich ja jetzt Hunderte Romanseiten Platz (oder die unendlichen Weiten des Internets). Solange die Leser nicht abspringen … danke, dass du noch da bist 🙂

Es muss nicht alles gleichzeitig perfekt sein.
Zwei Spanierinnen möchten ein Zimmer, eine Gruppe Dänen Kaffee und Kuchen im Innenhof. Zwei Deutsche, die morgen mit dem Bus weiterwollen, fragen nach dem Fahrplan. Die Kinderspielküche ist über den Fernsehraum verstreut und du hast vergessen, den Getränkekühlschrank aufzufüllen. Da klingelt das Telefon …
Durchatmen.
Die Leute haben Urlaub und sind entspannt.
Es muss nicht alles gleichzeitig perfekt sein.
Der Ausblick aufs Meer, das herrliche Wetter, der Besuch an den Kreidefelsen haben die Erwartungen der Gäste schon übertroffen. Der Tag ist schon jetzt ein Erfolg. Mit Erlaubnis der Spanierinnen kurz ans Telefon gehen, Kaffee aufsetzen und den Dänen erstmal kühles Wasser bringen. Sich Zeit für die Spanierinnen nehmen, die Dänen mit Kaffee und Kuchen versorgen. Zwei holen sich ein Lakritzbier, die Himbeerbrause hat noch niemand vermisst, jetzt kannst du in Ruhe den Kühlschrank auffüllen. Dann fallen dir die Bustouristen wieder ein – die unterhalten sich blendend mit den Spanierinnen und verabreden gerade, gemeinsam in deren Auto weiterzufahren. Am Abend siehst du nur lächelnde Gesichter – und das Fernsehzimmer hat niemand gebraucht.

Auch in einem Text muss nicht alles gleichzeitig perfekt sein. Natürlich, man gibt sein Bestes, will den Nobelpreis gewinnen, oder wenigstens eine Ausschreibung. Aber irgendwann ist der Tag auch rum und die Geschichte muss fertig sein. Ein packender Einstieg, eine lebensechte Hauptfigur, ein spannender Höhepunkt – das wird in Erinnerung bleiben. Im achten und neunten Absatz wiederholt sich ein Wort? Eine unbedeutende Nebenhandlung ist nicht sauber zum Abschluss gebracht? Kein Grund, das Werk noch zwei Jahre in der Schublade zu lassen und immer unsicherer zu werden, bis man es überhaupt nicht mehr veröffentlicht. Wenn du einen zündenden Plot hast und ein paar fesselnde Figuren – schreib drauflos, Details klären sich beim Schreiben oft von selbst. Lektorieren, Überarbeiten, Korrigieren – klar. Aber dann ist irgendwann auch gut. Es wird nie perfekt, und das muss es auch gar nicht sein.

Drückt mir die Daumen, dass ich diese Erkenntnisse am Schreibtisch auch umsetze 🙂

Welche Erfahrungen aus dem echten Leben haben euch bei kreativen Projekten weitergeholfen?

4 Gedanken zu “Was Romanautoren von Rezeptionisten lernen können

  1. Überlass dem Stress nicht die Oberhand! Dann wird alles nur chaotischer, das hab ich auch schon oft bei meinen Texten gemerkt. Da sitz ich dann lieber in totaler Ruhe bis nachts um 3 dran, um dann beruhigt schlafen zu gehen, weil ich weiß, dass es gut geworden ist. 🙂

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  2. Das ist sicher eine sehr gute Erfahrung, wie man im Chaos die Ruhe behält.
    Mir hilft unser Garten sehr. Da kann man nix kontrollieren, da ist immer etwas, er bringt viel Freude und unglaubliche viele Erfahrungen. Ich nehme die Schönheit der Natur in mich auf und versuche, mich nicht von angefressenen Pflänzelein oder plötzlich verstorbenen Bäumen ärgern zu lassen. 🙂 Er bringt sehr viel Ruhe und Gelassenheit, aber auch Inspiration durch die Farben. 🙂

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